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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Umkehr der Beweislast ist nicht mehr zu halten17.07.2021

Zäsur im Anti-Doping-KampfDie Umkehr der Beweislast ist nicht mehr zu halten

Ein flüchtiger Hautkontakt reicht schon: Ein Experiment zeigt, wie einfach Sportlerinnen und Sportler ungewollt gedopt werden können. Das Prinzip des "strict liability", bei dem Sportler verantwortlich dafür sind, was in ihrem Körper steckt, kann nicht weiter gelten, kommentiert Jessica Sturmberg. Es könne keine gerechte Lösung geben.

Ein Kommentar von Jessica Sturmberg

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Eine Dopingteststelle im Olympiadorf in Tokio (picture alliance / Kyodo)
Eine Dopingteststelle im Olympiadorf in Tokio (picture alliance / Kyodo)
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Da ist der böswillige Athlet, der sich im Wettkampf einen Vorteil verschaffen, den Ruhm, die Prämien, die Sponsoringverträge abgreifen will, unerlaubte Substanzen nimmt, und auf unfaire Weise zum Sieg gelangt.

Er oder sie wird erwischt, eine positive Probe überführt den oder die Betrügerin, das schwarze Schaf wird aus dem Wettbewerb genommen und der faire Wettkampf hat gewonnen. Es kann weitergehen. So simpel ist bisher das Narrativ des Internationalen Olympischen Komitees IOC und auch vieler anderer Sportorganisationen im Anti-Doping-Kampf.

Jeder Athlet ist für seinen Körper verantwortlich

"Strict liability" nennt sich das - jede Athletin, jeder Athlet ist dafür verantwortlich, was in ihrem beziehungsweise seinem Körper steckt - wenn der Dopingtest anschlägt, ist es die Sache der Betroffenen, zu beweisen, dass sie unschuldig sind. Im Anti-Doping-Kampf gilt nicht, im Zweifel für den Angeklagten, sondern es gilt die Umkehr der Beweislast.

Auf diesem Prinzip ist der gesamte Anti-Doping-Kampf aufgebaut. Weil es anders nicht funktioniert: Eine positive Probe wäre sonst ein Indiz, die Sportrichter müssten dann noch beweisen, dass Athletinnen und Athleten tatsächlich gedopt haben. Aber wie soll dieser Beweis gelingen? Da müsste derjenige schon auf frischer Tat ertappt werden.

Der oder die positive Getestete könnte sich sonst immer mit einer Erklärung herausreden: Das verseuchte Stück Fleisch, die kontaminierte Kopfschmerztablette, der Gegner hat irgendwas in die Trinkflasche gemischt. Das teure Testsystem wäre wertlos. Undenkbar. Sportrechtlich wäre dem freien Dopen nichts mehr entgegen zu setzen.

  (imago images / GEPA pictures) (imago images / GEPA pictures)Doping - Ungewollt gedopt? Wer positiv getestet wurde, ist schuldig, es sei denn, er kann den Nachweis seiner Unschuld erbringen. Eine neue Dokumentation der ARD-Dopingredaktion stellt diese jahrzehntelange Praxis aber nun infrage.

Und genau an diesem Punkt steht die Sportwelt jetzt: Die Umkehr der Beweislast ist nicht mehr zu halten. Mit dem wissenschaftlichen Experiment ist belegt – ein flüchtiges Auf die Schulter klopfen, Abklatschen, Gratulieren kann zum Dopinganschlag genutzt werden.

Ein Tropfen Anabolika wird mittels Trägersubstanz über die Haut verabreicht, und eine Sportkarriere vernichtet, die Betroffenen traumatisiert. Sie können nicht beweisen, dass sie eigentlich Opfer sind, haben es womöglich nicht einmal mitbekommen und sind selbst völlig ratlos.

Dopinganschläge sind leider realistisch

Dopinganschläge? Das sind keine fernen Szenarien, das ist in dieser oft so skrupellosen Sportwelt leider sehr realistisch. Das zeigt das Beispiel des spanischen Damen-Hockey-Teams, dem vermutlich absichtlich kontaminiertes Essen serviert wurde, um aus dem Wettbewerb gedrängt zu werden.

Und jetzt, da es das Experiment gezeigt hat, wie es gehen kann, wird das Misstrauen noch größer werden: Keine Berührung mit anderen, kein Trinken aus einer geöffneten und unbeobachteten Flasche, Mitnehmen von eigenem Essen - die Unbefangenheit sportlicher Wettkämpfe ist dahin. Athleten fragen sich zurecht, Was jetzt? Ist das das Ende des fairen Profisports? Zumindest sollte es das Ende des über so viele Jahre aufgebauten Anti-Doping-Systems sein.

Kein einziger großer Fall über das Anti-Doping-Ssystem entlarvt

Denn machen wir doch mal eine Bestandsaufnahme. Kein einziger der großen Dopingfälle ist über dieses System entlarvt worden. Es waren Whistleblower, Razzien und staatliche Ermittlungen, die Dopingtäter überführt haben.

Und wenn wir noch ein bisschen genauer hinschauen, dann ist auch die Antwort auf die Frage nach Täter und Opfer keine so einfache wie es gerne dargestellt wird: Haben der Radrennfahrer, die Sprinterin, der Schwimmer, die Biathletin sich aus Überzeugung für diesen Weg der unfairen Leistungssteigerung entschieden?

Oder waren sie in einem Systemzwang, sind hineingelangt, weil ihr Umfeld, Trainer, Sportmediziner, Funktionäre, ihnen schon in jungen Jahren vermittelten, dass es nur so geht? Es gibt die bewussten Doper, die es genau so wollten, es gibt die, die da hineingeraten sind und es gibt die wirklich Unschuldigen. Das bisherige System hat selten die Richtigen bestraft. Es darf also abgeschafft werden – das Experiment ist nur ein weiterer Beleg dafür.

Aber die wirklich komplizierte Frage ist dann: was kommt stattdessen? Freies Dopen kann nicht die Alternative sein. Dann gewinnt die Chemie und nicht Talent und Fleiß. Und was ist mit Blutprofilen, ein Durchscreenen der Spitzenathleten, es wäre ein unglaublicher Aufwand und wäre es auch zumutbar? – Das Fatale: es gibt keine gerechte Lösung. Wir stehen praktisch wieder am Anfang. Und das ausgerechnet eine Woche vor Beginn der Olympischen Spiele.

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