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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Nachhaltige Fischerei sieht anders aus"13.12.2017

WWF zu Fangquoten"Nachhaltige Fischerei sieht anders aus"

Hering, Kabeljau und Scholle: Die EU-Fischereiminister haben die Fangquoten für 2018 festgelegt. Wie diese zu bewerten sind, erklärt Stella Nemecky vom WWF im Dlf. Vor allem für den vom Aussterben bedrohten Aal deute sich nun eine heikle Situation an - aber nicht nur für ihn.

Stella Nemecky im Gespräch mit Susanne Kuhlmann

Fischer Martin Heiden fährt mit vollen Stellnetzen mit Hering über den Greifswalder-Bodden. (Christian Charisius / dpa picture-alliance)
Die für den Hering festgelegte Fangquote steht im Einklang mit der wissenschaftlichen Fangempfehlung. Doch wie sieht es bei den anderen Arten aus? (Christian Charisius / dpa picture-alliance)
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Susanne Kuhlmann: Deutsche Fischer dürfen im kommenden Jahr rund 25 Prozent mehr Nordseehering fangen und zehn Prozent mehr Kabeljau, aber 13 Prozent weniger Scholle. Die Fischereiminister der Europäischen Union haben sich auf neue Fangquoten geeinigt. Ein generelles Aalfangverbot gibt es allerdings nicht. – Am Telefon ist Stella Nemecky, Fischereiexpertin des World Wide Fund for Nature (WWF). Guten Tag!

Stella Nemecky: Guten Tag, Frau Kuhlmann.

Kuhlmann: Frau Nemecky, wie bewerten Sie die neuen Fangquoten für Hering, Kabeljau und Scholle?

Nemecky: Oh, die bewerten wir sehr unterschiedlich. Die für den Hering festgelegte Fangquote ist gut, denn sie steht im Einklang mit der wissenschaftlichen Fangempfehlung, und somit ist das eine nachhaltige Fangmenge und der Bestand ist in gutem Zustand. Daran ist absolut nichts auszusetzen.

Die für den Kabeljau festgelegte Quote hingegen ist nicht nachhaltig und steht auch im Widerspruch zu den politischen Vorgaben. Die Vorgabe lautet, dass die Fangquoten auf Basis dieser wissenschaftlichen Fangempfehlung festgelegt werden muss und nachhaltig sein muss, aber hier wurden rund 10.000 Tonnen zu viel genehmigt, also rund ein Viertel mehr, und so wird die lang ersehnte Bestandserholung vom Nordseekabeljau auch gleich wieder riskiert.

Es wird auf Wunsch wieder überfischt

Kuhlmann: Und wie sieht es bei der Scholle aus?

Nemecky: Bei der Scholle wird im kommenden Jahr auf Wunsch der Fischereiminister wieder überfischt. Das ist auf jeden Fall schlecht. Zum Glück geht es aber dem Bestand sehr gut. Aber dennoch: Eine zu hohe Quote auf Scholle führt auch zu viel unerwünschtem Beifang von jungen Schollen. Ohne selektives Fanggerät werden so viele junge Schollen beigefangen, nämlich zirka 60 Prozent. Nachhaltige Fischerei sieht unserer Meinung nach wirklich anders aus.

Kuhlmann: Ende August hatte die EU-Kommission vorgeschlagen, den Aalfang in der Ostsee komplett zu verbieten. Die dreimonatige Schonzeit, auf die man sich nun geeinigt hat, nimmt sich dagegen ja eher hilflos aus, und das hat auch mit dem Lebenszyklus des Aals zu tun. Wie sieht der aus?

Nemecky: Der Lebenszyklus des Aals ist sehr komplex. In der Sargassosee – das ist vor der Küste von Florida – ist sein Laichgebiet und von dort wandern dann die jungen Aale als sogenannte Weidenblattlarven nach Europa. Das ist eine Reise von deutlich über 5000 Kilometern und dauert zwischen ein und drei Jahren. Wenn sie dann an Europas Küsten angekommen sind, sind sie ungefähr zehn Zentimeter große sogenannte Glasaale. Die wandern dann in Flussmündungen und Flüsse ein und verbringen dort bis zu 25 Jahre, nämlich bis sie ihre Geschlechtsreife erreicht haben. Die Geschlechtsreife, die kann auch früher eintreten; das kann aber auch erst mit 30 Jahren der Fall sein. Das ist unterschiedlich. Wenn sie diese Geschlechtsreife erreicht haben, dann machen sie sich als sogenannte Gelbaale in den Flüssen auf den Rückweg gen Florida, und wenn sie dann wieder im Meer sind, in unserem Falle in der Nordsee, verwandeln sie sich wieder zu sogenannten Blank- oder Silberaalen. Sie werden richtig silbern, kriegen große Augen. Ohne noch einmal zu fressen, treten sie dann die Rückreise in die Sargassosee an, um abzulaichen, sich fortzupflanzen, und dann tatsächlich auch zu sterben.

Sogenannte Aal-Management-Pläne

Kuhlmann: Was ist das Hauptproblem bei der Aalfischerei?

Nemecky: Der Aal ist vom Aussterben bedroht und darf dennoch gefischt werden, und das ist dann auch das Hauptproblem. Die Aalfischerei macht die Bemühungen zur Rettung der Art gleich wieder zunichte. Man muss sich das so vorstellen, dass jedes Jahr Millionen junge Glasaale in deutschen Flüssen ausgesetzt werden, damit sich die Art erholen kann, und im Rahmen sogenannter Aal-Management-Pläne soll vor allem durch diese Besatzmaßnahme erreicht werden, dass genügend erwachsene Tiere aus den Flüssen diesen Rückweg in die Sargassosee tatsächlich auch antreten, um sich zu vermehren.

Wenn diese Aale dann aber, sobald sie das Meer erreichen, ob nun in der Ostsee oder in der Nordsee, gleich von der Fischerei und den Anglern gefangen werden, dann macht das herzlich wenig Sinn. Eine Schonzeit während der Hauptwanderzeit – und das ist im Herbst – als eine erste Maßnahme ist okay, aber mit temporären Maßnahmen rettet man keine Art.

Kuhlmann: Dürfen wir noch Aal essen?

Nemecky: Leider nein. Wenn Sie mich so fragen, dann muss ich das verneinen. Wie gesagt: Das ist eine vom Aussterben bedrohte Art. Erstaunlich genug, dass man die überhaupt noch kaufen kann, wie ich finde. Wenn Sie an so was mit Knopfaugen und plüschigem Fell denken, was vom Aussterben bedroht ist, dann würde das niemals noch zum Verkauf stehen ganz legal. Das sollte auch beim Aal unserer Meinung nach eigentlich wirklich nicht der Fall sein. Aal essen bitte nicht.

Kuhlmann: Die EU-Fischereiminister haben die Fangquoten für 2018 festgelegt. Wie der Umweltverband WWF sie bewertet, das erklärte Stella Nemecky. Ihnen vielen Dank dafür.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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