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StartseiteKommentare und Themen der WocheRisiko des zeittechnischen Flickenteppichs14.09.2018

ZeitumstellungRisiko des zeittechnischen Flickenteppichs

Dass es in Europa schon drei Zeitzonen gebe, sei kein Argument für, sondern gegen weitere künstliche Zeitunterschiede, kommentiert Bettina Klein im Deutschlandfunk. Die Debatte darum klinge im Augenblick nach dem größten europäischen Schildbürgerstreich seit Einführung des Brexit.

Von Bettina Klein

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Uhrdetail mit Zeiger zwischen 2 und 3 und Faehnchen der EU 16.07.2018, Borkwalde, Brandenburg, Ein Uhrdetail zeigt die Stunden zwei und drei mit einem Faehnchen der EU. *** Clock detail with hands between 2 and 3 and the EUs box 16 07 2018 Borkwalde Brandenburg A clock detail shows the hours two and three with a hint of the EU  (imago stock&people)
Debatte um die Zeitumstellung. (imago stock&people)
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So schnell kann's gehen. Diese Entscheidungsfreudigkeit und dieses Tempo wünscht man sich öfter in Europa. Wie auch das Ernstnehmen von Bürgermeinungen  oder einfach von Tatsachen, wenn sich Regeln als unbrauchbar oder nicht mehr sinnvoll herausgestellt haben. Es gibt wirklich klügere Arten,  Energie zu sparen, als die jährliche Zeitumstellung, darin muss man EU-Kommissarin Bulc zustimmen.

Da macht es dann offenbar auch nichts, dass der angeblich nur letzte entscheidende Impuls eine keinesfalls repräsentative Umfrage war, an der sich zu Dreiviertel Deutsche beteiligt haben, die sich zu um die 80 Prozent gegen die Zeitumstellung aussprachen. Mit den Deutschen sollte man es sich wirklich nicht verscherzen, sie haben eine wichtige Stimme in der Europäischen Union und ihr Land liegt dazu noch mitten auf dem Kontinent.

Doch keine einheitliche Regelung?

Auch das Prinzip der Subsidiarität ist äußerst löblich. Europa soll im Großen, die Staaten und die Regionen im eher Kleinen tätig werden, sagt Jean Claude Juncker. Das verrät das Vermögen, Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden zu können. Ob allerdings ausgerechnet die Frage der Zeitzonen in die Hände der Staaten zurückgegeben werden soll, daran darf man bezweifeln. Ausgerechnet in einer Frage, die so wichtig für  einen funktionierende Infrastruktur und einen funktionierenden Binnenmarkt ist, verzichtet die Kommission, für einheitliche Regelung zu sorgen?

Natürlich, es ist das Hoheitsrecht eines jedes Staates, selbst festzulegen, in welcher Zeitzone man leben möchte. Dass es in Europa schon drei Zeitzonen gibt, ist aber kein Argument für, sondern gegen weitere, künstliche Zeitunterschiede. Dass die Kommission ausgerechnet das Risiko eines zeittechnischen Flickenteppichs inkauf nimmt, ist bei ihrer sonstigen Regelungslust schon erstaunlich.

Aber so weit ist ja noch nicht. Erst müssen die Staaten einer Abschaffung der Zeitumstellung überhaupt zustimmen. Und vielleicht einigen sie sich in diesem Fall dann noch auf eine einigermaßen sinnvolle Lösung. Die würde allerdings außer Frage stehen, wenn die Kommission nicht von sich aus eine ständige Sommerzeit zur Auswahl gestellt hätte. Portugal, Polen und Zypern haben sich besonders dafür ausgesprochen – das heißt, von jenem geringen Prozentsatz an Bürgern, der sich an der Onlineumfrage beteiligte.

Deutschland liegt demnach ungefähr beim EU-Durchschnitt von 56 Prozent für diese ganz neue Art der  Zeitzone. Diese "Mehrheit für eine ständige Sommerzeit" hat die Kommission nun also bewogen, beide Modelle gleichwertig nebeneinander zu stellen. Die normale Zeit. Und eine künstliche, die an Winternachmittagen zwar für etwas mehr Licht sorgen würde. Aber auch dafür, dass es dann in der EU-Hauptstadt um neun Uhr morgens stockfinster ist und in Nordeuropa noch viel länger.

Wir dürfen uns jetzt also auf einen Europawahlkampf freuen, in dem ein Wettbewerb zwischen den Lagern "Wir wollen Winterzeit" und "Wir wollen Sommerzeit" stattfindet. Fein säuberlich nach Nationen sortiert, deren Bedeutung eigentlich mal überwunden werden sollte.

Jedem Land seine eigene kleine Zeitzone. Das wär's doch. Der europäische Mensch in seinem Wunsch,  die Natur zu besiegen oder wenigstens zu überlisten,  verkämpft sich gerade wieder auf Nebenschauplätzen. Klingt im Augenblick nach dem größten europäischen Schildbürgerstreich seit Einführung des Brexit.

Bettina Klein (Bettina Fürst-Fastré)Bettina Klein (Bettina Fürst-Fastré)Bettina Klein ist Korrespondentin des Deutschlandradio im Studio Brüssel. Zuvor war sie seit 2004 Moderatorin und Redakteurin der aktuell-politischen Sendungen im Deutschlandfunk, davor im Deutschlandradio Kultur. Korrespondentenvertretungen in Washington. Recherche-Jahr in den USA. Volontariat im RIAS Berlin und Studium der Fächer Religionswissenschaften, Geschichte und Politik.

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