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StartseiteKultur heuteHaußmann gegen Hartmann04.10.2014

"Woyzeck" im VergleichHaußmann gegen Hartmann

Von Michael Laages

Sebastian Hartmann gilt ja als Garant für zutiefst verstörende Theaterfantasien; die müssen entschlüsselt werden – und zuweilen hilft auch das nichts. Leander Haußmann, wie Hartmann auch mal kurzzeitig Intendant einer Bühne, in Bochum, bevor er sich für gut zehn Jahre nur noch ums Kino kümmerte, machte eher als Bruder Leichtfuß Karriere. Er wurde gern unterschätzt und hat dazu auch fleißig beigetragen. Beiden gelingt in Berlin und mit diesem Literaturungetüm namens "Woyzeck" ein jeweils recht verblüffendes, weithin überzeugendes Abenteuer.

Hartmann punktet sofort mit einer sehr klugen Entscheidung: In die selbst entworfene Bühne - einen in die Tiefe verengten Kasten mit schwarzen, geriffelten Wänden - setzt er nur zwei Personen: Woyzeck und seine Marie. Alles andere wird von diesen beiden genutzt, alle anderen Figuren, alle anderen Texte gehören diesen beiden. Sie nehmen sich die Rollen von Hauptmann und Arzt, Tambourmajor und Großmutter immer dann, wenn sie sie brauchen, um eins dem anderen eine neue Gefährdung für das gemeinsame Dasein quasi vorzuspielen

Benjamin Lillie und Katrin Wichmann erzählen einander sozusagen von den Abgründen im eigenen wie im anderen Ich, von den entscheidenden Momenten, an denen sich die Katastrophe der beiden abzeichnet. Auch den Mord vom Schluss spielen sie gleich zu Beginn ein paar Mal miteinander durch – Stechen und Sterben, Lieben und Leiden wird hier zum Feldversuch, zum Paarexperiment mit sehr ungewissem Ausgang. Wer den Text gut kennt, wird vor allem die Momente schätzen, wo Büchners Text sozusagen das Geschlecht wechselt, von ihr zu ihm hinüber mutiert oder umgekehrt.

Auch die stark ins Absurde driftenden Rand- und Rahmenszenen, etwa Büchners Zirkusspiele, ziehen die beiden Spieler zu sich heran – und verwandeln sich in zum Beispiel haltlos brabbelnde Primaten. "Bin ich ein Mensch", fragt bekanntlich Marie, wobei sie im historischen Kontext wohl eher nachfragt, ob Woyzeck sie für eine Hure hält nach dem Abenteuer mit dem Tambourmajor. Gemeinhin stellt diese Frage heute aber das Menschsein an sich in dieser Woyzeck-Welt infrage. Vielleicht sind die beiden ja noch nicht ganz, gerade erst oder gerade noch Mensch. Auch diese Assoziation eröffnet Hartmanns Experiment. Texte von Heiner Müller, "Hydra" etwa oder die grandiose "Bildbeschreibung", verstärken die Verrätselung wie die Frage nach den verschiedenen Formen von "Ich", die in diesem Paar stecken.

All das ist natürlich wahnsinnig anstrengend; für die beiden Darsteller, für den live-spielenden Musiker Mäcki Hamann, für das Publikum natürlich auch. Die Aufführung verweigert viel. Und hat zugleich sehr viel zu bieten.

Wo Hartmann auf die Abstraktion der Laboranordnung setzt, bringt Leander Haußmann eine ganz reale Vision über "Woyzeck" ins Spiel. Der Mann ist ja Soldat, eine Art Schütze Asch vor bald 200 Jahren – Haußmann heute zeigt die Verstörungen eines Soldaten, der mit post-traumatischem Stresssyndrom und Schlimmerem aus irgendeinem Schlachten kommt. Knapp 30 Statisten in Camouflage beschwören Marschtritt und Drill. Und Woyzeck ist zuweilen Teil davon; die Statisterie bildet sogar die Teichlandschaft, in der Woyzeck schließlich tötet. Die Marschmasse Mensch hat ihn offenkundig werden lassen, wie er ist. Das mag für platt halten wer will: Aber für die Fragen nach dem, was diesen ewigen Befehlsempfänger, diese erniedrigte, beleidigte, immer geschundene Gehorch-und-Jawohl-Maschine antreibt, ist Haußmanns Behauptung extrem effizient.

Leider vermag nur Peter Miklusz als Titelfigur die Kraft von Haußmanns Idee zu beglaubigen; schon Johanna Griebel als Marie steht daneben wie aus dem Stück gefallen. Leider verrennt sich auch Haußmann selber in abwegigen Ideen, etwa der Figaro-Arie, wenn Woyzeck den Hauptmann einseift und rasiert. Das ist Quatsch mit Soße. Darüber hinaus leidet die Inszenierung auch noch sehr an den offensichtlichen Unzulänglichkeiten in Claus Peymanns Ensemble. Da herrscht ja seit Jahren schwerstes Gefälle zwischen Stars und Mittelmaß. Und auch bei Haußmann kommt zuweilen der Gedanke auf, wie es denn wohl wäre, wenn jetzt mal das ganze Zeug drumherum weggelassen würde und nur das Paar die Geschichte durchleiden müsste.

Das zeigt seit gestern also Sebastian Hartmann am Deutschen Theater – und beide "Woyzeck"-Varianten sind die Mühe wert.

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