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StartseiteKommentare und Themen der WocheInklusion ist kein Selbstläufer31.03.2019

Zehn Jahre UN-Behindertenrechtskonvention Inklusion ist kein Selbstläufer

Bei der Inklusion geht es nicht um gnädige Zugeständnisse der Gesellschaft, kommentiert Ina Rottscheidt. Sie ist "nicht nur eine gute Idee, sondern ein Menschenrecht". Die deutsche Praxis zeigt, dass man Menschen mit Behinderung nur einen Platz weitab der Mehrheitsgesellschaft einräumen will.

Von Ina Rottscheidt, Domradio

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Die Innenaufnahme zeigt am 23.09.2014 in der Behindertenwerkstatt St.Georg in Titisee-Neustadt (Baden-Württemberg) den Arbeitsbereich. Bei einer Brandkatastrophe vor 22 Monaten starben dort 14 Menschen. Die ersten der insgesamt 100 Behinderten und 25 Betreuer kommen am 26.09.2014 in das renovierte Gebäude zurück, die Werkstatt nimmt damit erstmals seit dem Unglück wieder ihren Betrieb auf. (dpa / Patrick Seeger)
Von einer gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft sind in Deutschland Menschen mit Behinderung noch weit entfernt, meint Ina Rottscheidt (dpa / Patrick Seeger)
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Zehn Jahre UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland. Ein runder Geburtstag. Aber ein Grund zum Feiern ist das nur bedingt. Denn seit die Bundesregierung die Konvention am 26. März 2009 ratifizierte, ist zwar einiges passiert; Inklusion ist kein wissenschaftliches Fachvokabular mehr und das Thema ist in der Öffentlichkeit angekommen. Aber ich würde nicht behaupten, dass die Politik das Thema in der vergangenen Dekade forsch vorangetrieben hätte. Denn von einer gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft – und nichts anderes fordert die UN – sind in Deutschland Menschen mit Behinderung noch weit entfernt. Es gab Reformen, vieles ist jedoch Flickwerk.

In Nordrhein-Westfalen beispielsweise hatte sich die vormalige rot-grüne Landesregierung die Inklusion auf die Fahnen geschrieben. Eigentlich eine gute Sache. Und es gibt viele engagierte Lehrer, die sich wirklich und mit ganzem Herzen für das gemeinsame Lernen einsetzen. Doch an allen Ecken und Enden fehlt es an qualifiziertem Personal und Ausstattung. Wie viele Schulen verfügen über Rollstuhlrampen, Induktionsschleifen, behindertengerechte Toiletten und Rückzugsräume? Inklusion ist nicht zum Nulltarif zu haben. Wenn es nichts kosten darf, ist der Frust auf allen Seiten programmiert.

Bildung und Arbeitsmarkt sind noch nicht inklusiv

Auch der erste Arbeitsmarkt ist bei Weitem noch nicht inklusiv: Menschen mit Behinderung sind häufiger und deutlich länger arbeitslos als Menschen ohne Behinderung. Die Beschäftigungsquote Schwerbehinderter liegt bei unter fünf Prozent – geändert hat sich daran in den vergangenen zehn Jahren fast nichts.

Das liegt auch daran, dass sich Arbeitgeber oft um ihre Verantwortung herumdrücken: Wer mehr als 20 Mitarbeiter hat, muss Menschen mit Behinderung einstellen. Doch die meisten Unternehmen zahlen lieber eine Ausgleichsabgabe, die ist mit maximal 320 Euro im Jahr lächerlich niedrig. Wieso also nicht mal die Abgabe so erhöhen, dass sie nicht mehr locker aus der Portokasse bezahlt wird, sondern wenigstens ein bisschen wehtut und einen Impuls für Beschäftigung setzt? Hier könnte Politik zeigen, dass sie es ernst meint.

Fehlende Inklusion am Arbeitsmarkt führt auch dazu, dass für viele Betroffene Behindertenwerkstätten die einzige Option für eine Beschäftigung sind. Die Bezahlung liegt dort in den meisten Fällen deutlich unter dem Mindestlohn – eigentlich sollen die Werkstätten auch nur auf den Ersten Arbeitsmarkt vermitteln, in der Realität aber kommt jemand, der einmal dort landet, mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr zurück in einen regulären Job. Die faktische Vermittlungsquote liegt bei unter einem Prozent.

Weit ab von der Mehrheitsgesellschaft

Die bisherige deutsche Praxis und die Diskussion über das Thema sagen viel darüber aus, wie wir in Deutschland auf Menschen mit Behinderung schauen und welchen Platz wir bereit sind, ihnen in unserer Gesellschaft einzuräumen. Bislang war der irgendwo, weit ab von der Mehrheitsgesellschaft. Jeder Zehnte hat hierzulande eine Behinderung, doch Deutschland hat mit seinen Sondereinrichtungen wie Förderschulen, Heimen und Behindertenwerkstätten systematisch eine Parallelwelt geschaffen, die seit Jahrzehnten dafür sorgt, dass sich Menschen mit und ohne Behinderung im normalen Leben - sprich als Freunde, Kollegen, Nachbarn - eher selten begegnen.

Und das Unbekannte fürchtet man. Solange Leben mit Behinderung etwas Unbekanntes ist, misstrauen viele der Inklusion. Sie denken, das gemeinsame Lernen benachteilige "normale" Kinder. Arbeitgeber stellen keine Menschen mit Behinderung ein, weil sie glauben, die seien weniger belastbarer und leistungsfähig. Und werdende Eltern entscheiden sich eher gegen ihr Kind, wenn bei diesem vor der Geburt eine Behinderung diagnostiziert wird. Behinderung wird als Belastung betrachtet – nicht als Vielfalt menschlichen Lebens.

Inklusion ist nicht nur eine gute Idee, sondern ein Menschenrecht. Alle haben das gleiche Recht auf Nicht-Diskriminierung. Deswegen ist sie unverhandelbar und wer anführt, "Aber nicht jeder Behinderte ist inkludierbar", hat eins nicht verstanden: Bei der Inklusion geht es nicht um gnädige Zugeständnisse der Gesellschaft.

Inklusion kostet Geld und erfordert Umdenken

In anderen europäischen Ländern gelingt Inklusion bereits. Und in einzelnen Kindergärten, Schulen, Firmen und Vereinen in Deutschland auch. Immer dann, wenn die Bereitschaft da ist, es einfach mal zu versuchen, rücken die Einschränkungen in den Hintergrund. Aber Inklusion ist kein Selbstläufer. Sie kostet Geld und sie erfordert ein Umdenken bei allen.

Der langjährige Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Hubert Hüppe von der CDU, hat einmal gesagt: "Wer Inklusion will, findet Wege, wer sie verhindern will, sucht Begründungen."

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