Sonntag, 05. Februar 2023

Kommentar zum Spiel Iran-USA
Wenn der Mut für echte politische Entscheidungen fehlt

Eigentlich sei es egal, wer die Begegnung Iran gegen USA bei der Fußball-WM in Katar gewinne, kommentiert Torsten Teichmann. Es gehe um Strukturen und Interessen, nicht um Symbole. 

Ein Kommentar von Torsten Teichmann | 29.11.2022

Fans der USA und des Irans posieren in Doha vor ihrem WM-Aufeinandertreffen
Sport bleibt politisch aufgeladen, besonders wenn die USA und der Iran aufeinandertreffen. (dpa / picture alliance / Mike Egerton)
Die Verbindung von Sport und Iran sorgt immer wieder für politische Schlagzeilen: Elnaz Rekabi zum Beispiel. Die Iranerin trat im Oktober in Seoul bei den Asienmeisterschaften im Klettern ohne Hidschab an. War es ein politisches Statement? Später entschuldigte sich die Sportlerin, sie habe einfach vergessen, das Kopftuch zu tragen.
Wenig Zweifel an der Absicht lassen dagegen die ideologische Durchhalteparole von Irans geistlichem Oberhaupt, Ali Khamenei. Wenn sich Irans Ringer dem Wettkampf mit Athleten aus Israel verweigern, sei das keine Niederlage, sondern ein Sieg, so Khamenei im September.
So bleibt Sport politisch aufgeladen. Und deshalb wird die Begegnung der Fußballnationalmannschaften aus den USA und Iran mit besonderer Spannung erwartet. Zwei Nationen stehen sich gegenüber. Erzfeinde, die traumatisiert auf Schnittpunkte ihrer gemeinsamen Geschichte zurückblicken.
Aus amerikanischer Sicht ist es der Sturm auf die US-Botschaft in Teheran im November 1979, der alles überschattet. Studenten, erklärte Anhänger der islamischen Revolution, nahmen über 50 Diplomaten der Vereinigten Staaten als Geiseln. 444 Tage lang. Die USA verhängten schon damals Sanktionen gegen Iran.
Die Verwundungen auf iranischer Seite reichen weiter zurück: Knackpunkt ist der Sturz von Mohammed Mossadegh 1953 auf Betreiben unter anderem des amerikanischen Geheimdienstes CIA. Aber der Fußball hat wenig mit dem tatsächlichen, realpolitischen Verhältnis zu Iran zu tun. Die USA und der Westen wären zuletzt gern wieder zum Atomvertrag mit Iran zurückgekehrt. Mit dem Ziel, das Regime in Teheran am Bau einer Atombombe zu hindern.

Letztlich geht es aber auch um Geschäfte

Letztlich geht es aber auch um Geschäfte. Für US-Präsident Biden wäre Öl aus Iran eine Alternative für den Weltmarkt; eine Alternative zur russischen Förderung und den bockigen Saudis. Europa will Maschinen, Flugzeuge und Autos nach Iran verkaufen. 
Es geht um Strukturen und Interessen, nicht um Symbole – eigentlich ist es egal, wer die Begegnung in Katar gewinnt. Und sollten die Protestierenden auf den Straßen in Iran ein weiteres Zeichen der Solidarität erwarten, könnten sie enttäuscht sein. Iran Nationalmannschaft singt den Text wieder.
Der Weltfußballverband hält an seiner Haltung fest. Die Funktionäre dulden keine Armbinde als Zeichen des Respekts gegenüber allen Menschen. Katar wird kaum zusehen, wie sein gutes Verhältnis zum iranischen Regime den Bach runtergeht, wegen eines Fußballspiels. Und so schauen wir alle weiter auf Gesten, Erzfeinde und Symbole. Es ist ein Spiel, weil häufig der Mut fehlt für echte politische Entscheidungen.
Zu zögerlich sind wir bereit, im Anblick der Proteste in Iran unsere eigenen Interessen tatsächlich einmal zurückzustellen.