Dienstag, 29. November 2022

Kommentar zur Fußball-WM in Katar
Die Erfolgsaussichten eines Boykotts sind gering

Die Gesellschaft habe offenbar das Bedürfnis, ein Zeichen gegen die Fußball-WM in Katar zu setzen, meint Maximilian Rieger. Doch vereinzelter Boykott werde da nicht reichen. Es bräuchte schon eine breite Mobilisierung von Millionen von Fans, die das Großsportevent ignorieren.

Ein Kommentar von Maximilian Rieger | 09.10.2022

Der offiziellen Spielball für die Fußball-WM 2022 in Katar liegt bei einer Pressekonferenz nach dem Fifa-Kongress im Doha Exhibition & Convention Center (DECC) auf dem Podium
Offenbar gebe es das Bedürfnis, ein Zeichen gegen die Fußball-WM in Katar zu setzen, meint Maximilian Rieger. (picture alliance / dpa / Christian Charisius)
Vor etwas mehr als einer Woche bin ich aus Katar zurückgekehrt, von einer Recherche-Reise. Und kaum zurück hat mich Julian, ein Bekannter, gefragt: Was meinst du, sollte ich die WM in Katar gucken?
Und ich war erstmal überrascht, denn dass ein eher klassischer Event-Fan sein Verhalten so in Frage stellt, ist neu. Aber eine einfache Antwort hatte ich nicht.
Offenbar gibt es das Bedürfnis, ein Zeichen gegen diese WM zu setzen, durchaus auch mit dem Ziel, der FIFA und Katar irgendwie weh zu tun. Die Idee ist: Fernsehsender zahlen nur deshalb Milliarden an die FIFA, weil so viele Leute die WM gucken. Wenn jetzt weniger Leute gucken, dann geben die Sender in Zukunft weniger Geld an die FIFA.
Das Problem: Die wenigsten Menschen in Deutschland haben eine Quoten-Box zu Hause, mit denen die TV-Quoten gemessen werden. Ob Julian ein Spiel guckt oder nicht, ist für die Quote egal. Online sieht das natürlich anders aus, dort zählt jeder Klick.

Die FIFA ist ein autokratisches System

Aber trotzdem: Ein Boykott von ihm alleine? Praktisch wirkungslos. Es bräuchte schon eine breitangelegte Mobilisierung, die Millionen eigentlicher Fans dazu bringt, die WM zu ignorieren – und seien wir realistisch: In einem kalten November voller Krisen werden sehr viele Leute vorm Fernseher sitzen und froh über Ablenkung sein.

Ich war wirklich bemüht, Julian einen konstruktiven Ansatz zu liefern – aber es ist mir wirklich schwergefallen. Denn die FIFA ist ein autokratisches System. Und die WM zeigt auch Menschen in Demokratien wie Deutschland, wie machtlos der Einzelne in so einem System ist.

Mitbestimmung ist nicht vorgesehen, nicht bei der FIFA, aber auch den DFB-Präsidenten kann ich als Vereinsmitglied zum Beispiel nicht wählen.
Wenn man daran etwas ändern wollen würde, müsste man sich wahrscheinlich den Fan-Organisationen anschließen, die sehr viel Zeit darauf investieren, die Verbände demokratischer zu machen.
Die Erfolgsaussicht, durch einen Boykott das System der FIFA grundlegend zu reformieren, ist also sehr gering. Sie können die WM aber natürlich auch boykottieren, um Ihr Gewissen zu erleichtern. Weil Sie zum Beispiel nicht ertragen können, wie Gastarbeiter in Katar behandelt werden.

Selbst, wenn es nicht stimmt, dass Tausende Gastarbeiter auf WM-Baustellen gestorben sind – diese Zahl ist eine journalistische Ente, die sich leider durch unbedachtes Abschreiben in vielen Medien festgesetzt hat.

Ab wie vielen Toten gucken Sie denn keine WM mehr?

FIFA-Präsident Gianni Infantino nutzt das geschickt aus und behauptet seit Monaten, dass nur drei Arbeiter auf den WM-Baustellen gestorben seien. Und in der Tat sind laut den Berichten des Organisationskomitees nur drei Menschen bei klassischen Arbeitsunfällen ums Leben gekommen.

Hinzukommen aber auch noch 37 andere Arbeiter, teilweise sehr junge Arbeiter, die auf dem Weg zu den Baustellen verunglückt sind – oder während einer Arbeitspause kollabiert sind. Und nachdem ich die schwüle Hitze in Katar erlebt habe, kann ich kaum glauben, dass zumindest ein Teil dieser Todesfälle nicht durch die Hitze oder sonstige körperliche Überlastung verursacht wurden.

Und hier werde ich endgültig zynisch: Ab wie vielen Toten gucken Sie denn keine WM mehr? 3? 40? 6500? Alleine, dass sich Fans diese Frage stellen müssen, zeigt, wie verkommen das System FIFA ist.

Situation der Arbeiter in Heimatländern noch schlechter

Und um die Abwägung noch komplizierter zu machen, zum Abschluss noch ein Gedanke; Ich habe in Katar mit einigen Arbeitern gesprochen. Sie arbeiten in langen Schichten, leben in kleinen Unterkünften ohne Privatsphäre. Aber sie haben mir auch gesagt: Es geht ihnen in Katar besser als in ihren Heimatländern Nepal, Bangladesch, Philippinen. Weil sie in Katar mehr Geld verdienen, als sie es zu Hause könnten. Katar kann diese Menschen also ausbeuten, weil es in Asien und Afrika viele Menschen gibt, für die dieses Leben in Katar immer noch die bessere Alternative ist.

Und wir können und müssen zurecht mit dem Zeigefinger auf Katar zeigen und die Verhältnisse dort anprangern. Aber wenn wir uns mit unserem Konsum und unseren Lieferketten beschäftigen, werden wir schnell feststellen, dass dann auch drei Finger auf uns zeigen – weil wir im Globalen Norden auch eine Mitschuld an den Verhältnissen in den Heimatländern der Arbeiter tragen.

Als ich im Gespräch mit Julian an diesem Punkt angekommen war, hatte ich nur noch die etwas hilflose Idee, direkt an Hilfsorganisationen in Nepal zu spenden. Oder eine Mail an den lokalen Bundestagsabgeordneten zu schreiben mit der Forderung, das Lieferkettengesetz zu verschärfen.

Nur wegzusehen hilft auf jeden Fall nicht.