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StartseiteUmwelt und VerbraucherWo die wilden Kräuter noch wachsen dürfen14.08.2008

Wo die wilden Kräuter noch wachsen dürfen

Sanfte Schädlingsbekämpfung rettet die Artenvielfalt auf den Feldern

Mehr Kraut als Rüben werde demnächst auf deutschen Äckern wachsen, falls die EU strengere Zulassungsbedingungen für Pestizide einführen würde. So warnte jüngst der Industrieverband Agrar (IVA) - ein Zusammenschluss der großen Pflanzenschutzhersteller. Tatsächlich sind aber viele "Unkräuter" vom Aussterben bedroht: Mohn, Kornblumen und Schwarzkümmel sieht man kaum noch auf den Äckern. Um die Artenvielfalt zu retten, wollen Agrarwissenschaftler der Universität Göttingen Landwirte dazu ermutigen, auf ihren Feldern nicht nur Getreide, sondern auch Wildkräuter zu produzieren - dafür werden diese belohnt.

Von Elke Drewes

Gräser im Wind (Stock.XCHNG / Troy Stoi)
Gräser im Wind (Stock.XCHNG / Troy Stoi)

Seit 30 Jahren baut Johannes Brandes aus Krimmensen im Kreis Northeim ganz konventionell Winterweizen an. Aber seit diesem Jahr lässt er zwischen den Weizenhalmen auch die Wildkräuter wachsen.

"Da sieht man jetzt: Distel, Klettenlabkraut, Kamille, Klatschmohn, Schachtelhalm, Taubnessel, Flohknöterich, Ackerhellerkraut, Ehrenpreis, Weidenröschen sogar. Ich war überrascht, dass so viele Kräuter noch da sind."

Anstatt auf seinem Acker alle Arten von Unkräutern zu bekämpfen hat Brandes diesmal ein Herbizid eingesetzt, das nur gegen Gräser wirkt und breitblättrige Kräuter und Wildblumen stehen lässt. Für seinen blütenreichen Acker wird er jetzt belohnt. Denn Agrarwissenschaftler der Universität Göttingen haben für den Raum Northeim ein Pilotprojekt entwickelt: Landwirte, die mindestens 10 Blumen und Wildkräuter auf ihrem Acker nachweisen können, erhalten eine Prämie. Das Besondere an dem Northeimer Programm ist: es gibt keine Auflagen, allein das Ergebnis zählt. Johannes Brandes ist einer von 18 Landwirten im Kreis Northeim, die sich an dem neuen Ackerprogramm beteiligen.

"Unter anderem muss ich sagen, aus Interesse, wie viele Wildkräuter noch da sind. Was mir Leid tut, ist das die Kornblume nicht da ist, die sieht man nur noch selten heutzutage."

Was der Landwirt dafür an Prämie bekommt, bestimmt er selbst. Als Ausgleich für einen geringeren Ertrag, weil er auf einen Großteil an Dünge- und Spritzmittel verzichtet hat, erklärt Jan Freese vom Zentrum für Landwirtschaft und Umwelt der Uni Göttingen.

"Denn jeder Landwirt hat verschiedene Produktionskosten, gute, schlechte Qualität der Böden, und da kann er preiswerter oder teurer die Ackerkräuter produzieren. Aber man kann im Prinzip sagen, wir haben Preise von etwa 100 Euro bis zu 500, 600 Euro angeboten bekommen pro Hektar."

Aber damit die Preise nicht unwillkürlich nach oben schießen, bewerben sich die Landwirte in Konkurrenz zueinander. Das heißt, wer ein sehr hohes Angebot macht, riskiert, dass er von anderen Landwirten unterboten wird, die die Ackerkräuter günstiger produzieren. Außerdem darf ein bestimmtes Budget nicht überschritten werden. Agrarwissenschaftler Jan Freese geht davon aus, dass Ökobauern die Wildkräuter günstiger produzieren können als konventionelle Landwirte wie Johannes Brandes. Dieser hat 450 Euro pro Hektar Ausgleichsprämie beantragt.

"Das gleicht aus die erhebliche Ernteerschwernis, Minderertrag, selbst Strohqualität- Minderung, das wird teuer und das ist der Ausgleich dafür. Das Risiko ist doch einigermaßen hoch, wie Sie sehen, blüht da auf dem anderen Acker die Hundspetersilie und das ist ein schwierig zu bekämpfendes Unkraut in Zuckerrüben."

Die Mittel kommen von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt in Osnabrück sowie von Sponsoren und vom Landkreis Northeim.
Lena Ulber vom Zentrum für Landwirtschaft und Umwelt geht auf die Äcker der Landwirte, die sich um Ausgleichsprämien bewerben, und zählt die unterschiedlichen Arten an Wildkräutern - und zwar in der Feldmitte. Denn am Ackerrand, wo meist weniger gespritzt wird, wachsen sowieso mehr Kräuter.

"Es gibt eben diese Flächen, wo man die normalen Unkräuter findet, zum Beispiel Vogelmiere, Taubnessel, auch so Arten, die der Landwirt nicht so gerne auf seinem Acker haben will wie zum Beispiel Klettenlabkraut. Und dann gibt es die Flächen, meist ökologische Flächen, wo man zum Beispiel die Kornblume findet, die hier im Landkreis nicht so häufig ist."

Nächstes Jahr soll das Ackerprogramm fortgesetzt werden, möglichst auch in anderen Teilen Niedersachsens, sagt Jan Freese vom Zentrum für Landwirtschaft und Umwelt der Uni Göttingen:

"Das ist immer unsere Hoffnung, dass - wenn wir von der Wissenschaft lange genug experimentieren und in der Region den Rückhalt haben und die Landwirte machen wirklich auch mit -, dass man dem Land Niedersachsen kann: Wenn Ihr was im Acker machen wollt, wenn es um Wildkräuter geht, dann versucht doch unser Programm umzusetzen."

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