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StartseiteForschung aktuellWas Antikörper gegen das Coronavirus ausrichten können13.10.2020

Wundermittel gegen COVID-19?Was Antikörper gegen das Coronavirus ausrichten können

Antikörpertherapien sollen einen schweren Verlauf einer Corona-Erkrankung verhindern und besonders gefährdete Menschen vor der Infektion schützen. US-Präsident Donald Trump hat sich einer solchen Therapie unterzogen, obwohl sie noch nicht offiziell zugelassen ist - und sich nicht für jeden eignet.

Von Volkart Wildermuth

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Im Hintergrund sieht man verschwommen einen Mann mit Mundschutz, im Vordergrund groß seine Hand mit einer Spritze und einen kleinen Teil des Oberarms der Patientin (picture alliance/dpa Themendienst/Zacharie Scheurer)
Fremde Antikörper aus dem Blut von Menschen, die eine Corona-Erkrankung hinter sich haben, sollen dabei helfen. (picture alliance/dpa Themendienst/Zacharie Scheurer)

US-Präsident Donald Trump hat sich während seiner COVID-19-Erkrankung mit vielem behandeln lassen - darunter auch ein noch nicht zugelassener Antikörpercocktail der Firma Regeneron. Ein Wundermittel sei das, ein Segen Gottes und demnächst würden es Hunderttausende kostenfrei bekommen, sagte er anschließend. Wie erfolgversprechend ist diese Therapie?

US-Präsident Donald Trump und First Lady Melania Trump laufen über eine Wiese (AFP/ Andrew Caballero-Reynolds) (AFP/ Andrew Caballero-Reynolds)US-Präsident infiziert - Trump, Corona und der Wahlkampf
US-Präsident Donald Trump und seine Frau Melania sind nach eigenen Angaben positiv auf das Coronavirus getestet worden. Je nach Verlauf der Erkrankung könnte der US-Wahlkampf beeinträchtigt werden.

Wie funktionieren Antikörpertherapien?

Bei Antikörpertherapien erhalten Patienten fremde Antikörper, sozusagen den Immunschutz einer anderer Person, statt selbst die Infektion durchzumachen. Forscher suchen dabei Antikörper, die das Virus SARS-CoV-2 besonders effektiv im Blut von Patienten beseitigen - oder auch in dem von Versuchstieren. Diese Antikörper werden biotechnisch hergestellt und dienen als Medikament. Sie werden gespritzt und können dann mehr oder weniger direkt Viren abfangen. Es gibt dabei zwei Szenarien: Man setzt auf diese Antikörper, um eine bestehende Infektion abzumildern - so hat man es bei US-Präsident Trump versucht. Oder man gibt sie vorsorglich Personen, die ein besonders hohes Ansteckungsrisiko haben.

Wie weit ist die Forschung, gibt es klinische Studien?

Aktuell gibt über 70 Projekte von Universitäten und Firmen - auch die Charité in Berlin hat vielversprechende Antikörper vorgestellt. Eine aktuelle Arbeit in Nature, die verschiedene Antikörper vergleicht, hat entdeckt, dass es mindestens drei vielversprechende Klassen mit unterschiedlichen Angriffspunkten bei SARS-CoV-2 gibt. Kombinationstherapien sind möglich, die US-Firma Regeneron arbeitet zum Beispiel mit einem Medikament aus zwei unterschiedlichen Antikörpern. Eine aktuelle Studie aus Science zeigt, dass dieser Antikörper-Cocktail ein vielversprechender Ansatz ist: Er verhindert, dass sich kleine Affen mit SARS-CoV-2 anstecken und dass Hamster nach der Infektion schwer krank werden. 

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Marktreif sind bis jetzt zwei Produkte: das von Regeneron und das des US-Unternehmens EliLilly. Die große Phase-3-Studie von Regeneron hat gerade erst begonnen, als Teil des britischen Recovery Trials. Da erhalten zusätzlich auch Menschen, die mit einem Patienten zusammenwohnen, die monoklonalen Antikörper - um zu sehen, ob sie vielleicht auch vor einer Infektion schützen. EliLilly berichtet bereits von ersten Ergebnissen einer Phase-3- Studie an Patienten mit milden bis moderaten Symptomen. Demnach mussten sechs Prozent der Kontrollgruppe letztlich ins Krankenhaus, aber nur knapp zwei Prozent der Patienten, die den Antikörper bekommen hatten. Das heißt: Das Risiko für einen schweren Verlauf wurde um zwei Drittel gesenkt. Sowohl EliLilly als auch Regeneron haben bei der amerikanischen Zulassungsbehörde einen noch nicht genehmigten Antrag auf Notfallzulassung gestellt. Die therapeutischen Antikörper könnten dort also verfügbar werden, bevor die Endergebnisse der Studien vorliegen. 

Für wen sind Antikörpertherapien geeignet, was können sie bewirken?

Vorneweg: Antikörpertherapien sind nicht für schwerkranke COVID-19-Patienten geeignet. Denn dort steht die überschießende Immunreaktion im Vordergrund. Dagegen können die Antikörper nichts ausrichten. Es geht um Kranke mit Symptomen, bei denen man einen schweren Verlauf verhindern will - also um Patienten, die auch das Medikament Remdesivir bekommen könnten. Aber es ist auch geeignet, um Menschen vor einer Infektionzu schützen, die ein besonders hohes Risiko haben: medizinisches Personal oder auch ältere Familienmitglieder von Menschen mit einem positiven Test. Dafür würde man allerdings sehr viele Dosen brauchen.

Antikörper sind allerdings komplex in der Herstellung und häufig sehr teuer. Laut Regeneron hat die US-Regierung 300.000 Dosen für 450 Millionen US-Dollar gekauft. Eine Behandlung würde damit rund 1.500 US-Dollar kosten. Das ist für eine Therapie noch im Rahmen - die Behandlung mit Remdesivir kostet derzeit doppelt so viel - aber sicher nicht für eine vorbeugende Anwendung. Impfstoffe wären viel billiger. Allerdings wollen die USA die Antikörper im Fall einer Zulassung kostenfrei an die Patienten abgeben, weil es der Präsident so versprochen hat. Da begleicht der Steuerzahler dann die Rechnung.

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