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StartseiteKommentare und Themen der WocheKein Wiedereinstieg in die Atomkraft!11.03.2021

Zehn Jahre FukushimaKein Wiedereinstieg in die Atomkraft!

Ein Wiedereinstieg in die Atomenergie wäre ein gefährlicher und teurer Fehler, kommentiert Georg Ehring den Jahrestag der Reaktorkatastrophe in Fukushima. Erneuerbare Energien stellten schon heute mehr Strom, als es die Atommeiler jemals taten - und sie produzierten keinen gefährlichen Müll.

Ein Kommentar von Georg Ehring

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Arbeiten am Atomkraftwerk Fukushima (picture alliance/dpa/Jiji Press/Fumiyasu Nakatsuji)
Arbeiten in Fukushima in einer Aufnahme vom 11.03.2021: Ein Wiedereinstieg in die Atomenergie sei ein Fehler, kommentiert Georg Ehring (picture alliance/dpa/Jiji Press/Fumiyasu Nakatsuji)
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Zehn Jahre danach scheint die Erinnerung zu verblassen. Zwar sind weite Landstriche rund um Fukushima weiter Sperrgebiet, die Ruinen der havarierten Reaktoren sind nur notdürftig gesichert und die Behörden wissen nicht, wohin mit dem tritiumverseuchten Kühlwasser. 

Trotzdem gibt es wieder Forderungen nach einem Wiedereinstieg in die Kernenergie – und auf den ersten Blick hat die Idee auch etwas für sich: Für das Klima ist die Kernkraft als Energiequelle um Dimensionen besser als Kohle oder Gas. Frankreich steht vor allem wegen der vielen Atomreaktoren dort beim Klimaschutz viel besser da als Deutschland. Pro Kopf und Jahr kommt das Land auf rund sechs Tonnen CO2-Emissionen, Deutschland liegt bei zehn Tonnen. Neue Atomkraftwerke sollen zudem viel sicherer sein als alte. Investoren wie der Microsoft-Gründer Bill Gates setzen auf kleine Reaktoren, bei denen eine Kernschmelze bauartbedingt ausgeschlossen sein soll.

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Reaktoren verursachen Atommüll

Doch ein Wiedereinstieg in die Atomenergie wäre ein gefährlicher und teurer Fehler. Gefährlich wäre er deshalb, weil auch neue Kernreaktoren mit hoch radioaktivem Material arbeiten müssten. Neue Reaktorkonzepte würden zwar hoffentlich Lehren aus alten Reaktorkatastrophen berücksichtigen. Doch niemand kann ausschließen, dass im Einzelfall völlig unerwartete Dinge passieren – in Fukushima war es ein Erdbeben und eine Flutwelle ungeahnten Ausmaßes.

Alle Reaktoren ganz gleich welcher Bauart verursachen Atommüll, der über viele Jahrtausende strahlt und sicher verwahrt werden muss.

Viele Unbekannte bei neuartigen kleinen Krafwerken

Die völlig neuartigen kleinen Kraftwerke gibt es im übrigen bisher nur auf dem Reißbrett. Wie sie in der Praxis funktionieren würden, ist unbekannt und bis sie in großem Maßstab eingesetzt werden könnten, werden Jahre und Jahrzehnte vergehen. Sie gleichen also Luftschlössern und sind keine Lösung für die Probleme von heute.

Der gewaltige Tsunami überschwemmte vor zehn Jahren die ganze Küstenregion. Immer wieder sieht man noch Reste der Verwüstung, wie hier vorne im Bild den Schrott von Autos. Im Hintergrund dagegen das neue Fukushima: Das jüngst errichtete Museum über die nukleare Katastrophe. (Deutschlandradio/Yu Minobe) (Deutschlandradio/Yu Minobe)10 Jahre nach der Katastrophe: Forever Fukushima
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An der neuen Diskussion über Kernenergie verwundert vor allem eines: Sie ist komplett überflüssig, denn es gibt längst bessere Lösungen. Erneuerbare Energiequellen wie Windräder und Solaranlagen erzeugen in Deutschland inzwischen rund die Hälfte des Stroms - mehr als es Atomreaktoren je getan haben. Sonnen- und Windstrom sind zudem auf dem Weg, die billigsten Energiequellen überhaupt zu werden. Durch Energiespeicher und den Ausbau der Stromnetze lässt sich die Versorgung unterbrechungsfrei gewährleisten.

Windkraft und Solarenergie können auch Kohle und Gas ersetzen

Windkraft und Solarenergie können sowohl die Atomkraft als auch Kohle und Gas in Deutschland ersetzen. Wir sollten auf diese ausgereiften Technologien setzen und nicht auf Experimente mit Reaktorkonzepten, die noch nirgends funktionieren.

Ende nächsten Jahres werden in Deutschland die letzten Atommeiler abgeschaltet. Um sie zu ersetzen, muss die Bundesregierung den Ausbau der Erneuerbaren beschleunigen. Es ist gut, dass es bei uns beim Atomausstieg bleibt.

Georg Ehring  (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring, Jahrgang 1959, hat in Dortmund Journalistik und Politikwissenschaften studiert, später an der Fernuniversität Hagen Volkswirtschaft. Er arbeitet beim Deutschlandfunk als Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt. Berufliche Stationen zuvor waren die zentrale Wirtschaftsredaktion der Nachrichtenagentur Reuters in Bonn und zuvor in den 1980er Jahren freiberufliche Tätigkeit überwiegend für den WDR in Dortmund.

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