Samstag, 23.02.2019
 
Seit 23:05 Uhr Lange Nacht
StartseiteKommentare und Themen der WocheNetflix trifft keine Schuld02.01.2019

Zensur in Saudi ArabienNetflix trifft keine Schuld

Auf Druck des Königshauses in Riad hat der Streamingdienst Netflix eine Comedy-Folge aus seinem Programm genommen, in der Kronprinz Salman kritisiert wird. Doch es wäre verfehlt, von einem kommerziellen Unternehmen zu erwarten, dass es das Problem der Zensur in Saudi-Arabien löst, kommentiert Brigitte Baetz.

Von Brigitte Baetz

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Der saudische Mohammed Bin Salman Bin Abdelaziz Al Saud in einer Aufnahme von 2016 (abaca)
Der saudische Mohammed Bin Salman Bin Abdelaziz Al Saud in einer Aufnahme von 2016 (abaca)
Mehr zum Thema

USA und Saudi-Arabien Geschichte einer undurchsichtigen Beziehung

Fall Khashoggi War es der Kronprinz?

Der Fall Khashoggi Über den schwierigen Umgang mit Saudi-Arabien

Kronprinz Mohammed bin Salman Der starke Mann der Saudis

Ausgerechnet Netflix. Der weltweit expandierende Streamingdienst knickt vor dem saudischen Königshaus ein und zensiert sich selbst. Dabei gilt Netflix als liberales, wenn nicht gar linksliberales Vorzeigemedienunternehmen, das sein Publikum nicht nur, aber auch mit kritischen Dokumentationen über Donald Trump, die Defizite im Gesundheitswesen oder die  Freiheitsbewegung in Hongkong gefunden hat.

Kritik am religiösen Führungsanspruch Saudi-Arabiens

Und gerade den Bereich der so genannten Stand-up-Comedy, also dem Solovortrag eines Einzelnen vor Live-Publikum, hat der Streaminganbieter in den letzten Monaten erfolgreich ausgebaut – mit Künstlern, die für Diversität jeglicher Art stehen und für die Fähigkeit, scharfe Kritik zu üben: Menschen wie Hasan Minhaj zum Beispiel. Der amerikanische Muslim mit indischen Wurzeln hat seine Profession bei der Daily Show gelernt, dem Hochamt der amerikanischen Nachrichtensatire und Vorbild der deutschen Heute Show.

Nicht wenige Zuschauer nutzen solche Fernsehformate nicht nur zur Unterhaltung, sondern auch zur Information. Einige Nachrichten, die Hasan Minhaj seinem Publikum in der nun von Netflix für Saudi-Arabien gesperrten Folge seiner Sendung Patriot Act servierte, waren allerdings so neu nicht: die Verwicklung des saudi-arabischen Kronprinzen Prinz Salman in die Ermordung des Journalisten Jamal Kashoggi etwa und den Militäreinsatz Riads im Jemen.

Das Regime verbietet alles, was ihm nicht passt

Aber Minhaj ging noch weiter und verwies auf das Geld, das Prinz Salman in die Unternehmen des Silicon Valley gesteckt hat und auf die traditionelle Verbundenheit der amerikanischen Politik mit dem Regime am Golf. Und: der Muslim Minhaj kritisierte den ideologischen und religiösen Führungsanspruch der Saudis in der islamischen Welt, indem er sagte, dass Saudi-Arabien zwar der Wächter der Pilgerstätten von Mekka und Medina sei, aber überhaupt nicht die Werte des Islam vertrete.

Vor allem letzteres dürfte das Informationsministerium in Riad auf den Plan gerufen haben. Es zog gegenüber Netflix die Rote Karte des so genannten "Gesetzes gegen Cyberkriminalität". Das verbietet "die Produktion, Vorbereitung, Sendung oder Speicherung von Material, das sich negativ auf die öffentliche Ordnung auswirkt, auf religiöse Werte oder die öffentliche Moral" – zu Deutsch: es verbietet alles, was dem Regime nicht passt.

Netflix kann das Problem der Zensur nicht lösen

Damit geriet Netflix in eine Zwickmühle. Auch Internetkonzerne stehen nicht über dem Recht der Nationalstaaten – auch wenn es in diesem Fall um ein absolutistisches Regime handelt. Eine Netflix-Sprecherin erklärte, der Streamingdienst unterstütze weltweit die künstlerische Freiheit und habe die Folge in Saudi-Arabien nur nach einer rechtskräftigen Aufforderung zurückgezogen.

Natürlich hat das Unternehmen auch sein Geschäft geschützt, denn im Zweifel hätte es die Folge für Saudi-Arabien online lassen und eine Sperrung seines gesamten Angebotes riskieren können. Doch können wir von einem kommerziellen Unternehmen erwarten, dass es das Problem der Zensur in Saudi-Arabien löst? Ich meine, nein.

Brigitte Baetz (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastre)Brigitte Baetz (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastre)Brigitte Baetz, Studium der Politischen Wissenschaften, Geschichte und Romanistik in Würzburg, Köln und Salamanca. Sie arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Freie Journalistin mit dem Schwerpunkt Medien und Politik in Köln. Sie gehört u. a. zum Team der Deutschlandfunk-Sendung @mediasres. 2005 wurde sie für ein Hörfunkfeature über die Macht von Interessengruppen mit dem Otto Brenner Preis für kritischen Journalismus ausgezeichnet. 2012 erhielt sie den Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik. Sie ist Mitglied in der Jury des Grimme Online Award und Lehrbeauftragte an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Köln.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk