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StartseiteCorsoPolitsatire mit Klamauk-Effekten06.06.2019

ZDF-Webserie "In bester Verfassung"Politsatire mit Klamauk-Effekten

Die Handy- und TV-Serie "In bester Verfassung" will als bissig-böse Politsatire zeigen, wie schnell Fake-News für populistische Zwecke eingesetzt werden können und zu Wutbürgertum in einem kleinen Dorf führen. Das Ganze inszeniert in Häppchen fürs Internet. Gut gemeint, aber letztlich zu klamaukig.

Von Achim Hahn

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(zdf)
Gudrun Landgrebe und Uke Bosse in "In bester Verfassung" (zdf)
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"Die Kameras werden auf unbestimmte Zeit konfisziert."
"Aber Frau Dombrowski, wir sind YouTuber."
"Die Kameras sind unser Arbeitsgerät. So wie für Sie ..."
"Ihr Sessel?! Im Büro, wo sie immer drauf sitzen."

Zwei Welten prallen aufeinander. Auf Witz komm raus. Gleich die erste Szene gibt den Takt vor. Zwei betulich wirkende Ordnungshüter in Zivil in Aktion. Verhindern ein inszeniertes Selbstmord-Prank-Video der beiden YouTuber. Ältere Kinogänger werden zwar sofort an den Kultfilm "Harold und Maud" denken, aber - geschenkt. Hier geht es um den Effekt.

Smartphonetauglich für die jungen Netz-Zuschauer

Und YouTube ist ja auch einer der ersten Online-Publikationsorte der neuen Webserie "In bester Verfassung". Acht Minifolgen in jeweils rund sieben Minuten. Smartphonetauglich für die jungen Netz-Zuschauer aufbereitet. Um große Politik im Kleinen zu erzählen, ideal fürs Zwischendurch an der Bushaltestelle. Und für den klassischen Fernsehzuschauer dann im ZDF als Komplettversion.

"Sie sind ein Relikt. Also nicht Sie persönlich natürlich." Sondern die beiden Ordnungshüter - gespielt von Gudrun Landgrebe und Uke Bosse. Zwei übrig gebliebene Verfassungsschützer in einem hinterweltlichen Dorf, denen plötzlich berufliche Veränderung droht:

"Die Dienststelle Niederlützel wurde vor über 40 Jahren gegründet, um die Terroraktivitäten der Rottland-Gruppe zu beenden. Und: Herzlichen Glückwunsch! Sie haben ihren Auftrag erfüllt. Allerdings auch schon vor 35 Jahren. "
"Heißt das wir werden jetzt befördert?"
"Ja. Die Dienststelle in Niederlützel wird geschlossen."

Standortsicherung durch Terrorsimulation

Die Idee der beiden bisher lange unterbeschäftigten Beamten: Standortsicherung durch Terrorsimulation in der dörflichen Idylle: "Islamisten, ne, die mögen ja keine Schweine, und wir haben doch den einzigen Schweinebauern der ganzen Region. Der wäre doch ein Super Ziel für unsere Terroristen." Doch der Anschlag der vermeintlich islamistischen Terrorzelle hat weitreichende, unbeabsichtigte Folgen:

"Das ist immer noch Deutschland hier!"
"Heil Hitler!"
"Bei dem hätte es das nicht gegeben!"

Die Stimmung im Dorf eskaliert. Der früher beliebte Dönerverkäufer wird als vermuteter Islamist krankenhausreif geschlagen. Die Volkseele kocht, angeheizt vom Schweinebauern, der die Diktion der populistischen Volksverdummer aus dem FF reproduziert, flankiert vom wiederwahlgeilen Bürgermeister mit hitlereskem Seitenscheitel.

"Diese Attacke war kein Angriff gegen mich, sondern ein Angriff auf unsere Werte. Hier, wo man Schweine noch essen darf. Wollt Ihr Euch Euer Schweinefleisch verbieten lassen?"
"Nein!"
"Dann kauft Schweine für die Freiheit! Wer kein Schwein kauft, ist Islamist!"

Zwischen Like-Option und Oldie-Sound

"In bester Verfassung" zeigt - so weit der Anspruch -, wie schnell die Stimmung fremdenfeindlich werden kann; wie persönliche Interessen dahinter stecken; wie sich alles rassistisch hochschaukelt und Trittbrettfahrer animiert werden - und - wie der Verfassungsschutz sich selbst durch Inszenierungen unverzichtbar machen will: "Haben Sie schon wieder Extremisten motiviert, um Ihre armselige Karriere in den Griff zu kriegen? Oder waren Sie’s diesmal sogar selber und haben selber den Anschlag ausgeführt?"

Das Ganze inszeniert in Häppchen fürs Internet. Schnell geschnitten, zu ebensolchem Konsum, inklusive Kommentar- und Like-Option. Dazu ein cooler Soundmix, aber zugleich auch - für die ZDF-Zuschauer? - ein oldieverliebter Soundtrack mit Knalleffekten. Das Satirepotential der Story, die im übrigen entfernt auch an die schwedische Serie "Kops" erinnert, erschöpft sich zu oft in Slapstickmanier und platter Witzigkeit. YouTube-Kurzfilm-Regisseur Joseph Bolz inszeniert alles andere als subtil, trotz mancher ironischer Schnitte und schönen Bildern. Gut gemeint, könnte man sagen. Letztlich zu klamaukig.

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