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ZeitumstellungForscher warnen vor dauerhafter Sommerzeit

Sonnenaufgang an der Oder in Brandenburg (picture alliance / Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/ZB)
Bei einer dauerhaften Sommerzeit wird es im Winter viel zu spät hell und wir zu spät wach, warnen Forscher. (picture alliance / Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/ZB)

Wissenschaftler haben vor der Einführung einer ganzjährigen Sommerzeit in der EU gewarnt. Das könne fatale Folgen haben.

Bei einer dauerhaften Sommerzeit wäre man im Winter morgens länger der Dunkelheit ausgesetzt und würde schlechter wach, sagte der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin, Alfred Wiater, der Deutschen Presse-Agentur. Das könne die Konzentration und die Aufmerksamkeit beeinträchtigen und zu mehr Fehlern in der Schule und im Job führen sowie Unfälle begünstigen. Die DGSM plädiere zwar auch für eine Abschaffung der Zeitumstellung, allerdings mit der bisherigen Winterzeit als "Normalzeit". Dies entspreche eher den Verhältnissen, die unter Berücksichtigung der natürlichen Lichteinflüsse für den menschlichen Schlaf-Wach-Rhythmus am günstigsten sei, sagte Wiater.

Ahnlich äußerte sich der Chronobiologe Till Roenneberg vom Institut für Medizinische Psychologie der Universität München. Er prognostizierte, dass eine dauerhafte Sommerzeit die Wahrscheinlichkeit für Diabetes, Depressionen, Schlaf- und Lernprobleme erhöhen würde. Die Europäer würden also "dicker, dümmer und grantiger". Denn vor allem Schülerinnen und Schüler seien betroffen, weil die Lern- und Merkfähigkeit bei zu wenig Schlaf eingeschränkt sei. "Jedes Land, dass das nicht macht, wird uns akademisch überholen", sagte er. Zudem hätten sie je nach Wohnort bis zu sechs Wochen mehr dunkle Schulwege am Morgen.

Roenneberg kritisierte die mangelnde Aufklärung im Zusammenhang mit der Online-Befragung. Hätte EU-Kommissionschef Juncker gesagt, dass künftig alle Europäer ganzjährig eine Stunde früher arbeiten müssten, wäre es zu Demonstrationen gekommen, vermutet der Biologe. Eine dauerhafte Sommerzeit sei aber nichts anderes. Auch Ingo Fietze von der Berliner Charité sagt: "Da denkt im Moment keiner dran, weil es Sommer ist und so hell draußen. Wenn die Umfrage im Winter gewesen wäre, hätten wahrscheinlich viele für die Winterzeit plädiert."

Einer Studie der Universität Erlangen-Nürnberg zufolge senkt die Uhrenumstellung auf die Sommerzeit vorübergehend sogar die Lebenszufriedenheit. Denn zusätzlich zu den körperlichen Auswirkungen der Zeitumstellung fühlten sich die Menschen in ihrer Souveränität im Umgang mit der Zeit beschnitten. Die Zurückstellung im Herbst hat dagegen laut der Studie keine messbaren Auswirkungen.

In einer EU-weiten Umfrage hatten mehr als 80 Prozent der Teilnehmer für die Abschaffung der Zeitumstellung gestimmt. Die EU-Kommission hatte daraufhin einen entsprechende Gesetz vorgelegt, über das das EU-Parlament und die Mitgliedsstaaten noch abstimmen müssen. In der Umfrage hatte sich ein Großteil der Teilnehmer für die Einführung der ganzjährigen Sommerzeit ausgesprochen.

Russland hatte im Jahr 2011 die Zeitumstellung zugunsten einer dauerhaften Sommerzeit abgeschafft und zugleich eine einzige Zeitzone statt der bisherigen sieben eingeführt. Der späte Sonnenaufgang hatte in weiten Teilen der Bevölkerung zu Übermüdung, Depressionen und anderen Problemen geführt. 2014 entschied die russische Regierung deshalb, landesweit die Winterzeit als Normalzeit einzuführen. Seitdem gibt es aber ebenfalls Beschwerden über Schlafstörungen, etwa weil es in manchen Landesteilen im Sommer schon extrem früh hell wird.