Donnerstag, 13.05.2021
 
Seit 07:05 Uhr Information und Musik
StartseiteCorsoEmpathie ist nichts Zielgruppenspezifisches03.02.2021

Wo bleibt das diverse Talk-Format?Empathie ist nichts Zielgruppenspezifisches

"Wunderkrass" findet Videojournalistin Esra Karakaya ihre Gäste. Die sind meist jung, divers und reden in "Karakaya Talks" nie so, wie man es aus dem TV gewohnt ist. "Medienmacher brauchen eine Sensibilität für die Menschen, die bisher vergessen wurden", fordert die Produzentin im Deutschlandfunk.

Esra Karakaya im Gespräch mit Kolja Unger

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
(WDR/Christoph-Kürbel -2000x1333.jpg)
Esra Karakaya in typisch entspannter Moderationshaltung (WDR/Christoph-Kürbel -2000x1333.jpg)
Mehr zum Thema

Nalans Late Night Show "Nichts Schönes war jemals einfach“

Doku "Kino Kanak" Der deutsche Film braucht mehr Diversität

Struktureller Rassismus Wenn Weiße Schwarze synchronisieren

Diversität im Film "Deutschsein hat ganz viele Facetten"

Vielfalt im Film Neue Diversität bei den Oscars

Der WDR hat Ende Januar eine Folge des Talk-Formats "Die Letzte Instanz" wiederholt: Vier weiße Deutsche lassen sich darüber aus, dass sie ja nichts Rassistisches mehr sagen dürften und tun doch genau das: Benutzen das Z-Wort, relativieren die Erfahrungen von marginalisierten Gruppen und spielen Diskriminierungserfahrungen wie Sexismus und Rassismus gegeneinander aus. Der Shitstorm in den sozialen Medien war allgegenwärtig.

Das ist nichts Neues. Spätestens seit die Organisation Neue Deutsche Medienmacher*innen 2019 denPolitische Talkshows in ARD und ZDF den Negativpreis die Goldenen Kartoffel verliehen haben wurde die Debatte über mangelnde Repräsentation schon rauf und runter geführt.

"Ganz oft werden Menschen vergessen"

Das Problem blieb jedoch bestehen:"Ganz oft werden Menschen vergessen", sagte die Videojournalistin Esra Karakaya im Deutschlandfunk. "Und es ist nicht erst seit gestern, dass diese Menschen sagen, dass sie gesehen werden wollen und gehört werden wollen." Für sie liege es in der Verantwortung von Medienhäusern, egal welchen, diese Menschen und ihre Lebenswirklichkeiten auch mitzudenken und zu representieren. 

Die Menschen in Machtpositionen, also Intendanz und Programmdirektion müssten erstmal, so Karakaya, "verstehen dass da ein Problem ist, dass dann angehen und da auch Gelder reininvestieren. Einfach auslagern auf eine Integrationsbeauftge - das geht nicht!" Karakaya schwebt da ein holistischer Ansatz vor: "Die müssen eine Kultur kreieren, in der es selbstverständlich ist, dass wir sensibler, empathsicher, respektvoller sind."

Karakaya Talk

Esra Karakaya bezeichnet sich selbst als Millenial und nimmt für sie und die nachfolgenden Generationen in Anspruch, ein stärkeres Bewusstsein für die Notwendigkeit dieser Werte zu haben.

Angefangen als Videojournalistin hat sie beim Lokalsender Alex Berlin. Youtube stellte für sie die Möglichkeit dar "einfach Content hochzuladen und zu distibuieren". Dieser Content, das war in allererster Linie das Format: Blackrock Talk - eine englische Übersetzung ihres türkischen Nachnamens.

Auf ihrem Youtube Kanal hat sie genau das anders gemacht, was sie den großen Medienhäusern vorwirft: Sie lässt Menschen zu Wort kommen, die in den großen Talk-Shows fehlen. Es geht um Pop und Politik, oft persönlich, aber immer respektvoll. Die Gäste sitzen bei einem Tee zusammen und sprechen über meistens schwierige Themen wie interreligiöses Dating mit einer großen Leichtigkeit.

Was die Zusammenarbeit unfruchtbar macht

Das Potenzail des Formats erkannte 2019 auch das Content Netzwerk Funk und kaufte die Show unter dem Namen "Karakaya Talk" ein. Das Format gewann 2020 den Axel Springer Preis für junge Journalisten und wurde mit dem Grimme Online Award in der Kategorie Kultur und Unterhaltung ausgezeichnet. Dennoch musste Esra Karakaya im Mai letzten Jahres bekanntgeben, dass es bei Funk keine weiteren Folgen mehr geben werde.

Als Grund dafür sagte sie gegenüber dem Deutschlandfunk: "Es war einfach nicht mehr der richtige Zeitpunkt für eine fruchtbare Zusammenarbeit."

Und das hat vermutlich mit einem grundsätzlichen Problem zu tun, das, so Karakaya, immer auftrete, wenn große Geldgeber wie auch die Öffentlich-Rechtlichen hinter einem Format stünden:

"Hand aufs Herz, ich kann immer Inhalte produzieren, die den weißen Intendant*innen gefallen, aber, wenn meine Zielgruppe das nicht feiert, habe ich auch nichts davon." Also der Verlust der Deutungshoheit und des Publikums, an das man sich eigentlich richten möchte, sobald größere Institutionen einem reinredeten.

Neue Herangehensweise für neue Formate

Für die Zukunft empfiehlt sie den Medienhäusern "neue Herangehensweisen, wie Formate entwickelt werden und wie sie sich auch entwickeln dürfen."

Esra Karakaya macht weiter. Wieder auf Youtube, aber ohne Unterstützung des WDR. Der neue Titel klingt fast wie der alte: Karakaya Talks. "Wir betreiben Journalismus und das braucht Zeit, kostet Geld. Wir arbeiten jetzt daran unsere Geschäftsmodelle weiter auszubauen."

Mitte Februar plane sie eine Folge über die Auswirkungen des rechtsterroristischen Anschlags in Hanau.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk