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StartseiteKommentare und Themen der WocheVerfehlter Aufschrei der Wolfsschützer22.05.2019

Wölfe in DeutschlandVerfehlter Aufschrei der Wolfsschützer

Eine neue Gesetzeslage will den Abschuss von Wölfen in Deutschland unter bestimmten Bedingungen genehmigen. Damit werde das Vertrauen der Bürger in den Staat gestärkt. Viel zu lange habe man sie mit einem Problem allein gelassen, das längst zu einem Politikum geworden sei, kommentiert Alexandra Gerlach.

Von Alexandra Gerlach

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Drei Wölfe (Canis Lupus Lupus), aufgenommen am 18.01.2017 in einem Gehege des Biotopwildpark Anholter Schweiz in Isselburg (Nordrhein-Westfalen). (dpa / picture-alliance / Bernd Thissen)
Wölfe in einem Wald. (dpa / picture-alliance / Bernd Thissen)
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Ja, da drohte etwas aus dem Ruder zu laufen. Es war höchste Zeit für die Politik zu reagieren. Die rasant zunehmende Zahl der wieder heimisch gewordenen Wölfe in Deutschland sorgte seit langer Zeit - und weitgehend unbeachtet von der Berliner Politik - für gravierende Verwerfungen in den betroffenen, ländlichen Gebieten, in Sachsen, Brandenburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein im Norden sowie Baden-Württemberg im Süden. Seit der Wolf 2001 nach Deutschland zurückgekehrt ist und sich zunächst fast unbemerkt auf Truppenübungsplätzen im Osten angesiedelt hatte, herrscht in vielen Dörfern Unruhe, denn Urängste wurden wach.  

Als "netter Nachbar" funktionierte der Wolf nicht

Da half auch die wissenschaftlich unterfütterte Aufklärung der Wolfsforscher und -berater nicht. Die Versuche, das Raubtier als quasi netten Nachbarn aus dem Wald in das Alltagsleben einzuführen, schlugen fehl. Da der Wolf keine natürlichen Feinde hat, traut er sich immer näher an die von Menschen bewohnten Gebiete und an ihre Haus- und Nutztiere heran. Denn der Wolf ist bislang in Deutschland durch das Bundesnaturschutzgesetz sowie durch EU-Recht streng geschützt. Das heißt, der Wolf ist bei uns zwar in das Jagdrecht aufgenommen, darf aber zugleich keinesfalls – von eng gefassten Ausnahmen abgesehen – geschossen werden.

Doch seit die Wölfe ihr Revier längst nicht mehr nur in verlassenen Wäldern suchen, sondern auch auf besiedeltes Gebiet ausdehnen, gibt es zunehmend Konflikte mit Weidetierhalten, allem voran mit den Schäfern. Inzwischen sind auch Rinder- und Pferdezüchter von Kalbs- oder Fohlenrissen auf ihren Koppeln betroffen. Groß ist der Schaden, den sie erleiden, selbst wenn sie ihre wertvollen Zuchttiere vorschriftsmäßig und vom Staat mit viel Steuergeld gefördert, gesichert haben. Für die bäuerliche Landwirtschaft und Bio-Landwirtschaftsbetriebe lautet inzwischen vielerorts die Devise "Wolf oder Weide".

Der intelligente Wolf wird handeln

Die neue Gesetzeslage sieht vor, dass der Abschuss von Wölfen genehmigt wird, wenn sie "zeitlich und räumlich" eng hintereinander "ernste Schäden" für Nutztierhalter verursacht haben. Diese Genehmigung kann auch auf ganze Wolfsrudel ausgeweitet werden. Allerdings nur auf Einzelanordnung der unteren Naturschutzbehörden, um weiteren Schaden abzuwenden. Denn wenn der Wolf einmal entdeckt hat, wie leicht es ist an gute Beute zu kommen, kehrt er zurück.

Der Aufschrei der Wolfsschützer gegen diese Neuregelung geht fehl. Denn es geht nicht darum, den Wolf wieder auszurotten. Die neue Gesetzeslage wird vielmehr das Vertrauen der Bürger in den Staat stärken und dem intelligenten Wolf Respekt einflößen. Schnell wird er erkennen, dass es für ihn gefährlich ist, sich menschlichen Ansiedlungen zu nähern. Die gemäßigte Einhegung des Wolfes durch das neue Gesetz dient insoweit auch der Akzeptanz des Artenschutzes im Bewusstsein der Bürger. Viel zu lange sahen sie sich alleingelassen mit einem unlösbaren Problem, das längst zu einem - auch für die anstehenden Wahlen entscheidenden - Politikum geworden ist.

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