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StartseiteKultur heuteHandke-Erzählung an der Wiener Burg10.02.2014

"Wunschloses Unglück"Handke-Erzählung an der Wiener Burg

Die Inszenierung von Handkes Erzählung gerät zu einem Stück über ihn. Der Schriftsteller selbst rückt als Unsympath in das Zentrum der Handlung, die Katie Mitchell mit der Theatertechnik überdeutlich deutet. Die Schauspieler agieren stumm unter dem Klangteppich der gesprochenen Erzählung, den Zuschauer können nur noch unbeabsichtigt komische Szenen erheitern.

Von Hartmut Krug

Der Schriftsteller Peter Handke (picture alliance / dpa / Hans Klaus Techt)
In "Wunschloses Unglück" erzählt Peter Handke vom Leben seiner Mutter. (picture alliance / dpa / Hans Klaus Techt)

Eine riesige Leinwand als Bühne, darunter eine Breitwand-Hausfront, deren Teile sich immer wieder öffnen und eine große Technikerschar bei der Film-, Ton- und Geräuscharbeit mit den Schauspielern sehen lassen. Erneut präsentiert Katie Mitchell nicht Schauspiel-Theater, sondern zeigt, wie trickreich man Spielszenen mit Film und Requisiten künstlich herstellen kann, sodass sie zugleich live auf der Leinwand erscheinen. Allerdings entwickelt sich bei der technischen Spielerei oft unfreiwillige Komik – z.B. wenn Dorothee Hartinger in der Rolle der Mutter durch die unteren Gefilde der Filmdrehräume hetzt, um rechtzeitig vom Kameramann im Schlafzimmer zu dem in der Küche zu kommen, während sie auf der Leinwand entspannt steht. Zugleich stellt in einem einsehbaren Seitenraum eine Technikerin alle Geräusche dazu her.

Theaterversion vernachlässigt und erfindet neu

Peter Handkes Erzählung "Wunschloses Unglück“ über das Leben seiner Mutter beginnt mit ihrem Tod - der als Selbstmord in einer Zeitungsnotiz erwähnt wird. Handke erzählt nun nicht etwa das vergangene Leben seiner Mutter sorgfältig aus seiner Sicht nach, sondern er befragt es und überformt es beständig, indem er den Text mit Reflexionen über seinen Schreibimpuls und seine Beschreibungsmöglichkeiten durchzieht. Entstanden ist so ein sanft suchender Text, bedrückend in seiner Schnörkellosigkeit und beeindruckend in seiner scheinbaren Nüchternheit.

Diesem Text rückt Regisseurin Katie Mitchell mit ihrer medialen Bedeutungskeule zu Leibe. Duncan Macmillan hat ihr dafür eine Bühnenfassung „nach Motiven aus der Erzählung von Peter Handke“ geschrieben. Was bedeutet, zentrale Elemente von Handkes Erzählung werden vernachlässigt und andere hinzuerfunden.

Zwar erfährt man vom Unglück der katholischen Landfrau aus der Kärtner Provinz, die sich eingeengt in ein eigene Bedürfnisse unterdrückendes Leben zwischen Haus und Hof fühlt:

Mutter: "Hier ist es kalt und neblig. Morgens ist es lange unfreundlich."

Sohn: "Sie hatte Angst vor dem Winter, wenn sich alle im selben Raum aufhielten. Niemand besuchte sie. Wenn sie etwas hörte und aufschaute, war es wieder nur der Ehemann."

Mutter: "Ach, du bist es."

Leben der Mutter rückt in den Hintergrund

Doch über frühe Ausbruchsversuche der Frau, in eine Lehre in einem Hotel und in die Liebe zu einem verheirateten „deutschen Parteigenossen“ erfährt man fast nichts. Dagegen wird die Tatsache, dass sie während des Nationalsozialismus ein eigenes Lebensgefühl entwickelte, massiv ausgemalt. Bei Katie Mitchell umrandet der forschende Sohn das Wort „Krieg“ in Großaufnahme und findet in Bilderrahmen Ausschnitte aus dem Fotoalbum der Mutter. Von Bildern aus NS-Zeit, auf denen sie fröhlich war:

Mutter: "Wir waren schrecklich aufgeregt. Endlich zeigte sich für alles bis dahin Unbegreifliche und Fremde ein größerer Zusammenhang. Das Leben bekam damit eine Form, in der man sich gut aufgehoben und doch frei fühlte."

Ton aus dem Off statt sprechender Schauspieler

Schlimmer ist die Einführung der Schwester, die bei Handke nur einmal erwähnt wird, als dritte zentrale Spielfigur. Außerdem konzentriert sich die Inszenierung stärker auf die Figur des Sohnes statt auf die der Mutter. Zwar darf diese mehrfach ihre penible Durchführung ihres Selbstmordes vorführen, doch ihr Leben wird nicht logisch entfaltet, sondern nur punktuell zitiert. Dagegen wird der Sohn, den Daniel Sträßer mit Beatles-Frisur, Brille und Schnauzbärtchen als Handke-Double zu geben versucht, bei Mitchell zur zentralen und nicht sympathischen Problemfigur. Denn der Sohn sucht vor allem nach Schreibmaterial, in Schubladen, Wandschränken, Fotoalben und Handtaschen. Und liefert sich dabei unentwegt mit seiner Schwester ein albern bedeutungsvolles Blickduell. Gesprochen wird von diesen Filmschauspielern nicht. Handkes Erzähltext legt sich aus einer Sprecherkabine heraus über die Akteure, die in einer Handkes Familienwohnung „echt“ nachempfundenen Szenerie denken und schauen. Dazu schwallt eine Bedeutungsmusik zwischen plim-pling, brausend wehendem Wind und krähenden Krähen.

"Später werde ich über das alles Genaueres schreiben."

Insgesamt wirkt der Abend wie ein einziges Missverständnis, ja, wie ein missglücktes Fernsehspiel aus den frühen 1950er Jahren. Und während die knappen Beschreibungen von Handke von Katie Mitchell zu überdeutlichen Szenen und Zeichen aufgebläht werden, erschließt sich der Sinn dieser medialen Bastelei nie. Statt ästhetischem Mehrwert oder neuen Sichtweisen erreicht er oft eher unfreiwillig Komik. Schlimmer noch, nach der Hälfte der anderthalb Vorführstunden hängt der Abend erzählerisch und spannungsmäßig mächtig durch.

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