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StartseiteCorsoBarcelona streitet um Mini-Wohnkapseln06.11.2018

Wohnen in WabenBarcelona streitet um Mini-Wohnkapseln

Wohnraum in Großstädten ist knapp. In Barcelona will eine Firma nach japanischem Vorbild Schlafkapseln vermieten: übereinander gestapelte Boxen mit Zugang zu Gemeinschaftsküche und Gemeinschaftswohnzimmer. Die Behörden stellen sich bislang quer. Doch Haibu 4.0 will trotzdem weitermachen.

Von Julia Macher

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(Deviant Gallery Barcelona)
Musterwohnwabe in Barcelona nach japansichem Vorbild (Deviant Gallery Barcelona)
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Der Besichtigungstermin der Musterwohnung dauert keine 40 Sekunden. Victoria Cerdán zieht Kopf und Schultern ein, beugt die Knie, kriecht aufs blau bezogene Bett. Sie streckt die Hand aus, drückt auf einen Schalter und ein baar bunte Lichter blinken auf. Willkommen in der Wohnwabe.

"Die Schlafboxen sind 1,20 breit, 1,20 hoch und 2,20 lang: Das ist Platz genug für ein Bett, mit Stauraum drunter. Dann gibt es noch hier einen Klapptisch, ein Bücherregal, einen Tresor für Persönliches. Es ist also ein Bett mit ein bisschen Privatsphäre in einem geteilten Wohnraum. Wir haben die Privatsphäre, den persönlichen Raum reduziert zugunsten eines günstigen Preises reduziert".

Kein Sex, keine Schweißfüße

Gemeinschaftsküche, Gemeinschaftsbad, Gemeinschaftwohnzimmer muss man sich noch vorstellen. Auf den Werbefotos nippen gut gelaunte Mittdreißiger auf hotelähnlichen Terrassen am Milchkaffee. 200 Euro soll die Miete kosten. Konkurrenzlos günstig für eine Stadt wie Barcelona, sagt Victoria Cerdàn und fügt dann mit sehr selbstbewussten Lächeln hinzu:

"Wir stoppen so die Spekulation. Denn wenn wir so günstig Wohnraum anbieten, wird niemand mehr ein Zimmer für 4,5,600 Euro mieten. Der Bedarf ist da,viele sind bereit auf einen Teil der Privatsphäre zu verzichten, um weiter in Barcelona zu leben."

Mehr als tausend Anträge auf eine Wohnwabe will Haibu 4.0 bereits erhalten haben. Die Aufnahmekriterien sind streng: Bewerber müssen zwischen 27 bis 43 Jahre alt, seit mindestens  sieben Jahren ortsansässig sein und ein lupenreines Führungszeugnis vorlegen. Sex ist verboten, Schweißfüße und andere unangehme Gerüche sind zu vermeiden. Steht in den Statuten.

"Leben ist bei uns mehr als Arbeiten und Schlafen"

Nicht drinnen steht, dass die Firma noch über keinerlei Lizenz verfügt. Die wird es auch nicht geben. Für japanische Schlafnischen ist in Barcelona kein Platz, sagt Josep Maria Montaner, Stadtrat für Wohnungsbau.

"In Hostals sind solche Unterkünfte zwar denkbar, aber als Wohnraum ist das einfach unmöglich. Für den Wohnraum gibt ein gesetzliches Minimum: sechs Quadratmeter für ein Einzelzimmer. Drunter geht es nicht. Eine würdige Wohnung braucht nicht nur eine bestimmte Quadratmeterzahl, sondern auch Luftzufuhr und eine bestimmte Qualität."

Auch bei der katalanischen Architektenkammer schlägt man über den Import aus Japan die Hände über dem Kopf zusammen. Vizepräsidentin Sandra Bestraten: "Japan hat einfach eine ganz andere Wohn- und Arbeitskultur. Ich habe japanische Kollegen, die eine Matratze unter ihrem Schreibtisch haben. Für uns ist das undenkbar.  Leben ist bei uns mehr als Arbeit und Schlafen. Der Mensch ist ein soziales Wesen, das sich von unterschiedlichen Erfahrungen ernährt. Und dazu braucht er in unserer Kultur unterschiedliche Räume,  öffentliche, aber auch individuelle und private."

Klubbeitrag statt Miete

Für die Entfaltung des westlichen Individuum braucht es eben Platz. An diesem Grundkonsens der Moderne wagen selbst die jungen Wilden nicht zu rütteln. Auch Leuchtturmprojekte wie das Wohnkollektiv La Borda bieten ihren Bewohnern neben riesigen Gemeinschaftsflächen private Rückzugsorte. Nur so könne man in einer Wohnung tatsächlich sein Leben verwirklichen, sagt Bestraten.

Solche Grundsatzdebatten wischen die Wohnwabenerfinder weg wie lästige Fliegen. Nach dem Nein von der Verwaltung wollen sie sich jetzt als Stiftung etablieren. Die 200 Euro wären dann keine Miete, sondern eine Art Klubbeitrag, die die Nutzung der Schlafkabinen und Gemeinschaftsräume ermöglicht. Bis sich in einer anderen europäischen Stadt eine Verwaltung kulanter zeigt.

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