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StartseiteKommentare und Themen der WocheBesser einmal zu viel gefragt, als Missbrauch zu übersehen28.01.2020

Zehn Jahre MissbrauchsskandalBesser einmal zu viel gefragt, als Missbrauch zu übersehen

Niemand könne sich freisprechen, wenn es um sexuellen Missbrauch von Kindern gehe, kommentiert Claudia van Laak. Laut Expertinnen sitze in jeder Klasse ein Kind, das sexueller Gewalt ausgesetzt sei. Darum gelte es: Hinschauen und Fragen stellen, auch wenn es als Einmischung verstanden werde.

Von Claudia van Laak

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Die Silhouette eines Kindes an der Hand eines Erwachsenen zeichnet sich in einer Unterfuehrung ab in Berlin. (Symbolfoto) (imago images / photothek)
Eine Aufgabe für jeden von uns, nachzufragen, wenn Kinder sich plötzlich anders verhalten, meint Claudia van Laak (Symbolfoto) (imago images / photothek)
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Ja, es ist unangenehm, ungeheuerlich, eklig. Erwachsene, die ihre Macht ausnutzen und Kindern sexuelle Gewalt antun, die sie missbrauchen. Die erste, verständliche Reaktion: Damit habe ich nichts zu tun, damit will ich nichts zu tun haben. Doch niemand kann sich freisprechen. Wenn die Expertinnen und Experten Recht haben, dann sitzt in jeder Klasse ein Kind, das Opfer sexueller Gewalt geworden ist. Damit hat jeder von uns schon einen Betroffenen, eine Betroffene kennengelernt, weiß es nur nicht. Und wer schon einmal mit Polizeibeamten gesprochen hat, die in diesem Bereich ermitteln, der weiß auch: Der Täter trägt nicht nur Jogginghose und Tätowierungen, er trägt auch Anzug und einen Doktortitel. Vielleicht handelt Ihr Kollege ja im Netz mit kinderpornographischem Material. Oder Ihr Nachbar missbraucht seine Tochter.

In jeder Klasse ein Kind

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung Johannes-Wilhelm Rörig hat Recht – auch zehn Jahre nach Aufdecken des Missbrauchsskandals am Berliner Canisius-Kolleg wird zum Thema sexuelle Gewalt ohrenbetäubend geschwiegen. Im Zweifel zeigt jeder mit dem Finger auf einen anderen. Die katholische Kirche und der Zölibat sind schuld! Die DDR-Heimerziehung! Das Internet! Nein, dieser Aufgabe muss sich jeder und jede stellen, auch wenn sie unangenehm ist. Wenn Kinder sich plötzlich anders verhalten, wenn die Nichte nach dem Ballettunterricht wiederholt weint, das Nachbarskind immer wieder blaue Flecke hat, der eigene Sohn verstört vom Zeltlager nach Hause kommt: Hinschauen und Fragen stellen, auch wenn es als Einmischung verstanden wird. Lieber einmal zu viel fragen als den sexuellen Missbrauch unentdeckt lassen. Das ist eine Aufgabe für jeden von uns.

Opfer müssen entschädigt werden

Die betroffenen Institutionen – allen voran die katholische Kirche – können sich ebenfalls nicht wegducken. Nach wie vor fehlt eine unabhängige wissenschaftliche Aufarbeitung nicht nur der Vorfälle am Canisiuskolleg. Dort wie auch an anderen katholischen Schulen verweigern die Verantwortlichen – speziell der Jesuitenorden - den Blick zurück. Zehn Jahre nach Bekanntwerden des Skandals dürfen nicht mehr Kirchenverantwortliche darüber entscheiden, welche Personalakten sie öffnen und welche sie lieber wegsperren. Nicht zuletzt: Es ist überfällig, die Opfer großzügig zu entschädigen.

Claudia van Laak  (Deutschlandradio / Bettina Straub) Claudia van Laak (Deutschlandradio / Bettina Straub)Claudia van Laak, Jahrgang 1963, zog nach ihrem Studium von Germanistik, Journalistik und Wirtschaftswissenschaften in die "Noch-DDR". In Thüringen arbeitete sie beim MDR, wechselte dort als Landeskorrespondentin zum Deutschlandradio. Danach Korrespondentin in Brandenburg, jetzt Leiterin des Landesstudios Berlin.

 

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