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StartseiteKultur heuteZeitgenössisches polnisches Theater01.05.2005

Zeitgenössisches polnisches Theater

Die Uraufführung von Tomasz Urbanskis Stück "Das Dunkel im Glas" und ein Podium zur polnischen Dramatik in Bremen

Die beiden Präsidenten, Polens Alexander Kwasniewski und Deutschlands Horst Köhler, haben gestern in Berlin das "Deutsch-Polnische Jahr" feierlich eröffnet, und pünktlich zu diesem Auftakt für den nachbarschaftlichen Kulturaustausch hatte Bremen, das bei der Begegnung mit dem Osten schon immer einen Schritt voraus war, ein kleines Festival mit jüngerer und jüngster Dramatik aus Polen aufgelegt. In diesem Rahmen wurde gestern Tomasz Urbanskis Erstlingsstück "Das Dunkel im Glas" uraufgeführt – gemeint ist allen Ernstes dunkles Bier Speziell das aber (nicht das Bier, sondern das Stück) hinterliess keinen guten Nachgeschmack.

Von Michael Laages

Der polnische Präsident Aleksander Kwasniewski, links, und der Bundespräsident Horst Köhler, rechts, betrachten vor dem Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin das Maskottchen des Deutsch-Polnischen Jahres (AP)
Der polnische Präsident Aleksander Kwasniewski, links, und der Bundespräsident Horst Köhler, rechts, betrachten vor dem Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin das Maskottchen des Deutsch-Polnischen Jahres (AP)
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Vor lauter freundlicher Weltoffenheit, vor lauter Verständnis für die Verhältnisse und Entwicklungen vor Ort scheinen wir allzeit guten Weltenbürger "made in Germany" zuweilen jeglichen Maßstab zu verlieren. Endlich (und zum Glück natürlich) meinen wir gelernt zu haben, dass an deutschem Wesen niemand mehr genesen kann und soll – notorisch dankbar (und also gern und immerzu) lassen wir stattdessen das eigene piefige Biotop bereichern und verschönern durch unterschiedlichsten Kultur-Import: mit aufmerksamem, weil irgendwie stets sehnsuchtsvollem Blick auf alles, was nicht wir sind. Und tönt da ab und zu irgendein Klotzkopf was von "Leitkultur", sind wir (mit selbstverständlich besten Gründen) aufs höchste erregt und zutiefst empört. Die offenen Arme sind das Schönste, was an Haltung möglich ist.

Aber Moment mal: Warum denn bitteschön dieses große Kaliber im Umgang mit der (pardon!) Kleinigkeit eines Theater-Debüts aus jüngster polnischer Produktion? Weil … – ja, weil im un-terschiedslosen Premierenjubel über ein Stückchen Theater-Trash sich die latente Haltungslosigkeit so völlig pur und ungefiltert zeigt; und im Stück selber so völlig ungehemmt die Verachtung gegenüber der Bühne, auf der es sich ereignet. "Das Dunkel im Glas" ist nämlich schlimmer als schlimmstes Schlimm-Fernsehen – und indem der Autor das Theater den Bedingungen dieser medialen Müllkippen-Ästhetik anpasst, beschädigt er rücksichtslos dessen Fundamente. Zugegeben: in diesem Fall "nur" in Bremen und "nur" in der "Concordia", der kleinen Spielstätte – in der aber immerhin und ab und an noch George Taboris guter böser Geist spuken soll, der hier in den goldenen Zeiten am Beginn der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts mal das Bremer Theaterlabor gründete. Wie lange das her ist, ist an einem Abend wie dem mit dem ‚Dunklen im Glas’ (was übrigens nichts meint als ein dunkles Bier, das die Oma im Stück gegen Ende gerne hätte) wieder mal schmerzhaft zu spüren.

Käme "Das Dunkel im Glas" und käme Tomasz Urbanski nun aber nicht aus Polen (und also als eine Art Theater-Botschafter guter Nachbarschaft) – niemand würde Stück und Autor ernsthaft zur Kenntnis nehmen. Und erst dieser spekulativ-europäische Nachbarschaftswahn ist es, der den Umgang mit dem an sich vollkommen nutzlosen Theatermaterial so unerträglich macht.

Über das Nichts von Stück wäre ja leichthin und emotionslos zu reden: über diese kleine Familien-Farce aus der Provinz. Es ist nur eben polnische Provinz – wo Vater Henryk ohne Arbeit ist und nunmehr vor der Glotze und den absurdesten Quatschkram-Quiz-Sendungen aus heimischer Produktion hängt, ansonsten aber alles Polnische hochhält: Hymne, Fahne, Geschichte; und sich im übrigen nach einem neuen Napoleon sehnt. Mama arbeitet noch und liebt den Kater Puschel allemal mehr als den Gatten, den sie unter absurdesten Umständen kennen lernte – als Beinahe-Tote nach einem Unfall in Italien, wo der Ehemann in spe als exil-polnischer Leichenwäscher die Drecksarbeit erledigte; und eben bemerkte, dass Jadwiga noch lebt. Schon im ersten Kennenlernen entstand damals, vor 28 Jahren, Jurek, der Sohn – den die Eltern heute als innerfamiliären Kommunikator benutzen, weil sie miteinander eigentlich nicht mehr reden; und den sie unbeirrbar als neuen Adam Malysz zukünftig auf der Skiflugschanze für Polen siegen sehen. Jurek dagegen erschreckt die tumben Idioten, die seine Eltern sind, mit Gruselgeschichten über den eigenen Satanismus - dabei schlägt er sich doch nur als Klein-Dealer durch und verbringt die Nächte vor dem Fernseher, Nummer für Nummer mit "0190" beschäftigt.

Kein Klischee bleibt hier verschont; ungeordnet und ohne jedes Geheimnis schwurbelt Urbanski in dieses grobe Gerüst hinein kurzgegarte Wahnsinnsphantasien und heftige Pamphlete gegen die Zustände im neuen Polen heute. Michael Talkes Inszenierung schwurbelt fleißig mit – ohne allerdings das Armutszeugnis als solches auszustellen; wer denunziert schon gern den Autor, den er gerade uraufführt – und der eben auch noch aus Polen kommt? Urbanskis Autoren-Kollege Pawel Demirski aus Gdansk übrigens teilt dem Publikum zum besseren Verständnis mit, dass genau so der junge Blick "made in Poland" halt sei: illusionslos gegenüber den alten wie den neuen Werten, pseudokommunistischer Geborgenheit früher wie radikalkapitalistischer Aufstiegsstrategie heute. Blanker Nihilismus quelle aus vielen zeitgenössischen Texten, oft –das zeigt Urbanski auf schmerzlichste Weise- offenbar auch ohne jede entwickelte li-terarische Ambition. Und auch an den großen Traditionen des phantastischen Theaters polnischer Machart hätten die Autoren von heute kein Interesse – groß seien die Großen von Früher, von Gombrowicz bis Mrozek, ja ohnehin immer nur im Exil und also für den Westen gewesen.

Kann sein, dass es so war; kann sein, dass Theater-Zeug wie das von Urbanski ist wie vieles andere in Theater-Polen heute; und wie sonstwo in jenen Kulturen, die es für modern halten, im Theater dessen Abschaffung zu exekutieren. Es kann auch sein, dass die führenden jüngeren Regisseure des Landes, Gregorcz Jarzyna und Krzysztof Warlikowski, und auch ältere Meister von Krystian Lupas Kaliber vor allem dieser latenten Leere wegen gern auswärts und an alt-europäischen Stoffen arbeiten. Und vielleicht ist Polen doch verloren, anders als die Hymne singt – verloren jedenfalls noch für geraume Zeit als Theater- und Autoren-Land; solange, bis eines besseren Tages Theater dann vielleicht doch auch wieder als Theater wahrnehmbar wird - und nicht mehr nur als Imitat von Fernsehschrott. Echte Freunde polnischer Kultur würden notfalls darauf warten können.

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