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StartseiteHintergrundEine Plattform zwischen Hobby und Hass09.10.2019

Youtube Eine Plattform zwischen Hobby und Hass

Der Netzgigant Youtube verhilft Millionen zur Selbstentfaltung und Weiterbildung - wird aber auch für politische Hetze und Falschinformation missbraucht. Verbesserungen der Algorithmen haben die Kritik noch nicht verringert. Die Debatte über eine Regulierung steckt in den Anfängen.

Von Jan Rähm

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Ein Mann läuft beim YouTube-Jahresrückblick 2018 im YouTube Space Berlin vor einem YouTube-Logo. (picture alliance/dpa)
2005 wurde auf der Youtube das erste Video hochgeladen - seither hat sich die Plattform zum Internetgiganten entwickelt, der schwer zu regulieren ist (picture alliance/dpa)
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Eine Milliarde Stunden – so lange schauen Nutzer und Nutzerinnen weltweit und pro Tag Videos auf Youtube. Mehr als 500 Stunden Videomaterial laden Youtuberinnen und Youtuber auf die Video-Plattform hoch – pro Minute.

"Zu Beginn war Youtube wirklich eine Plattform, wo ausschließlich eigentlich Privatpersonen, Amateurinnen und Amateure, wenn man so will, kurze Videos hochgeladen und geteilt haben."

Leonhard Dobusch ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Innsbruck in Österreich. Er forscht unter anderem zu Organisation und Management digitaler Gemeinschaften. 

"Wir sind heute in einer Situation, wo mehrere Millionen Stunden Video am Tag hochgeladen werden. Was ebenfalls passiert ist, ist, dass es zumindest in manchen Bereichen zu einer Professionalisierung gekommen ist. Es gibt heute also Menschen, die von der Erstellung von Youtube-Videos leben können: die sogenannten Youtuber. Da ist eigentlich eine neue Profession entstanden."

"Youtube, wenn man es ein bisschen weiter fasst, ist nicht nur eine Plattform, sondern ist ein Ökosystem. Das Ökosystem besteht zum einen natürlich aus der Plattform, zum anderen aber aus vielen, vielen Kreativen, die diese Plattform nutzen, um ein Publikum zu erreichen, mit ihren Fans zu interagieren und Geld zu verdienen."

Andreas Briese, Country Manager Youtube Deutschland. Er ist hierzulande der höchste Chef der Videoplattform. 

"Youtube hat in Deutschland 45 Millionen erwachsene Nutzer, die mindestens einmal im Monat reinschauen. Und alle Deutschen über 18 nutzen Youtube im Schnitt 33 Minuten."

Logo der Internetfirmen Google und Youtube (Alexander Pohl/imago stock&people)Youtube wurde schon nach kurzer Zeit vom Internetriesen Google gekauft (Alexander Pohl/imago stock&people)

Das erste Video wurde im April 2005 auf Youtube hochgeladen. Es zeigt den Mitgründer der Plattform Jawed Karim im Zoo von San Diego. Seit diesem Zoobesuch auf Video hat sich die Plattform, die schon im darauffolgenden Jahr vom Suchmaschinenriesen Google gekauft wurde, rasant weiterentwickelt. Heute ist Youtube einer der Branchenriesen im Internet und fester Bestandteil von Unterhaltung, Bildung und auch Politik. Bei aller Professionalisierung – Tag für Tag kommen auch immer noch verwackelte Amateurvideos hinzu. Jeder kann ein Video hochladen. Andreas Briese: 

"Dieses Ökosystem ist entstanden aufgrund eines Prinzips - und das Prinzip heißt Offenheit. Das ist ganz wichtig zu verstehen. Offenheit heißt, dass jeder, egal wer er ist, was er macht, wo er ist, ein Video hochladen kann, egal zu welchem Thema – solange das natürlich innerhalb unserer Community Guidelines erlaubt ist."

Youtube hat mediales Neuland geschaffen 

Diese Offenheit ist Fluch und Segen zugleich. Während sich Zuschauer an Aber-Millionen Stunden legitimer und unverfänglicher Videos erfreuen, wird die Plattform auch genutzt, um Hassvideos, Propaganda, Verschwörungstheorien und Fake News zu verbreiten. Und die Offenheit hat Grenzen: Immer wieder beschweren sich Schöpfer der kreativen Filme, dass der Konzern durch intransparente Änderungen ihre finanzielle Existenz auf Spiel setzt. Umstritten ist dabei immer wieder auch die Rolle der Algorithmen, also der technischen Vorgänge und Sortierungsmechanismen der Plattform. In einem sind sich aber alle Akteure einig: Youtube ist auch nach 14 Jahren etwas Neues, es hat mediales "Neuland" geschaffen.

"Wir definieren Youtube gerne, ohne das jetzt despektierlich zu meinen, als neuen Mainstream. Gemeint als Medium, wo Inhalte für alle sind. Nur dieses ‚Inhalte für alle‘ definiert sich heute ein bissel anders. Wo früher halt weniger Programme für viele gemacht wurden, sich heute aber jeder sein eigenes Programm zusammenstellt, hat Youtube für jeden etwas."

Youtube ist der Ort, an dem Mathelehrer so viele Fans und Abonnenten haben, wie sonst nur Kanäle, die Schminktipps teilen oder Computerspieler beim Zocken zeigen. Damit fördert Youtube Menschen: Die Erklärvideos ermächtigen zu ganz neuen Fähigkeiten –seien es handwerkliche Tätigkeiten wie Schreinern, Stricken oder Kochen, seien es moderne Kenntnisse wie Programmieren. Schüler erstellen auch selbst Erklärfilme – und lernen dabei nicht nur ihren eigenen Stoff, sondern dessen Vermittlung gleich dazu.

Manche Videomacher verfolgen pädagogische und politische Ziele gleichermaßen, wie das Projekt She*Fix. Mitstreiterin Maj erklärt:

"She*Fix ist ein Zusammenschluss von Frauen*, die die Sichtbarkeit von Frauen in technischen Bereich erhöhen wollen. Wir möchten gerne zeigen, dass es Frauen ebenso – also das ist geschlechterunspezifisch – möglich ist, technische Berufe auszuführen, Technik zu erklären, aber auch Sachen zu reparieren, technische Probleme zu lösen."

Etwa wie ein Fahrradschlauch geflickt wird. Bei She*Fix verschmelzen handwerkliche und politische Befähigung zum eigenen Handeln. Natürlich war Youtube schon früh auch ein genuin politisches Werkzeug. Nur, sagt Youtube-Manager Andreas Briese, hat diese Funktion "zum ersten Mal eine öffentliche Aufmerksamkeit bekommen durch Rezo."

 ( Youtube / Videostill "Die Zerstörung der CDU" / Channel Rezo ja lol ey) Mit Rezo scheint politische Kommentierung im Youtube-Mainstream angekommen zu sein ( Youtube / Videostill "Die Zerstörung der CDU" / Channel Rezo ja lol ey)

Mit Rezo und seinem Video "Die Zerstörung der CDU" krachten Youtube und Youtuber kurz vor der Europawahl 2019 plötzlich in die Wahrnehmung einer breiten Öffentlichkeit. Rezo hat aber nicht nur für kurzfristige Aufmerksamkeit gesorgt, erklärt Leonhard Dobusch.

"Ich glaube, das ist das, was sich mit Rezo in diesem Jahr so richtig geändert hat, dass hier, man kann so sagen, politische Berichterstattung oder zumindest politische Kommentierung im Youtube-Mainstream angekommen ist. Rezo hat das auf eine Art und Weise gemacht, die einen politischen Effekt erzeugt hat."

"Radikalisierungsplattform Nummer eins"

Welche Facetten die politische Nutzung von Youtube haben kann, zeigte sich davor schon sehr deutlich – im September 2018 rund um die rechtsradikalen Ausschreitungen in Chemnitz und Köthen. Videomacher aus dem Milieu nutzten Youtube zur Agitation, zur Fehlinformation und zur Mobilisierung. Miro Dittrich, Netz-Analyst bei der Amadeu Antonio Stiftung erklärte im Herbst 2018, Youtube habe eine Rolle eingenommen, die er als

"eine der Radikalisierungsplattformen Nummer eins bezeichnen würde. Dort sehen wir im politischen Bereich sehr viele rechtsextreme und rechtspopulistische Videos, die dort quasi unwidersprochen stehen. Das hat man auch stark gesehen in den Suchergebnissen. Wenn man die Tage danach ‚Chemnitz‘ angegeben hat, gab es in den Top Ten Ergebnissen so ein bis zwei Beiträge von klassischen Medien, und sonst waren das entweder Russia Today oder rechtsextreme oder rechtspopulistische Kanäle."

Auch wenn Youtube anschließend die Erstellung dieser Suchergebnisse veränderte und seitdem in solchen Lagen Videos aus seriösen Quellen bevorzugt anzeigt – auch heute noch ist der Weg zu fragwürdigen Inhalten nicht weit. Leonhard Dobusch:

"Es gibt eine Reihe von anekdotischen Erfahrungsberichten, dass der Weg von einem seriösen, durchschnittlichen Video zu einem etwas extremen, fragwürdigeren bis hin zu radikalen Videos auf Youtube ein sehr kurzer ist. Die Vermutung dahinter ist, dass da Videos empfohlen werden, die gut geklickt werden. Und dass Youtube das nicht macht, weil die solche Inhalte gut finden, sondern dass das eben die Neutralität der Plattform wiederspiegelt, die auf Klicks und Verweildauer optimiert ist. Das führt dazu, dass man mit Inhalten in Berührung kommt, die man sonst, wenn man klassische Medien konsumieren würde, niemals überhaupt nur zu Gesicht bekommen würde."

Die Algorithmen für Suche, Empfehlung und Personalisierung haben das Ziel, die Nutzer möglichst lang auf der Plattform zu halten. Je länger man Videos schaut, umso mehr Werbung kann die Plattform einblenden. Und an jeder Einblendung verdient Youtube mit. Das führt dazu, dass einzelne Videos häufiger gesehen werden als andere. Es entstehen Selbstverstärkungseffekte.

"Diese Logik, Verweildauer zu optimieren, Klickzahlen zu optimieren: Das haben Leute begonnen, für ihre durchaus politischen Zwecke auszunutzen. Das hat die Folge gehabt, dass relativ extreme, radikale, provokante, emotionalisierende Inhalte besondere Aufmerksamkeit bekommen haben, was dazu führt, dass der Algorithmus von Youtube das Video verstärkt hat, noch mehr empfohlen hat. Deshalb hat es eine Art Schlagseite, einen Bias hin zu extremeren, emotionalisierenden, radikaleren Inhalten gegeben. Das betrifft aber jetzt nicht nur rechtsextreme Inhalte. Youtube ist besonders auch bekannt dafür, verschwörungstheoretischen Inhalten verschiedenster politischer Ausrichtung eine Bühne zu bieten."

Screenshot Youtube mit einem Video des Leipziger Youtube-Senders Nuoviso (Screenshot Youtube)Ein sich selbst verstärkender Prozess: Wer bestimmte Youtube-Videos ansieht, bekommt oft ähnliche Inhalte angezeigt (Screenshot Youtube)

Dass Empfehlungsalgorithmen zu Radikalisierung führen könnten, war lange nur eine Vermutung. Seit Spätsommer 2019 gibt es Belege. Eine Forschergruppe um den Brasilianer Manoel Horta Ribeiro hatten Kommentare unter Videos aus mehr als zehn Jahren verfolgt und erkannt, dass Youtube-Nutzer von gemäßigten Kanälen zu extremen Kanälen wechselten. Der Youtube-Empfehlungsalgorithmus spielte dabei eine Rolle. Manoel Ribeiro, seit Mitte 2019 Doktorand an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne: 

"Wir fanden heraus, dass die Communities untereinander erreichbar sind. Es ist einfach, von gemäßigten Kanälen aus die extremeren zu erreichen, und selbst die sehr extreme ‚Alt Right‘ kann über die Empfehlungen erreicht werden, auch wenn das weniger wahrscheinlich ist."

Ob die Radikalisierung allerdings durch Youtube und seine Algorithmen tatsächlich ausgelöst oder lediglich gefördert wird, da ist sich Studienautor Manoel Ribeiro nicht sicher. Er vermutet, die Technik verstärke vorhandene soziale Tendenzen:  

"It may be amplifying a problem that already existed."

Google ist sich des Problems durchaus bewusst. In seinen Community Guidelines, der Plattform-Hausordnung quasi, werden Hass und Gewalt schürende, offen diskriminierende Inhalte deshalb geächtet. Andreas Briese:

"Leute, die sich mit Inhalten an den Grenzen zu diesen Community Guidelines bewegen, die schränken wir ein. Die werden zwar nicht entfernt, weil sie noch so grade drin sind, aber die schränken wir ein, indem wir zum Beispiel keine Kommentare zulassen oder sie in unseren ‚Related Videos‘ nicht mehr auftauchen lassen."

Die Plattform will sich nicht mehr länger zum Handlanger von Extremen machen, die Ausnahmesituationen wie Terroranschläge oder ähnliche Ereignisse für sich versuchen auszunutzen. Sie sollen weit hinter Videos aus seriösen Quellen rücken. Youtube-Kritiker bezweifeln jedoch, dass Youtube schnell genug eine solche Situation erkennt.

Gegenmaßnahmen treffen oft unbroblematische Youtuber 

Youtube setzte bereits weitere Maßnahmen um und ist sogar so weit gegangen, seine Offenheit ein wenig einzuschränken - oder besser die Möglichkeiten, mit der Plattform Geld zu verdienen. Es hob die Eintrittsbarrieren für sein Vergütungsprogramm deutlich an. Nun muss, wer etwas vom Werbeumsatz abhaben möchte, mindestens 1.000 Abonnenten haben, und seine Inhalte müssen für mindestens 4.000 Stunden in den vergangenen zwölf Monaten angesehen worden sein. Solche und andere Maßnahmen, die Youtube zu einem besseren Ort machen sollen, haben aber auch Nebenwirkungen. Immer wieder sind unproblematische Youtuber von den Änderungen betroffen. Einer, den es hart erwischte, ist der US-Amerikaner Dave Pickett.

"Hi. So my name is Dave Pickett and I run the Youtube channel Brick 101."

Pickett zeigt in seinem Kanal eigene Bauwerke aus Klemmbausteinen, verrät Tipps und Tricks. Das bescherte ihm reichlich Abonnenten und Abrufe und damit auch ein ordentliche Summe aus Youtubes Vergütungsprogramm.

"Es war eine großartige Zeit. Ich hatte ein eigenes Videostudio, einen Mitarbeiter erst in Teilzeit und dann voll. Wir hatten beide Krankenversicherungen. Es fühlte sich an wie der Traumjob, von dem alle sagen, Youtuber sein sei so einer."

Die Freude und der Spaß hielten allerdings nur bis November 2017, als nicht nur in den USA neue Kinderschutzregelungen griffen. Youtuber wie Dave Pickett waren betroffen, obwohl sie nach eigener Einschätzung nicht primär Videos für Kinder erstellten. Pickett brachen die Einnahmen ein. Er musste seinem Mitarbeiter kündigen, das Studio aufgeben. Youtube ist wieder ein Hobby. 

"Ich weiß nun, dass ich mich nicht mehr auf Youtube-Werbeeinnahmen als stabile Einnahmequelle verlassen kann. Ich habe diese Lektion auf die harte Tour gelernt."

Youtube-Manager Andreas Briese betont zwar, dass die schöpferischen Youtuber die Lebensader der Plattform sind und daher gepflegt würden, doch Fluktuation gebe es nun einmal: 

"Wenn wir zum Beispiel unsere Monetarisierungs-Policies anpassen müssen, weil Inhalte auf die Plattform gekommen sind, die nicht okay sind, dann kann das durchaus Auswirkungen haben. Das sind aber üblicherweise, so hoffen wir, kurzfristige Auswirkungen, die sich im Mittel dann wieder ausgleichen."

Taten sie bei Dave Pickett nicht. Trotzdem gilt seine Kritik nicht den Änderungen an sich, sondern der damals intransparenten Haltung Youtubes. Die Kreativen seien nicht vorgewarnt, sondern kalt erwischt worden. Anfang 2020 steht die nächste ähnliche Änderung an. Diesmal hat die Plattform bereits Monate vorher Mails verschickt. 

"The consequences of this are grave. Massive demonetization."

Screenshot eines Videos von Jörg Sprave, Betreiber des "Slingshot Channel" auf Youtube (Youtube / Jörg Sprave)Der Youtuber Jörg Sprave hat eine Gewerkschaft gegründet (Youtube / Jörg Sprave)

Gravierende Einnahmenverluste beklagt auch der deutsche Youtuber Jörg Sprave nach einer Änderung der Vergütungsregeln in 2017. Sprave, der mit seinen selbstgebauten Steinschleudern und Zwillen weltweit bekannt wurde, fand Mitbetroffene und Mitstreiter und gründete im März 2018 die "YouTubers‘ Union" – eine Gewerkschaft für Youtuber. Sein Ziel: mehr Mitbestimmung. Noch in diesem Jahr wird sich die YouTubers‘ Union erstmals mit Youtube treffen.

Plattformen in die Verantwortung nehmen

Nicht nur von Seiten der Urheber steigt der Druck auf die Videoplattform – auch aus Politik und Medienaufsicht. Man befürchtet, Plattformen wie Youtube oder Facebook könnten zu mächtig werden. Manuel Höferlin, medienpolitischer Sprecher der FDP im Bundestag:

"Große Internetkonzerne, die weltweit agieren, haben natürlich eine Macht im Internet. Ich glaube, dass diejenigen, die sehr, sehr viele Kunden oder Nutzer auf sich vereinen, natürlich auch ein Stück weit Meinungen verändern können, Meinungen bestimmen können, auch wenn sie selbst immer behaupten, sie seien ja ‚nur‘ Plattformen. Aber durch die Auswahl dessen, was man gezeigt bekommt, kriegt man natürlich auch nur ein Spotlight auf das, was um einen herum passiert."

"Youtube selber produziert keine Inhalte. Von daher sind wir kein Inhalteanbieter. Wir sind eine technische Plattform. Und gleichzeitig helfen wir den Leuten, die auf Youtube kreativ sind und Inhalte zur Verfügung stellen, möglichst gut, um erfolgreich zu sein."

Nur eine Plattform? Die Betrachtung von Youtube aus einer medialen Perspektive könnte anderes ergeben. Forscher Leonhard Dobusch erklärt:

"Das Spannende ist bei Youtube - und das gilt meiner Meinung nach auch für Facebook - die Zwitterstellung, die diese neuen Plattformen einnehmen. Sie sind mehr als eine bloße Plattform, die einfach nur Inhalteanbietern eine Bühne liefert, wie es zum Beispiel ein Kabelnetzbetreiber ist, der quasi keinerlei Einfluss darüber hat, was auf den Fernsehschirmen der Zuschauerinnen und Zuschauer landet."

Dobusch verortet die neuen Medienintermediäre, wie er sie nennt, zwischen Plattform und klassisch redaktionellem Medium. Entsprechend muss erst noch eine Regulierung gefunden werden. Er denkt unter anderem an transparente Algorithmen und Aufsichtsräte.

"Wenn es um die Möglichkeit geht, technisch über eine Plattform Inhalte zu verbreiten, dann glaube ich, sind die Grenzen, die es heute schon gibt, die Gesetze. Die verbieten zum Beispiel die Verbreitung von Nazi-Propaganda, Hetze oder Verleumdung. Und ich glaube, da braucht man eher Instrumente, so etwas im digitalen Zeitalter effektiver durchzusetzen. Wenn es aber um so etwas geht wie Empfehlungsalgorithmen oder den Newsfeed bei Facebook, da glaube ich, ist die Verantwortlichkeit der Plattformen größer. Da glaube ich, bräuchte es stärkere Instrumente, um hier auch das Ganze zu überprüfen."

Regulierungen sind umstritten

Die Überlegungen zu Youtube, Facebook und Co. sind in vollem Gange. So erklärt Gerd Billen, Staatssekretär im Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz, in Bezug auf die Medienintermediäre:

"Eine Diskussion im Bereich sozialer Netzwerke ist ja: Sind sie wie Medien zu behandeln? Also haben sie wie Medien bestimmte Verpflichtungen zu erfüllen? Das muss nicht unbedingt heißen, dass in jedem Medium nun eine Meinungsvielfalt vertreten wird. Aber da sie ja Einfluss nehmen auf den Newsfeed, ist eine Diskussion, die auch von den Bundesländern geführt wird: Braucht es hier einen größeren Meinungspluralismus?"

Gerade in Bezug auf Hass-Inhalte, Fakenews oder grenzwertige Videos und Postings gibt es Überlegungen, die Empfehlungen über Newsfeeds und ähnliche Funktionen zu regulieren.

"Bevor immer nur der gleiche Hass geliked wird und weiter oben in dem Newsfeed auftaucht, braucht es vielleicht eine Beimischung von neutralen oder andersartigen Meinungen. Der Vorteil, den Zeitschriften und Zeitungen haben oder auch der Rundfunk, ist ja, dass ich nicht nur einseitig über bestimmte Dinge informiert werde, sondern eine gewisse Pluralität habe. Und das ist Sache der Landesmedienanstalten, darüber nachzudenken, ob und wie man das machen kann."

Manuel Höferlin (FDP), spricht im Bundestag zur Umsetzungsstrategie Digitalisierung, 21.02.2019 (dpa ZB / Britta Pedersen)Manuel Höferlin (FDP) spricht sich gegen ein Eingreifen aus (dpa ZB / Britta Pedersen)

Die Opposition ist ob solcher Ideen nicht sehr angetan. Manuel Höferlin von der FDP lehnt den Gedanken, die Plattformen beziehungsweise deren Algorithmen zu beeinflussen, strikt ab.

"Ich halte nichts davon, gesetzlich oder regulativ für Vielfalt zu sorgen, weil: Wer legt denn dann die Vielfalt fest? Das ist ja absurd zu sagen: Wir sind für eine neutrale Meinungsvielfalt, aber wir legen fest, wie das ist. Also das kann nicht sein. Dann würde man sozusagen auch wieder steuernd, wertend eingreifen."

Weniger die Unabhängigkeit der Plattformen, als vielmehr ihre Funktion beschäftigt den Youtuber Dave Pickett. Er gibt in Sachen Regulierung zu bedenken:

"Es ist schwer vorherzusagen, was passieren wird, weil man weiß, dass jedes einzelne Ereignis einen Kaskadeneffekt über das gesamte Ökosystem auslösen kann."

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