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StartseiteEuropa heuteJugend-Unruhen in Frankreich jederzeit wieder möglich27.10.2015

Zehn Jahre danachJugend-Unruhen in Frankreich jederzeit wieder möglich

Ein Funke hatte damals ausgereicht, um einen veritablen sozialen Flächenbrand auszulösen: Vor zehn Jahren, am 27. Oktober 2005, starben Zyed und Bouna auf der Flucht vor der Polizei. Ihr Tod im Pariser Vorort Clichy-sous-Bois führte zu wochenlangen Krawallen. Die Probleme von damals sind auch heute noch da.

Von Kerstin Gallmeyer

Ein Transparent vor dem Gerichtshof in Rennes ruft zur Unterstützung der Angehörigen der beiden 2005 in Clichy-sous-Bois gestorbenen Jugendlichen Bouna Traore und Zyed Benna auf. (dpa / picture alliance / EPA / Eddy Lemaistre)
Ein Transparent vor dem Gerichtshof in Rennes ruft zur Unterstützung der Angehörigen der beiden 2005 in Clichy-sous-Bois gestorbenen Jugendlichen Bouna Traore und Zyed Benna auf. (dpa / picture alliance / EPA / Eddy Lemaistre)

Etwas mehr als eine Stunde braucht man mit Metro und Vorstadtzug vom Pariser Zentrum raus nach Grigny. 27.000 Menschen leben in der Stadt, die es Anfang des Jahres zu einer traurigen Berühmtheit schaffte. Denn hier, in der tristen Plattenbausiedlung La Grande Borne, war Amedy Coulibaly aufgewachsen. Der Attentäter, der in einem jüdischen Supermarkt in Paris mehrere Menschen erschoss. Im Sozialzentrum von La Grande Borne arbeitet Amar Henni. Er kennt die verzweifelte Lage vieler Menschen hier.

"Neulich kam ein Vater hierher, 45 Jahre alt, mit seinen zwei kleinen Kindern. Er erzählte mir, dass er seit zwei Jahren eine Arbeit sucht. Und plötzlich fing er an zu weinen. Vor seinen Kindern. Er konnte nicht mehr reden, so sehr weinte er. Das passiert hier jeden Tag. Die Menschen verstehen einfach die Welt nicht mehr."

Blick auf Paris vom 18. Stock des Rathauses im Vorort Gennevilliers am 25.11.2009. (picture alliance / dpa / Robert B. Fishman ecomedia)Gennevilliers, auch ein Pariser Vorort mit sozialen Problemen. (picture alliance / dpa / Robert B. Fishman ecomedia)

Auch in Grigny, einst eine Siedlung, die für eine urbane Utopie stand, haben vor zehn Jahren die Autos gebrannt. Nach den Krawallen von 2005 wurden hier alte, marode Häuser abgerissen und neue hingestellt. Das gehörte zum Plan der Hoffnung, den Präsident Sarkozy drei Jahre nach den Krawallen verkündete. Milliarden sind seitdem in die Sanierung der Vorstädte geflossen. Doch gebracht hat es wenig, findet Amar Henni.

"Seit den Ereignissen von 2005 haben sie eine Büchse der Pandora geöffnet, aber die Situation der Bewohner hat sich nicht verbessert. Die soziale Unsicherheit, mit der sie leben, ist gestiegen. Die Arbeitslosigkeit ist angestiegen, die Ungleichheiten im Bildungssystem sind noch größer geworden."

"Hollande hat uns enttäuscht"

Auch Präsident Hollande hatte in seinem Wahlkampf einiges versprochen. Das Ausländer-Wahlrecht wollte er einführen, Polizei-Kontrollen in den Problemvierteln aufgrund von Hautfarbe abschaffen. Und die Arbeitslosigkeit verringern. Damit holte er in den Vorstädten bis zu 75 Prozent der Stimmen. Doch auf die Umsetzung der Versprechen warten seine Wähler heute noch. Wie in La Courneuve, im Norden von Paris. Die Hochhaus-Vorstadt, in der Sarkozy als Innenminister den berühmten Kärcher-Satz sprach. Bei einem Besuch des amtierenden Staatspräsidenten vor einer Woche, machten viele Bewohner ihrer Enttäuschung Luft:

"Wir haben große Hoffnungen in Hollande gesetzt. Wirklich. Aber wir haben nichts bekommen. Er hat uns enttäuscht. Manchmal bedauern wir, dass Sarkozy nicht mehr da ist."

Im Oktober 2005 kam es zu Unruhen in der Pariser Vorstadt Clichy-sous-Bois. (picture alliance/dpa/Matthieu De Martignac)Im Oktober 2005 kam es zu Unruhen in der Pariser Vorstadt Clichy-sous-Bois. (picture alliance/dpa/Matthieu De Martignac)
Das größte Problem, meint Soziologe Thomas Kirszbaum, ist nach wie vor das Gefühl von Benachteiligung und massiver Diskriminierung der Menschen in den sogenannten Problemvierteln. Ob bei der Arbeitssuche, in der Schule und vor allem im Auftreten der Polizei.

"Das ist ein typischer Bereich, wo der Rassismus zum Teil institutionalisiert ist. Die Polizei ist nicht fähig, die Jugendlichen aus den schwierigen Vorstädten so wie andere zu behandeln."

Ein Konflikt mit der Polizei war es auch, der den Flächenbrand im Herbst vor zehn Jahren in Frankreich auslöste. Und der, davon ist Amar Henni in Grigny überzeugt, könnte jederzeit wieder entfacht werden.

Programmhinweis: Der Hintergrund sendet heute um 18:40 Uhr "Vor zehn Jahren: Die Unruhen in Frankreichs Banlieues".

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