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StartseiteKommentare und Themen der WocheVom Staat instrumentalisiert15.07.2018

WM in RusslandVom Staat instrumentalisiert

Die Fußballwelt war von der WM in Russland begeistert, Wladimir Putin hat geliefert. Doch, so kommentiert Gesine Dornblüth, hinter den Kulissen galten und gelten die repressiven Spielregeln etwa gegenüber Oppositionellen weiter.

Von Gesine Dornblüth

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Putin (re.) hält eine goldene Trophäe, Infantino kommt von links auf ihn zu. Vor der Bühne stehen Zuschauer. (AFP/Mladen ANTONOV)
Welle kollektiver Glückseligkeit - wie zuletzt nach der Annexion der Krim (AFP/Mladen ANTONOV)
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So ein schönes Land! So nette Leute! Und diese Gastfreundschaft! Die Fußballwelt ist begeistert. Russland hat alles getan, damit sich die Fans während der Weltmeisterschaft wohlfühlen konnten. Die Nikolskaja-Straße in Kremlnähe glich einer ständigen Partymeile. Polizisten gaben den Fremden lächelnd Auskunft. Einen Monat lang flimmerten Bilder dieses feiernden, strahlenden und ausgelassenen Russlands auf die Fernsehbildschirme der Welt.

Russland ist aber ein autoritärer Staat, in dem das eigene Volk gegängelt wird und der Krieg in die Nachbarstaaten bringt.

Ein Widerspruch? Überhaupt nicht. Denn beides entspricht der Realität.

Die Fans und die nur kurzzeitig in Russland arbeitenden WM-Reporter haben eine Ausnahmesituation erlebt, sie haben nur einen Ausschnitt der russischen Wirklichkeit gesehen.

Beispiel gefällig?

Vor wenigen Tagen wurden zwei Vertreter der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial in der Nähe des Kreml vorübergehend festgenommen, nur ein paar hundert Meter von der Partymeile Nikolskaja entfernt. Die beiden Russen hatten schweigend für die Freilassung ihres Kollegen Ojub Titijew demonstriert. Der hat Folter und Misshandlungen in der russischen Teilrepublik Tschetschenien kritisiert.

Russische Menschenrechtler hatten vor der WM auf Zugeständnisse gehofft, insbesondere auf die Freilassung Titijews – ergebnislos. Der DFB hat Memorial übrigens während der WM einen Besuch abgestattet. Russlands Politik bleibt repressiv.

Die Reporter haben zu Recht über feiernde Fans berichtet, über die Schönheit des Landes. Die Tatsache aber, dass der Sportjournalist Hajo Seppelt nicht fahren konnte, weil es für ihn nach seinen Recherchen zum Staatsdoping in Russland zu gefährlich war, ist und bleibt ein Skandal. Dass IOC-Präsident Thomas Bach Vladimir Putin die Ehre gab, ist ein Schlag ins Gesicht jedes sauberen Sportlers.

Russische Medien haben die WM instrumentalisiert

Erwartungsgemäß haben russische Medien die WM instrumentalisiert, um berechtigte Kritik an Russland zu diskreditieren. Zahlreiche ausländische Fans haben den russischen Staatsmedien in den vergangenen Wochen begeisterte Interviews gegeben. Sie werden als Gewährsleute missbraucht, um westliche Politiker und Berichterstattung über Missstände zu diskreditieren, nach dem Motto: Den Fans gefällt es in Russland, ergo: die Russland-Kritik von Politikern ist böswillig, Journalisten berichten falsch, manipulativ und voreingenommen, haben den Kontakt zur Realität verloren. Das ist blanker Unsinn.

Die Propaganda hat den Russen über Jahre eingetrichtert, dass Russland von Feinden umgeben sei und sich verteidigen müsse. Unter anderem darauf fußt Putins Macht. Viele Russen haben eine völlig verquere Vorstellung davon, was Ausländer über sie denken. Zum Beispiel, dass Bären durch russische Städte laufen. Ernsthaft. Die WM hat diese Feindpropaganda und angeblichen Mythen ein wenig durchbrochen, dank der feiernden Fans.

Dass sich die Menschen näher gekommen sind, ist gut. Und es ist auch gut, dass die Russen erfahren haben, dass sie gemocht werden. Ihnen wird Anerkennung entgegengebracht, und zwar nicht, weil sie anderen Angst einflößen. Ein russisches Sprichwort lautet: "Nur wen man fürchtet, den respektiert man." Die Menschen wurden aber gemocht, weil sie nett waren.

Es wäre eine positive Entwicklung, wenn diese Offenheit und Gelassenheit in der russischen Gesellschaft anhielte. Jene Fans, die jetzt so begeistert von Russland sind, können ihren Teil dazu beitragen, indem sie gleich noch einmal dorthin fahren. Vielleicht die neuen Bekanntschaften noch einmal treffen. Beim zweiten Mal kann man dann auch über Politik reden, ohne in patriotische Verteidigungshaltungen zu verfallen.

War die WM nun ein großer Triumph für Wladimir Putin? Wer das glaubt, überschätzt den Fußball.

"Wir sind stolz darauf, was wir für die Fans geschafft haben", so der Präsident. Das dürfte es dann auch gewesen sein: Der Nation noch etwas mehr Nationalstolz und Gemeinschaftsgefühl einzuflößen. Es geht den russischen Machthabern um eine erneute Welle kollektiver Glückseligkeit, wie sie das Land zuletzt nach der Annexion der Krim erlebt hat.

Doch nur, weil ein Land ein guter Gastgeber ist, hat die Regierung nicht das Recht, dem Nachbarn eine Halbinsel zu stehlen, Kritiker zu bedrohen. Dementsprechend haben die Staats- und Regierungschefs der EU die Sanktionen gegen Russland erneut verlängert, während der Weltmeisterschaft.

Gesine Dornblüth, Deutschlandradio-Korrespondentin in Moskau (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Gesine Dornblüth (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Gesine Dornblüth wurde 1969 in Niedersachsen geboren. Sie studierte Slawistik und promovierte über russische Lyrik. In den 90er-Jahren gründete sie mit ihrem Partner das Büro "texte und toene" in Berlin und produzierte fünfzehn Jahre Alltagsreportagen, Langzeitdokumentationen, politische Analysen aus Russland, der Ukraine, dem Südkaukasus und vom Balkan. Von 2012 bis 2017 war sie Korrespondentin von Deutschlandradio in Moskau.

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