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StartseiteEine WeltSchwieriger Militäreinsatz für Frankreich01.02.2014

ZentralafrikaSchwieriger Militäreinsatz für Frankreich

Im Moment sind fast eine Millionen Menschen in der Zentralafrikanischen Republik auf der Flucht. Auch die dort stationierten französischen Kampftruppen konnten die Lage bisher nicht entschärfen. In Frankreich wächst darüber der Unmut.

Von Ursula Welter

Rebellen in der Zentralafrikanischen Republik (dpa / picture alliance / Christophe Simon)
Rebellen in der Zentralafrikanischen Republik (dpa / picture alliance / Christophe Simon)
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Paris. Die wöchentliche Unterrichtung der Presse im Verteidigungsministerium. Leutnant Fontaine schildert per Videokonferenz vom Stützpunkt Belfort, wie es mit den neuen Reaper-Drohnen läuft, die Frankreich in den USA gekauft hat und die nun vor allem in Mali eingesetzt werden. Präzisionsbilder flimmern über den Bildschirm, der Leutnant lobt die hohe Auflösung, das Fadenkreuz der Kamera huscht an Köpfen vorbei. Die Operation "Serval" in Mali läuft. Ganz anders die Lage in der Republik Zentralafrika.

"Wir dachten, das wird ein Serval 2, aber da haben wir uns getäuscht", zitiert die französische Presse an diesem Tag hochrangige Militärkreise. Der Sprecher des Generalstabs kommt nicht umhin, dem zuzustimmen:

"Unsere Soldaten sind einer ziemlich komplexen Lage ausgesetzt."

Das Licht im Raum wird erneut gedämpft, Szenen flimmern über die Leinwand, eine breite Straße am Rande von Yaloke, nordwestlich der Hauptstadt Bangui, hier leben vor allem Muslime.

Eine Handvoll französischer Soldaten hält eine Menschenmenge zurück, die Richtung Dorf drängt. Schüsse sind zu hören. Wer da angreift, ist schwer auszumachen, räumt der Sprecher des Generalstabs ein:

"Sind das christliche Milizen der Anti-Balaka-Einheiten? Sind es Kopfjäger? Plünderer? Oder ganz andere Elemente? Es ist sehr schwer, sie einzuordnen."

Gut und Böse lassen sich nicht ohne Weiteres auseinanderhalten in Zentralafrika. Das erschwert die Operation "Sangaris", wie der französische Einsatz getauft wurde. Ein Einsatz, der – so spekulieren die französischen Medien – womöglich länger dauern wird, als bislang zugegeben.

Die Situation ist unübersichtlich: Teile der überwiegend muslimischen Sénéka-Rebellen sind weiter aktiv, sammeln sich teils schwer bewaffnet im Norden des Landes. Einerseits. Anderseits laufen die bereits entwaffneten Einheiten Gefahr, in die Hände christlicher Milizen zu fallen, die auf Vergeltung aus sind. Die muslimische Minderheit flüchtet aus ihren Dörfern, aus Angst vor Übergriffen.

1600 französische Soldaten sind in der Operation "Sangaris" im Einsatz, die afrikanischen Nachbarn stellen mit der Mission "Misca" drei mal so viele Soldaten.

Und jetzt heißt es: Warten auf die Europäer. Frankreich wird, sobald der politische Entscheidungsprozess in den EU-Staaten abgeschlossen ist, das Oberkommando übernehmen. Aber zusätzliche eigene Truppen will Paris nicht in die Zentralafrikanische Republik schicken. So heißt es bislang.

Staatspräsident Francois Hollande hat die Formel ausgeben: Hilfe zur Selbsthilfe. Er holte für die Einsätze in Afrika nicht nur das Mandat der UNO, er möchte auch, dass nicht die frühere Kolonialmacht Frankreich, sondern die afrikanischen Einheiten selbst die Hauptrolle in der Konfliktlösung spielen.

"Wenn Frankreich mit Afrika auch solidarisch ist, und das wird es immer sein, so will es doch nicht mehr Gendarm sein und es auch nicht wieder werden."

Das Ende der Franceafrique hat der Sozialist damit ausgerufen. Die Fäden der Afrikapolitik sollen nicht mehr in den Hinterzimmern der Republik gezogen werden. Fäden, über die jahrzehntelang Regierungen stürzen konnten oder an denen sie gehalten wurden, je nach Interessenlage der einstigen Kolonialmacht.

Schön und gut, erklärt der Afrikaexperte Antoine in der Zeitung "Libération". Aber zur Wahrheit gehöre auch, dass Frankreich die Komplexität der Lage in Zentralafrika auch deshalb unterschätzt habe, weil die Kontakte zur neuen, afrikanischen Generation nie richtig aufgebaut wurden.

Ein Dilemma, mit dem die Militärs nun fertig werden müssen. Verteidigungsminister Jean-Yves le Drian bereitet die Verschiebung der Kontingente in Afrika vor, um den veränderten Bedrohungen insgesamt gerecht zu werden. Denn Frankreich kämpft in der Region an vielen Fronten. Die Dschihadisten in Mali wurden zurückgedrängt, aber die Lage ist weiter explosiv. Seit geraumer Zeit deutet Paris auf die Linie, die sich vom Süden Libyens entlang der algerisch-nigerianischen Grenze bis Mali zieht. Eine Autobahn des Terrors, wie es heißt, der Weg, über den Waffen und Terroristen verschoben werden. Frankreich will sein militärisches Material und die Truppen in der Sahelzone zu schnell einsetzbaren und hoch spezialisierten Einheiten umbauen. Die Kommandozentrale wird von Mali in den Tschad verlegt, Spezialtruppen werden in Burkina und Nigeria stationiert sein, ebenso auf den französischen Militärbasen im Senegal, der Elfenbeinküste und in Gabun. Der Einsatz von Drohnen gehört dazu. Zur Aufklärung in der gesamten Region.

Drohnen der neuesten Generation, so schwärmt der Leutnant aus Belfort im Pressesaal des Verteidigungsministeriums in Paris. Während die Zeitungen am Kiosk draußen mit der Lage in Zentralafrika beschäftigt sind und titeln: die Irrtümer eines Krieges.

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