Mittwoch, 19.06.2019
 
Seit 22:05 Uhr Spielweisen
Startseite@mediasresBerichten ohne "Blutgeschichten"07.03.2019

Zehn Jahre WinnendenBerichten ohne "Blutgeschichten"

Mit selbst geschriebenen Schildern schützten sich die Schüler in Winnenden 2009 vor Journalisten. Denn auf der Suche nach Augenzeugen des Amoklaufs gingen viele Pressevertreter offensiv auf Jugendliche zu. Bei der Gedenkfeier zum zehnten Jahrestag sind die Medien ausgeschlossen.

Von Uschi Götz

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Transparente gegen die Medien und ihre Vertreter hängen am Samstag (14.03.2009) an einer Fensterscheibe in der Albertville-Realschule in Winnenden. Ein Amokläufer hatte am 11.03.2009 in Winnenden bei Stuttgart 15 Menschen in der Albertville-Realschule und auf seiner Flucht getötet und sich dann selbst umgebracht. (picture-alliance)
Zettel mit den Worten "Keine Presse" kleben 2009 in Winnenden an den Fenstern einer Schule. (picture-alliance)
Mehr zum Thema

Journalismus in Krisensituationen "Die hysterische Mediengesellschaft"

Berichterstattung über Missbrauch "Noch mehr Respekt vor der Kirche"

30 Jahre Gladbeck "So weit, wie uns die Polizei lässt"

"Eine Freundin von mir ist da gestorben und ich habe halt fast alles miterlebt. Ich habe die Schreie und die Schüsse gehört."

Zu sehen ist ein Mädchen, das mit den Tränen kämpft, neben ihr steht ihre weinende Mutter. "Der Tag danach" heißt die Reportage in der ARD, die vor allem junge betroffene Menschen nach dem Amoklauf in Winnenden zeigt. Monate nach der Tat sagt eine Betreuerin, die Betroffenen hätten zwei Katastrophen erlebt: Zunächst den Amoklauf und anschließend die hemmungslose Jagd einiger Journalisten auf Augenzeugen.

Albträume über aufdringliche Journalisten

Vor dem ersten Jahrestag musste Thomas Weber eingreifen. Er appellierte an Journalisten, keine Trauernden anzusprechen. Weber ist Psychologe und Geschäftsführer des Zentrums für Trauma und Konfliktmanagement in Köln. Vor Ort haben er und sein Team über ein Jahr lang vor allem Schüler psychologisch betreut.

"Wir hatten teilweise sogar bei den Symptomen Kinder, die von Albträumen berichteten in Bezug auf Medienauftreten. Das hat natürlich auch in Winnenden zu einer sehr explosiven Stimmung geführt. Gerade vor dem Jahrestag war das sehr, sehr stark spürbar, als Medienvertreter teilweise, es lag seinerzeit Schnee, mit Schneebällen beworfen worden sind oder ähnliches. Und es war uns ganz klar, dass wir diese unkontrollierte, erste Situation irgendwie kontrollieren müssen."

"Berichterstattung ist wichtig"

Auch die Gedenkfeier am zehnten Jahrestag des Amoklaufes findet wie die Jahre zuvor unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Und doch wird in den Medien an die Tat und ihre Folgen erinnert. Das sei auch richtig, betont Weber:

"Berichterstattung ist wichtig. Berichterstattung ist auch in Form des Gedenkens wichtig, aber man sollte aufpassen, wieder die kompletten Gefühle oder, verzeihen Sie mir, wenn ich das so ausdrücke, die kompletten Blutgeschichten wieder und wieder wieder zu erzählen."

"Es gabe eine große Medienschelte"

Gisela Mayer hat bei dem Amoklauf von Winnenden ihre 24-jährige Tochter Nina verloren. Die junge Frau war Referendarin an der Albertville-Realschule. Vor der Tür der Familie standen kurz nach der Tat Journalisten, die sich wie alte Freunde verhielten, berichtet sie. In dieser Situation sei es nicht möglich gewesen, die Orientierung zu behalten, sagt Gisela Mayer, aber auch sie betont:

"Ich sehe beide Seiten. Es gab eine große Medienschelte, man hat ganz, ganz viel gefunden, was falsch war, und ganz, ganz wenig, was denn richtig wäre. Denn richtig ist, dass Berichterstattung stattfindet, dass Öffentlichkeit informiert wird."

Täter zielen auf Schlagzeilen ab

Gisela Mayer hat gemeinsam mit dem Journalisten Andreas Unger ein Buch zum Thema herausgegeben. In kurzen Interviews geht es etwa darum, wie Betroffene in einer Krisensituation sensibel angesprochen werden können.

Die Kriminologin Britta Bannenberg erklärt darin, in welcher engen Beziehung Täter und Medien stehen. Amokläufer seien meist junge, psychisch schwer gestörte Männer, die mit der Welt nicht klar kämen. Schon bei der Tatvorbereitung sieht sich der Amokläufern in den späteren Schlagzeilen, erklärt Bannenberg. Auch wenn Amokläufer in der Regel den eigenen Tod vorsehen:

"Das ist ja das Irrationale. Wenn man rational dran geht, dann würde man ja sagen, ein Täter, der höchste Publicity plant, der will es ja wohl erleben. Manchmal wird das auch erlebt, Fall Breivik, aber in den meisten Fällen nicht. Ja, und das ist Teil des Störungsbildes: Die wissen ganz genau, dass sie auf eine gewisse Art, im Internet und in der Medienwelt, unsterblich sein werden."

Im Netz kursieren Ranglisten der Amokläufe

Die Aufmerksamkeit, die die Tat erhalte, soll eine Art Rache an der Gesellschaft sein, sagt die Amokexpertin. Eine große Rolle spiele die Zahl der Opfer und Verletzten. Darüber kursierten im Internet regelrechte Ranglisten. So habe sich der Amokläufer, der im Sommer 2016 in München vor allem junge Menschen erschossen hat, stark an dem Täter von Winnenden orientiert:

"Dieser Täter aus München hat zweimal Winnenden aufgesucht, hat sich hier vertraut gemacht, hat die Gräber aufgesucht und hat seine eigene Tatplanung dadurch noch einmal forciert. Er hat sich im Internet mit den Nicknames von Tim Kretschmer benannt, war sehr inspiriert von dieser Tat. Und das ist, in gewissen Foren, immer noch ein Thema. Das ist ein bitterer Zynismus, dass diese Täter sich aneinander orientieren und diejenigen sein wollen, die die meisten Todesopfer am Ende 'produzieren' - in Anführungsstrichen."

Passfotos statt martialischer Bilder

In der Berichterstattung gehe es darum, sich nicht an Spekulationen, etwa über das Motiv des Täters, zu beteiligen, rät die Professorin für Kriminologie. Täter inszenierten sich in sozialen Medien gerne im schwarzen Trenchcoat und mit martialischer Miene. Dieses Foto sollte in den Medien nicht veröffentlich werden. Vielmehr könnten Passfotos verwendet werden, die den Täter als normalen Menschen zeigten, vielleicht pickelig und pubertierend. Die Botschaft sei dann: Wir gehen deiner Selbstinszenierung nicht auf den Leim.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk