Kultur heute / Archiv 27.12.2012

Zähes Ringen zwischen Kunst und LebenNeu im Kino: "Cäsar muss sterben" von Paolo und Vittorio TavianiVon Josef Schnelle

So sehen Sieger aus: Paolo und Vittorio Taviani nach der Auszeichnung mit dem  Goldenen Bären. (picture alliance / dpa / Tim Brakemeier)So sehen Sieger aus: Paolo und Vittorio Taviani nach der Auszeichnung mit dem Goldenen Bären. (picture alliance / dpa / Tim Brakemeier)

Die Brüder Taviani lassen Shakespeare von Insassen eines römischen Gefängnisses spielen. Doch ihr Film ist keine dokumentarische Studie über ein Resozialisierungsprojekt. Bewegend zeigt er, wie Shakespeares Story um Macht, Verrat und Rache von den "schweren Jungs" Besitz ergreift.

"Dieses Jahr werden wir ein Stück von Shakespeare aufführen und zwar: Julius Cäsar. Es handelt von dem großen Feldherren der aus Rom eine bedeutende und mächtige Stadt machte. Aber dann der Verführung erlag, ein Tyrann zu werden und deshalb von seinen Weggenossen ermordet wurde."

Ein Theaterprojekt wird angekündigt in der Strafanstalt Rebibbia in der Nähe von Rom. Regisseur Fabio Cavalli steht neben dem Gefängnisdirektor vor den Insassen des dortigen Hochsicherheitstrakts mit den "schweren Jungs" – mit Mördern und Mafia-Mitgliedern aus ganz Italien. In den nächsten Wochen kann jeder, der will, vorsprechen. Es ist nicht die erste Aufführung im Gefängnis. Zuletzt hatten die Delinquenten in Höllengesängen aus Dantes "Göttlicher Komödie" ihre eigene Gefängnishölle reflektiert. Doch diesmal ist Fabio Cavalli nicht allein. Den Stoff haben ihm die amtierenden Altmeister des italienischen Kinos Paolo und Vittorio Taviani vorgeschlagen.

Es war still geworden um das Brüderpaar, das 1977 mit dem Film "Padre Padrone" erstmals für Furore gesorgt hatte und später mit Filmen wie "Die Nacht von San Lorenzo" und "Kaos" italienische Kinogeschichte geschrieben hat. Mit "Cäsar muss sterben" meldeten sich der 81-jährige Paolo und Vittorio 83 Jahre alt im Frühjahr auf der Berlinale eindrucksvoll zurück und gewannen den "Goldenen Bären". Der Film ist keine dokumentarische Studie über ein Resozialisierungsprojekt. Vielmehr zeigt er in bewegender Weise wie die Shakespeare-Story um Macht, Verrat, Rache und Gewalt so sehr von den Männern Besitz ergreift, dass sie ihr eigenes Schicksal in ihr wiederfinden wollen. Ein zähes Ringen zwischen Kunst und Leben beginnt.

Wichtige Teile des Films sind in Schwarz-Weiß gehalten, und so wirken die schäbigen Zellen der Gefangenen und ihr kleiner Innenhof für den Freigang erst Recht wie höhlenartige Theaterkulissen. Erst die triumphale Szene der Premiere leuchtet wieder in magischen Farben. Die Studie über Strafgefangene, die ein Stück proben, mit dem Stoff ringen und dessen Poesie schmerzhaft mit ihrem tristen Alltag vergleichen und der Theaterklassiker über den Preis von Macht und Wahrheit beginnen Eins zu werden. Der Preis der Darstellung ist, dass die Protagonisten ganz tief in sich hineinhorchen müssen, auch in die Abgründe, die das Leben dieser Männer bisher bestimmt haben. Schließlich steht auch in dieser Variante von "Julius Cäsar" der Titelheld in der gespenstischsten Szene seinen Mördern gegenüber. Als letzter sticht natürlich Cäsars Adoptivsohn Brutus zu. Wenn der Ermordete vornüber zusammenbricht ist die Geste des Brutus klassisch - zugleich Tötungsakt und fast zärtliches sanftes Auffangen.

"Auch Du mein Sohn, Brutus."

Salvatore Striano, der den Brutus spielt, ist der einzige Nichtinsasse der Haftanstalt, der mitspielt. Er hat seine Haftstrafe bereits abgesessen und als Resultat seiner Laienspielerfahrung ein neues Leben begonnen. Er ist jetzt professioneller Schauspieler und hat in Matteo Garrones Mafia-Film "Gomorrha" einen ersten wichtigen Karriereschritt gemacht. Für die Dreharbeiten zu "Cäsar muss sterben" ist er zeitweise wieder in sein früheres Gefängnis zurückgekehrt. Was er an professionellem Stil einbringt machen die anderen Darsteller durch Leidenschaft mehr als wett.

Die Taviani-Brüder sprechen vom Kino als dem "degenerierten Sohn" aller anderen Künste zuvor. Shakespeare – so finden sie – hätte heute am Kino den meisten Spaß gehabt. Es ist aber auch ein Film über die heilenden Kräfte der Kunst. Manchmal legen diese jedoch auch die Seele der Menschen frei und den Wert der Strafe. Cosimo Rega, der Cassius des Stückes und einer der talentiertesten Darsteller, bringt es auf den Punkt. Bislang hat er stur in seiner Zelle gesessen und fühlte sich einfach nur ungerecht behandelt. In dieser Nacht nach der umjubelten Premiere des Stückes ist es anders. Die Häftlinge werden wieder in ihre Zellen eingeschlossen. Cosimo Rega fällt einmal aus der Rolle und klagt:

"Nun, da ich die Kunst kennengelernt habe, ist dies wirklich ein Gefängnis für mich."

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