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StartseiteKommentare und Themen der WocheSinnbild, Feindbild und Politikum26.05.2019

Wolf in DeutschlandSinnbild, Feindbild und Politikum

Wie viel Wolf verträgt unsere Gesellschaft, fragt Peter Pauls im Dlf. Die Anwesenheit des Wolfes in Deutschland berühre existenzielle Fragen. Und die Diskussion darum zeige auch, wie kompliziert es sei, wenn der Mensch Natur spiele.

Von Peter Pauls

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Wölfe in einem Wildpark in Niedersachsen (dpa-Bildfunk / Lino Mirgeler)
Wie soll mit der Anwesenheit des Wolfes in Deutschland umgegangen werden? (dpa-Bildfunk / Lino Mirgeler)
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Künftig geht es dem Wolf in Deutschland schneller an den Kragen. Das ist der Kern einer Einigung der Ministerinnen für Landwirtschaft und Umwelt, von Julia Klöckner (CDU) und Svenja Schulze (SPD). Die strengen Regeln für einen möglichen Abschuss der Raubtiere sind im Bundesnaturschutzgesetz gelockert worden.

Doch handelt es sich dabei lediglich um einen politischen Kompromiss, denn der eigentliche Konflikt besteht weiter. Im Kern besteht er darin, dass seit dem Jahr 2000 wieder Wölfe in Deutschland leben.

Es gibt Menschen, die das als Ausdruck einer lebendigen Natur begreifen. Und es gibt andere, die sagen, dass der Wolf nicht mehr in dieses Land gehört, weil er ein Raubtier ist. Die neue Einigung hingegen sagt lediglich, dass künftig auch Wölfe eines ganzen Rudels geschossen werden dürfen, dass sich über Nutztiere hergemacht hat. Bisher musste jedem einzelnen Wolf die Täterschaft nachgewiesen werden, bevor er "entnommen" werden durfte. So heißt es, wenn ein Wolf abgeschossen wird.

Mischung aus Mystik und Furcht

Die Technokraten-Sprache verbirgt, dass schnell Höheres im Spiel ist, wenn es um den Wolf geht - eine Mischung aus Mystik und Furcht. Für unsere germanischen Vorfahren waren Wölfe die Hunde des Hauptgottes Wotan. Und bis vor 150 Jahren, als sie hierzulande ausgerottet wurden, stellten sie tatsächlich eine Gefahr dar.

Sie konnten Bauern in bittere Not bringen, wenn sie deren Vieh töteten. "Im Posenschen wurden von ihnen 1814 bis 15 wieder 28 Kinder und 1820 noch 19 Kinder und Erwachsene zerrissen", heißt es sogar im Klassiker Brehms Tierleben. Kein Wunder, dass es der Wolf als Sinnbild des Bösen bis in Grimms Märchen schaffte, wo er sieben Geislein fraß oder an anderer Stelle eine Großmutter samt ihrer Enkeltocher Rotkäppchen.

2019 wird in den drei ostdeutschen Bundesländern Thüringen, Brandenburg und Sachsen gewählt. Durch alle streift der Wolf und er steht, weil das Mitreden so einfach geworden ist, vorn auf der politischen Agenda. Vereinfachen dient er als Symbol für eine generell bürgerferne Politik. Ob der Wolf überhaupt Freunde in den Ost-Ländern hat? Die Wahlergebnisse werden vielleicht ein wenig mehr Aufschluss bringen.

Dabei geht es in der Debatte um mehr als den Wolf allein. Hier stoßen zwei Weltbilder aufeinander. Die einen glauben, der Mensch habe sich die Natur Untertan zu machen. Tiere sind in dieser Welt Nutztiere und man verzehrt sie gerne. Für die andere Seite spiegelt der Umgang des Menschen mit Tieren und Natur kurzsichtiges Profit- und Effizienzdenken. Da wird die Rückkehr des Wolfes als Triumph gefeiert.

Der Wolf berührt Existenzfragen

Überhaupt steht er in einer Reihe mit dem Erhalt des tropischen Regenwaldes, dem Kampf gegen die Braunkohle und der Bewegung Fridays for Future. Hinter all dem verberge sich eine tiefe gesellschaftliche Spaltung, sagt Jens Lönneker vom Kölner Rheingold Salon, der sich mit Fragen der Alltagspsychologie beschäftigt. Der Streit um die Wölfe werde auch so erbittert geführt, weil er Existenzfragen berühre. Leider bleibt dann auch die Rationalität in der Debatte schnell auf der Strecke.

Ein niedersächsischer Wolf liefert ein Lehrstück. Roddy wird er von Naturschützern genannt, wie ein zotteliges Knuddeltier. Doch hat er erwachsene Kühe verletzt und zweijährige Rinder totgebissen. Amtlich heißt er "GW717m" - kurz für Germany, Wolf, Labornummer 717, männlich.

Er spiegelt die Probleme, die aus dem Versuch erwachsen, Wölfen einen Lebensraum bieten zu wollen. GW717m hat Zäune überwunden, die aus bis zu vier Reihen Stacheldraht bestanden. Er hat Rinderherden angegriffen, Tiere gerissen. Er ist mit einer Partnerin unterwegs, die ebenfalls Rinder reißt und die Behörden gehen davon aus, dass die Wölfe diese Fähigkeiten an ihre Nachkommen weitergeben.

Deshalb ist Roddy zum Abschuss freigegeben worden. Aber im Grunde folgt er nur seiner Natur und dabei stellt er sich so geschickt an, dass er unauffindbar ist. Als wüsste er von der Entnahme, die ihm droht. Dass Roddy meist Öko-Bauern schädigt, die ihr Vieh frei weiden lassen, sei am Rande vermerkt. Und wie traumatisiert mögen eigentlich Herden sein, die miterleben, wie nachts ihr Nachwuchs getötet und gefressen wird?

Die Frage ist: Wie viel Wolf verträgt eine Gesellschaft. Und wie kompliziert ist es, wenn der Mensch Natur spielt? Denn er sitzt im Regiestuhl und hält alle Fäden in der Hand. Ob er nun für oder gegen den Wolf ist.

Peter Pauls (Stefan Worring)Peter Pauls (Stefan Worring)Peter Pauls, Jahrgang 1953, studierte Germanistik und Sozialwissenschaften an der Universität in Köln. Er ist seit 1977 beim "Kölner Stadt-Anzeiger" tätig. Im Jahr 1980 absolvierte er ein Volontariat in der Mantelredaktion und arbeitete anschließend in der Lokal- und der Bezirksredaktion. 1989 wechselte er in die Politikredaktion und von 1995 bis 1998 war er Afrika-Korrespondent mit Sitz in Johannesburg, bevor er bis 2002 Stellvertretender Chefredakteur des "Kölner Stadt-Anzeiger" wurde. In den Jahren 2002 bis April 2009 war Peter Pauls Beauftragter des Herausgebers Alfred Neven DuMont und von 2009 bis 2016 Chefredakteur.

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