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StartseiteInterviewAntisemitismus als Ausweisungsgrund?10.01.2018

Zentralrat der JudenAntisemitismus als Ausweisungsgrund?

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hält es für ein "probates Mittel", Migranten aufgrund antisemitischer Einstellungen auszuweisen. Das könne einen Abschreckungseffekt haben, sagte Präsident Josef Schuster im Dlf. In dem Zusammenhang unterstützt er die Forderung aus der SPD nach verpflichtenden KZ-Besuchen für alle Menschen in Deutschland.

Josef Schuster im Gespräch mit Tobias Armbrüster

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Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland. (dpa/Boris Roessler)
Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, am 26.09.2016 in der Westend-Synagoge in Frankfurt am Main. (dpa/Boris Roessler)
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Die Idee eines verpflichtenden KZ-Besuchs sei prinzipiell gut, sagte Josef Schuster, Präsident vom Zentralrat der Juden. Bei einer entsprechenden Vorbereitung sollten alle Schüler höherer Schulklassen eine KZ-Gedenkstätte besuchen. Dies gelte auch für Migranten, die nach Deutschland kämen. Wer selber Flucht und Vertreibung erlebt habe, könne nachvollziehen, wohin Verfolgung und Hass führten. Zudem müsse sich jeder, der langfristig in Deutschland leben wolle, mit der Geschichte des Landes auseinandersetzen. Solche Besuche könnten allerdings kein Allheilmittel gegen Antisemitismus sein.

Vorsitzender der Kultusministerkonferenz skeptisch

Der Vorschlag eines verpflichtenden KZ-Besuchs hatte die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD) ins Spiel gebracht. Der Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, Thüringens Bildungsminister Helmut Holter (Linke), hatte sich skeptisch zu dem Vorhaben geäußert. Das Lernen an authentischen Orten sei zwar wichtig. Es wäre aber besser, Anreize zu setzen, damit Jugendliche das Thema für sich entdeckten und sich damit auseinandersetzten.


Das Interview in voller Länge: 

Tobias Armbrüster: Erleben wir in Deutschland gerade einen wieder anwachsenden Antisemitismus? Die Debatte darüber ist in vollem Gange. Anlass dafür waren im Dezember mehrere israelfeindliche Demonstrationen in Berlin. Da wurden Israel-Fahnen verbrannt und antisemitische Slogans gerufen – nicht nur in Berlin, auch in vielen anderen deutschen Städten.

Diskutiert wird jetzt vor allem darüber, ob mit den Flüchtlingen der vergangenen zwei Jahre auch ein neuer Antisemitismus nach Deutschland gekommen ist, und natürlich steht da auch die Frage im Raum, was man dagegen tun kann, gegen diesen Antisemitismus. Die Berliner SPD-Politikerin Sawsan Chebli, die hat dazu einen interessanten Vorschlag gemacht. Sie sagt: Jeder, der in Deutschland lebt, sollte mindestens einmal in seinem Leben eine KZ-Gedenkstätte besuchen. Eine Besuchspflicht also für alle.

Wir wollen das jetzt besprechen mit einem Mann, der sich immer wieder Gedanken macht über Antisemitismus in Deutschland. Am Telefon ist Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Schönen guten Morgen.

Josef Schuster: Guten Morgen.

Armbrüster: Herr Schuster, obligatorische Besuche in einer KZ-Gedenkstätte, ist das eine gute Idee?

Schuster: Die Idee, die Frau Chebli zum Ausdruck gebracht hat, halte ich prinzipiell für gut. Nur ich glaube, der Punkt liegt im Detail. So wie es zumindest in den Presseverlautbarungen war, klang das jetzt so, als ob mit irgendeinem Schreiben oder einer Postkarte jeder aufgefordert wird, zu dem und dem Tag und der und der Uhrzeit vielleicht in irgendeiner nahe oder auch nicht so nahe gelegenen KZ-Gedenkstätte einen Besuch abzustatten. Das kann selbstverständlich nicht funktionieren und ich glaube, so hat Frau Chebli das auch nicht gemeint.

"Ein Besuch muss entsprechend vorbereitet sein"

Armbrüster: Was muss denn darüber hinaus passieren?

Schuster: Ich denke, der Besuch, der ist sinnvoll. Aber der Besuch, meine ich, und das ist nichts anderes, was ich auch seit einigen Monaten, seit längerer Zeit immer wieder artikuliert habe: Schüler der höheren Schulklassen, aber aller Schulgattungen da halte ich den Besuch einer KZ-Gedenkstätte für absolut wichtig. Der muss allerdings entsprechend vorbereitet sein. Und genau das gleiche gilt auch für Menschen, die neu zu uns kommen. Ich spreche hier konkret von Menschen, die Asyl in Deutschland beantragt haben. Auch hier halte ich es nach einer entsprechenden Vorbereitung für absolut sinnvoll und, ich glaube, auch wirkungsvoll, den Besuch einer KZ-Gedenkstätte.

Armbrüster: Kritiker sprechen da trotzdem von einer Art Zwangspädagogik, die nichts bewirken kann.

Schuster: Ich glaube, so ist es tatsächlich nicht. Gerade Menschen, die zu uns geflohen sind, die selber Flucht, Vertreibung erlebt haben, können in einer solchen Gedenkstätte anhand ähnlicher Schicksale mit anderem politischen Hintergrund sehr wohl Empathie entwickeln.

Armbrüster: Sie sagen jetzt, ähnliches Schicksal. Jetzt zeigen KZ-Gedenkstätten in Europa, welche Folgen der Juden-Hass in Deutschland vor 70 Jahren hatte. Was genau hat das mit der Lebenswelt zum Beispiel eines syrischen Jugendlichen zu tun?

Schuster: Es hat insoweit mit ihm zu tun, dass auch er Grauen des Krieges erlebt hat, dass er an Leib und Leben bedroht wurde, in dem Falle die Möglichkeit hatte zu fliehen, aber auch sieht, dass es Menschen gab, die gar nicht die Möglichkeit hatten zu fliehen.

"Natürlich sind es unterschiedliche Arten von Antisemitismus"

Armbrüster: Aber dieser Junge, dieser Jugendliche ist ja möglicherweise aufgewachsen mit einer ganz anderen Form des Hasses auf Juden als den, den man in Deutschland vor 70 Jahren erlebt hat.

Schuster: Es ist eine andere Form, aber kein anderer Inhalt, denn wenn propagandistisch in einigen arabischen Ländern Juden-Hass propagiert wird, dann ist das letztendlich nichts anderes als das, was man in Deutschland vor mehr als 70 Jahren in der Nazi-Zeit erlebt hat, denn auch hier wurden nicht nur ungefiltert, sondern ganz bewusst Unwahrheiten über Juden gestreut, Juden diffamiert und Juden verfolgt.

Armbrüster: Auch da sagen jetzt wieder Kritiker, das sind zwei völlig unterschiedliche Arten von Antisemitismus.

Schuster: Natürlich sind es unterschiedliche Arten von Antisemitismus. Die Frage ist aber nicht die Ursache; die Frage ist das Ergebnis. Wenn man aber hier sieht, zu was solch ein antisemitischer Hass führen kann, ich glaube, dass das dann auch ein wirkungsvolles Mittel sein kann, um Vorurteile abzubauen.

Armbrüster: Wie genau stellen Sie sich das vor? Was passiert – bleiben wir mal bei diesem Bild – bei einem syrischen Jugendlichen, der eine KZ-Gedenkstätte besucht?

Schuster: Wir sind uns, glaube ich, einig, dass jeder, der dauerhaft in Deutschland leben will, auch sich mit der Geschichte dieses Landes identifizieren muss. Und es geht nicht darum, dass man einfach sagt, heute steht auf dem Stundenplan von zehn bis elf Besuch der KZ-Gedenkstätte. So etwas muss pädagogisch auch gut ausgearbeitet, muss vorbereitet sein. Dann ist genau das das, was ein Lehrbuch nicht bieten kann, dass es anschaulich plastisch die Grauen einer KZ-Gedenkstätte zeigt, damit aber auch zeigt, wohin Juden-Hass, Antisemitismus führen kann, aber nicht führen darf.

Armbrüster: Und muss es dann anschließend so eine Art Erfolgskontrolle geben, dass man feststellen kann, jetzt ist der Juden-Hass nicht mehr da?

Schuster: Die Erfolgskontrolle in diesem Sinne, dass Sie feststellen können anhand von fünf Fragen, zehn Fragen, 20 Fragen, ob noch Juden-Hass da ist, die kann es in der Form nicht geben. Zumal, man muss auch sagen: Das ist nicht das Allheilmittel. Es ist ein Punkt, der, glaube ich, in ein Mosaik gehört. Wir dürfen auf der anderen Seite nicht vergessen, auch nicht übersehen, dass viele der Menschen, die tagsüber in die Integrationskurse gehen, die auch zum Teil wirklich gut gemacht sind, dann aber allerdings abends wieder im Fernsehen Al-Dschasira sehen und mit den Vorurteilen, mit denen sie aufgewachsen sind, dann auch bei uns indirekt konfrontiert werden.

Antisemitische Auswüchse in einer KZ-Gedenkstätte nie ganz vermeidbar

Armbrüster: Was würden Sie denn machen, oder was würden Sie den Lehrkräften in den KZ-Gedenkstätten sagen, wenn da jetzt auf einmal Tausende von neuen Besuchern ankommen, die aus einem völlig anderen kulturellen Umfeld kommen und die da möglicherweise auch Bemerkungen machen, die vielleicht sogar randalieren und die etwas sagen, was wir tatsächlich als Antisemitismus bezeichnen würden?

Schuster: Zum einen ist es notwendig, bei all diesen Vorschlägen das pädagogische Personal in den KZ-Gedenkstätten entsprechend aufzustocken, auch die Gedenkstätten entsprechend finanziell auszustatten, damit sie das leisten können. Es ist auch zu überlegen, inwieweit es sinnvoll wäre, solche Führungen eventuell auch muttersprachlich durchzuführen. Letztendlich werden Sie antisemitische Auswüchse auch in einer KZ-Gedenkstätte nie ganz vermeiden können.

Armbrüster: Dann lassen Sie uns noch sprechen über die anderen Konsequenzen. Wenn das tatsächlich alles nichts bewirkt, wenn es weiterhin bleibt bei solchen antisemitischen Ausschreitungen und Demonstrationen, wie wir sie in Berlin und anderen Städten im Dezember gesehen haben, wären Sie dann auch dafür, dass Antisemitismus auch ein Ausweisungsgrund für einen Asylbewerber sein kann?

Schuster: Ich denke, ja, und ein entsprechendes Papier, das im Berliner Abgeordnetenhaus zur Diskussion gestellt werden wird in den nächsten Tagen, soweit mir bekannt ist, halte ich für ein probates Mittel insbesondere, und ich hoffe und denke, dass damit auch ein gewisser Abschreckungseffekt ausgelöst werden kann.

Armbrüster: … sagt hier live bei uns im Deutschlandfunk an diesem Mittwochmorgen Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Vielen Dank, Herr Schuster, für dieses Gespräch.

Schuster: Gerne! Einen schönen Tag und auf Wiederhören.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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