Sonntag, 26. Juni 2022

Deutschland und der Ukraine-Krieg
Sorge und Solidarität verfliegen

Die Deutschen begegneten der größten Katastrophe Europas seit 1945 mit Selbstbezogenheit, kommentiert Georg Löwisch. Nicht die Ukrainerinnen und Ukrainer und ihr Kampf gegen Russland stünden im Fokus, sondern die Deutschen selbst. Sorge und Solidarität verfliegen. Putin könne das nur recht sein.

Ein Kommentar von Georg Löwisch | 11.06.2022

Ein Bild aus dem Frühjahr 2022: Eine ukrainische Flagge hängt in Solidarität mit der Ukraine an einem Balkon im Berliner Ortsteil Schöneberg.
Ein Bild aus dem Frühjahr 2022: Eine ukrainische Flagge hängt in Solidarität mit der Ukraine an einem Balkon im Berliner Ortsteil Schöneberg. (picture alliance/dpa | Christoph Soeder)
Mit den Deutschen ist es wirklich nicht einfach. Sie wollten den Ukrainern helfen, sie wollten Putin trotzen, sie wollten die Bundeswehr wieder flott machen. Eine Zeitenwende sollte es sein, nichts war zu teuer, zu anstrengend, zu hart. Deutschland war in einer anderen Welt aufgewacht, so hat es Annalena Baerbock am 24. Februar festgestellt. Die Außenministerin sprach damals vielen aus dem Herzen. Heute ist die Welt immer noch eine andere. Nur Deutschland ist wieder eingepennt.

Sorge und Solidarität verfliegen

Natürlich trifft das nicht auf alle im Land zu, die Gesellschaft ist zum Glück vielfältig, manche Köpfe sind wach. Aber an den Debatten in diesem Juni 2022 fällt doch auf: Sorge und Solidarität verfliegen.
Die Geflüchteten irren auf den Fluren von Bezirksämtern herum. Das Kanzleramt findet die Lieferungen von Panzern nur in umständlichen Ringtauschen gut. Kann nicht, will nicht, geht nicht. Und die blaugelben Fahnen sind vielerorts wohl gerade in der Waschmaschine - oder sie liegen gebügelt im Einbauschrank, bis 2023, wenn der Jahrestag des Überfalls der Ukraine ansteht.
Die Deutschen begegnen der größten Katastrophe Europas seit 1945 gerade mit Selbstbezogenheit. Nicht die Ukrainerinnen und Ukrainer im Krieg stehen im Fokus, nein, die Deutschen haben sich selbst im Blick. Das manifestiert sich in den kleinkarierten Debatten um Spritpreise und volle Regionalbahnen. Oder auch: Was ist wichtiger? Ob Millionen hungern werden, weil der Krieg das Getreide knapp macht? Oder ob der Spargelverkäufer auf dem Wochenmarkt gerade frech erhöht hat?

Krieg bringt keine Quote mehr

Es wirkt, als hielten viele Deutschen den Krieg nicht mehr aus. Dabei mussten viele bisher eigentlich gar nichts aushalten. Ja, die Inflation wird viele Menschen treffen. Das muss beachtet werden, Geringverdienende sollte die Politik auffangen. Nur: In der Ukraine verlieren die Menschen Haus, Hab und Gut - und viele ihr Leben. Die Regierung in Kiew teilt mit, dass jeden Tag 100 Soldaten sterben.
Um zu erahnen, wie viele das in Deutschland noch interessiert, muss man bloß abends den Fernseher anschalten. Die meisten Medien reagieren, wenn das Publikum weiter blättert, rüber zappt oder weg klickt. Die Folge: weniger Berichte über den Krieg, der keine Quote mehr bringt.
Klar, man muss auch mal durchatmen. Es ist menschlich, dass ein Ereignis weniger Beachtung findet, je länger es dauert. Und ja: Die Angst, dass der Krieg übergreift, ist verständlich, Zurückhaltung ist vernünftig, der Blick auf den eigenen Alltag: auch nachvollziehbar. Aber wo ist das Maß? Von all dem steht gerade etwas zu viel im Raum - und dagegen zu wenig entschlossene Empathie mit den Ukrainern.
Wir müssen wieder mehr darüber reden, was mit diesem Land passiert und was wir zu tun bereit sind. Die Ukraine bekämpft den Freiheitsfeind Putin nicht nur für sich. Wer profitiert - das sind wir. Putin wäre es vermutlich sehr recht, wenn die Aufmerksamkeit für den Krieg in den Demokratien schwindet. Denn dann schwindet der Druck auf die westlichen Regierungen, gegen ihn zu arbeiten. Und die Unterstützung der Ukraine läuft langsam, wird weich und müde.

Selbstgefälliger Auftritt Merkels

Das darf nicht passieren. Aufmerksamkeit heißt Aufmerksamkeit, weil man auf etwas aufmerksam wird - und wenn man es bleibt. Aufmerksam machen, dafür sind Medien verantwortlich, aber auch Politiker, selbst ein stoischer Hanseat wie Olaf Scholz. Der Kanzler müsste das Land immer wieder wachrütteln. Wenn er es nicht kann, dann eben Baerbock und Habeck vom Nebenkanzleramt.
Doch ausgerechnet in der Politik hatte die Selbstbezogenheit in der Gesellschaft diese Woche ein prominentes Pendant. Es zeigte sich im selbstgefälligen Auftritt von Angela Merkel in einem Berliner Theater: Ein „Wohlfühltermin“, so hat die Altkanzlerin das Interview auf der Bühne selber genannt. Dass sie Deutschland abhängig gemacht hat von russischer Energie, überspielte sie.
Dafür ging es um ihren eigenen Selbstfindungsprozess, um die Tapferkeit gegenüber Putins Hund, solche Sachen. Das Signal: Man unterhält sich ganz gern über die Zeit vor der Zeitenwende. Und beschäftigt sich damit, wer sich in Deutschland gerade wohl fühlt. In der Ukraine kämpfen sie weiter ums Überleben.
Deutschland ist eingeschlummert, man rekelt sich in Befindlichkeiten. Was haben wir eigentlich bisher aufgegeben müssen und was die Ukraine? Die Frage müssen sich alle stellen. Und nein, zum Wohlfühlen ist sie nicht.
Georg Löwisch, Chefredakteur der taz
Georg Löwisch, Chefredakteur der taz
Georg Löwisch wurde 1974 in Freiburg geboren. In Leipzig studierte er Journalistik und Afrikanistik. Schon vor dem Abschluss arbeitete er als freier Reporter für Zeitungen, verschiedene ARD-Radios und den Deutschlandfunk. Als Korrespondent berichtete er für den Fachdienst epd medien. Bei der „taz“ in Berlin absolvierte er sein Volontariat und arbeitete dort gut zehn Jahre als Redakteur, Reporter und Ressortleiter. Von 2012 an Textchef des Magazins „Cicero“. 2015 bis 2020 war er Chefredakteur der „taz“. Seit Juli 2020 Chefredakteur von „ZEIT Christ & Welt“ und Autor der „ZEIT“.