Kommentare und Themen der Woche 09.01.2020

Zehn Jahre MissbrauchsskandalDie katholische Kirche hat auf Zeit gespieltVon Christiane Florin

Beitrag hören  Innenhof des Canisius-Kollegs in Berlin. (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)Im Canisius-Kolleg wurden ein Missbrauchsskandal öffentlich, der das Vertrauen in die katholische Kirche schwer erschütterte (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)

Die katholische Bischofskonferenz zieht Bilanz aus zehn Jahren Missbrauchs-Skandal – und sie kommt zu mageren Ergebnissen, kommentiert Christiane Florin. Das sei auch nicht verwunderlich, denn echten Willen zur Aufklärung habe die katholische Kirche nie gezeigt.

Einer muss es ja machen, dachten sich die katholischen Bischöfe vor zehn Jahren. Und sie erkoren den Neuling in ihrer Runde zum Missbrauchsbeauftragten: Stephan Ackermann, damals erst seit wenigen Monaten Bischof von Trier. Er bekam Ende Februar 2010 den unbegehrten Job. Die katholische Kirche war zu jener Zeit nicht darauf gefasst, welche Wucht der Brief eines Berliner Rektors entfaltete.

Ein Text mit Folgen

Der Jesuitenpater Klaus Mertes machte durch ein Schreiben an ehemalige Schüler im Januar 2010 öffentlich, dass am Canisius-Kolleg viele Kinder und Jugendliche sexuell von Geistlichen missbraucht worden waren. Das Besondere: Mertes hatte sich entschieden, den Betroffenen zu glauben. Was zunächst wie ein Problem für den Jesuitenorden aussah, weitete sich zur katholischen Krise aus. Das Jahr 2010 ging als Missbrauchsskandaljahr in die jüngere deutsche Kirchengeschichte ein.

Aufklärer von außen ? – Nein danke

Der Vorsitzende der Bischofskonferenz schwieg nach Bekanntwerden des Briefes 2010 drei Wochen lang, dann bat er um Vergebung. Als die damalige Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger den Aufklärungswillen der katholischen Kirche bezweifelte, gab ihr der oberste Bischof zu verstehen: Sie habe da gar nichts zu melden, sie solle sich für ihre Kritik entschuldigen. Die Kirche entschied, sich selbst aufzuklären. Dass Staatsanwälte die sakralen Aktenschränke durchsuchten – Gott bewahre! Stephan Ackermann wurde also zum ersten Zuständigen für die Selbstaufklärung.

Die Kirche verschließt die Augen

Der Missbrauchsbeauftragte der Bischofskonferenz hat heute seine Zehn-Jahres-Bilanz gezogen. "Schmerzliche Erkenntnisse" stünden bevor, sagte er. Eine unabhängige Aufarbeitung kündigte er an. Bis es soweit ist, muss allerdings geklärt werden, was Aufarbeitung überhaupt bedeutet. Klar, es gab 2018 eine große Studie zum Ausmaß sexualisierter Gewalt in der Kirche, es gibt Leitlinien und Präventionskonzepte. Aber es dauerte acht Jahre, bis Bischöfe anerkannten, was jeder hätte sehen können: spezifisch katholische Risikofaktoren, etwa die klerikale Machtfülle, die übergriffige Sexualmoral und die männliche Monokultur, machten es Tätern und Vertuschern leicht. Zu verführerisch war es, auf Sportvereine zu verweisen und die Opfer der Kleriker zu bedauerlichen Einzelfällen zu erklären.

Eine bequeme Strategie: Zeit verstreichen lassen

Schon 2010 beteuerten die Bischöfe, an der Seite der Opfer zu stehen. Tatsächlich haben sie auf Zeit gespielt, während die Verjährungsuhr gnadenlos tickte. Das Thema Entschädigung, eine der frühen Forderungen von Opferverbänden, wird erst jetzt angegangen. Für die Betroffenen waren die vergangenen zehn Jahre, sollten sie den bischöflichen Beteuerungen geglaubt haben, besonders bitter. Für die Kirchenleitung hat sich die Zeitschinderei gelohnt. Niemand musste wegen Missbrauchs oder Vertuschung zurücktreten, kein hochrangiger deutscher Kleriker steht vor Gericht. Der Staat macht keinen Druck. Die katholische Kirche hat schon gar keine moralische Fallhöhe mehr, aus der sie abstürzen könnte. Für manche ist das ein komfortabler Zustand.

Dr. Christiane Florin (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Dr. Christiane Florin (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Christiane Florin, Jahrgang 1968, ist Redakteurin für "Religion und Gesellschaft" beim Deutschlandfunk. Bis 2015 leitete sie die Redaktion von Christ&Welt in der Wochenzeitung "Die ZEIT". Ihre Erfahrungen als Lehrbeauftragte für Politikwissenschaft an der Universität Bonn verarbeitete sie in dem Essay "Warum unsere Studenten so angepasst sind" (Rowohlt 2014). 2017 veröffentlichte sie das Buch "Weiberaufstand. Warum Frauen in der katholischen Kirche mehr Macht brauchen" (Kösel).

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