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StartseiteInterview"Könnte durchaus sein, dass solche Sachen auch in Deutschland passieren"16.03.2019

Zentralrat der Muslime"Könnte durchaus sein, dass solche Sachen auch in Deutschland passieren"

Terroranschläge auf Muslime wie jetzt in Neuseeland könne es wohl auch in Deutschland geben, sagte Sadiqu Al-Mousllie vom Zentralrat der Muslime im Dlf. Die Islamphobie habe stark zu-, der gegenseitige Respekt abgenommen. Die Gesellschaft müsse Rechtsradikalen noch deutlicher die Grenzen aufgezeigen.

Sadiqu Al-Mousllie im Gespräch mit Martin Zagatta

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Porträt von Sadiqu Al-Mousllie, aufgenommen im April 2014 in der Iqra-Moschee in Braunschweig. Der Schriftzug im Hintergrund bedeutet "Allah, der Erhabene" und "Mohammed, Friede sei mit ihm". (picture alliance / dpa / Stefan Jaitner)
Er mache sich Sorgen, dass die Anschläge auf zwei Moscheen in Neuseeland in Deutschland Nachahmer finden könnten, sagte Sadiqu Al Mousllie vom Vorstand des Zentralrats der Muslime im Dlf (picture alliance / dpa / Stefan Jaitner)
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Martin Zagatta: Stimmen aus Politik, Gesellschaft und Religionsgemeinschaften haben das Morden einhellig verurteilt, Entsetzen, Abscheu und Trauer bekundet. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland, der fürchtet jetzt Nachahme-Täter und fordert mehr Schutz. Wie berechtigt sind die Sorgen, dass so etwas auch in Deutschland passieren könnte? Sadiqu Al-Mousllie gehört dem Vorstand des Zentralrats der Muslime an und ist Vorsitzender in Niedersachsen. Guten Morgen, Herr Al-Mousllie!

Sadiqu Al-Mousllie: Guten Morgen, Herr Zagatta!

Zagatta: "Die Toten und Verletzten in Neuseeland sind eine eindringliche Mahnung an uns, die wachsende Islamfeindlichkeit in der Gesellschaft und der Hetze gegen Muslime entschiedener entgegenzutreten", heißt es in einer Stellungnahme Ihres Verbandes. Aber, Herr Al-Mousllie, solche Hetze, die war doch in Neuseeland offenbar bisher gar kein so großes Problem. Das ist ja oder das war ja nach all dem, was wir hören, eine weltoffene Gesellschaft, in der sich Muslime sicher gefühlt haben. Wie erklären Sie sich das, dass es diesen Hass auf Muslime auch in einem Land wie Neuseeland gibt, was ja dort zum Ausdruck kommt?

"Die Leute sind trotzdem anfällig für sowas"

Al-Mousllie: Ja, gerade offene Gesellschaften sind auch anfällig für solche Probleme, für solchen Hass, weil auch mit der Übertragung von Informationen und auch mit der Selektion bestimmter Informationen nicht ganz kritisch umgegangen wird. Und dass jetzt in Australien [gemeint ist Neuseeland, Anmerkung der Redaktion] dieses Ereignis und dieser Terroranschlag passierte, macht die Gesellschaft in Australien nicht weniger offen, aber die Leute sind trotzdem anfällig für sowas.

Zagatta: Also in Australien – der Täter stammt aus Australien und das Ganze ist wohl aus Australien übergeschwappt, haben wir in Berichten ein bisschen gehört, dann nach Neuseeland.

Al-Mousllie: Neuseeland, ja.

Zagatta: Ja. Herr Al-Mousllie, jetzt wurde ja das Morden live im Internet übertragen, der Täter wollte ganz offenbar, dass man ihm bei seinen Morden zusieht, und es gibt heute Morgen auch in Deutschland einen ganz heftigen Streit darüber, dass Onlinemedien da Ausschnitte und Bilder gezeigt haben. Die "BILD-Zeitung" etwa, die rechtfertigt sich heute Morgen damit, dass erst solche Bilder die erschütternde menschliche Dimension dieser Schreckenstat verdeutlichen würden. Wie stehen Sie dazu?

"Man muss das Video nicht unbedingt in Gänze zeigen"

Al-Mousllie: Ich glaube, es gibt genug Berichte und Dokumentationen, wo man auch Bilder sieht, wie schrecklich diese Tat ist, und da muss man nicht unbedingt das Video in Gänze zeigen.

Zagatta: Das wurde, glaube ich, auch nicht gemacht.

Al-Mousllie: Oder zumindest auch Ausschnitte aus diesem Video, wie es dann auch gemacht wird, denn das ist auch dieser Nachahmungseffekt, der auch passieren kann in unserer Gesellschaft oder auch in anderen Gesellschaften. Wir wissen auch in unserer Gesellschaft durch diese Debatten, die auch in der Vergangenheit passiert sind, dass die Islamophobie zugenommen hat, dass die Islamfeindlichkeit zugenommen hat. Wir wissen auch, überhaupt in der Debatte, in der öffentlichen Debatte und verschiedenen Fragen - Grenzen weggefallen bei uns, und der Respekt miteinander ist auch weniger geworden, der Anstand fehlt in dem, was man auch äußert und sagt. Und das beeinflusst auch viele Leute. Und es könnte durchaus sein, dass bei uns auch in Deutschland, Gott bewahre, aber solche Sachen passieren.

Ein Polizist in der Nähe des Anschlagsortes in Christchurch, Neuseeland.    (imago / Sanka Vidanagama)Gerade offene Gesellschaften seien anfällig für rechtsextreme Tendenzen, erklärte Sadiqu Al Mousllie im Dlf (imago / Sanka Vidanagama)

Zagatta: Aber wie soll man damit umgehen, beispielsweise mit diesem umfangreichen Manifest, das dieser offenbar Haupttäter da ins Internet gestellt hat, voll Fremdenhass, voll Hass auf Muslime und Rassismus? Wir sprechen ja auch darüber. Wie sollte man Ihrer Meinung nach damit umgehen? Das muss man oder sollte man doch auch dokumentieren, um das klar zu machen, welcher Wahnsinn da abläuft?

Al-Mousllie: Also ich glaube, es ist auch wichtig, dass man bestimmte Signale aus der Gesellschaft rauskriegt, gerade gegenüber Rechtsradikalen, dass die Rechtsradikalen und diese gleichgesinnten Leute das auch sehen, dass Regierung, Politik, Meinungsbildner, dass auch Kulturschaffende öffentlich sich vor die Muslime stellen und sagen: Wir sind gemeinsam in dieser Gesellschaft und wir lassen keine Minderheiten hier diskriminieren beziehungsweise auch angreifen. Das ist ein wichtiges öffentliches Signal, das brauchen wir auch.

"Wir brauchen noch mehr Signale"

Zagatta: Aber das ist doch auch passiert, also Entsetzen, Trauer, Mitgefühl mit den Opfern, Solidarität mit Muslimen, das ist doch, soweit ich das sehe, jetzt einhellig. Macht Ihnen das Mut?

Al-Mousllie: Das macht mir Mut, das ist auch das, was ich erwarte von einer Gesellschaft, in der ich lebe und gerne auch lebe. Aber ich muss ganz ehrlich sagen, ich brauche auch noch mehr Signale, denn diese Signale, die wir bis jetzt gesehen haben, sind auch Verurteilungen und verbale Statements, die wir sehr begrüßen und die auch ihre Wirkung haben in der Gesellschaft. Aber wir brauchen auch den gleichen Umgang zum Beispiel wie mit anderen Terroranschlägen, die auch von muslimischen Extremisten begangen worden sind, beispielsweise in Paris oder in anderen Orten auf der Welt, und da hat sich die ganze Gesellschaft und die ganze Welt erschüttert gefühlt.

Und wir brauchen solche Signale hier, damit die Rechtsradikalen das Gefühl haben, hier können wir nicht weitermachen, hier steht die ganze Gesellschaft gegen uns – denn nur so kriegt man auch eine gewisse moralische Grenze, die man nicht einfach überschreiten würde –, dann natürlich die praktischen Maßnahmen, die durch unsere Behörden dann auch verstärkt werden, und dass man die Moscheen und die muslimischen Institutionen endlich mal sieht als gefährdete Objekte oder Institutionen und nicht als eine Quelle der Gefährdung.

Zagatta: Aber tut da die deutsche Politik nicht genug? Es gibt doch diesen Schutz für Muslime.

"Die Debatte über den Islam lässt jeglichen Respekt vermissen"

Al-Mousllie: Es gibt einen gewissen Schutz und da muss ich auch hier ausdrücklich unsere Bundeskanzlerin auch erwähnen und auch unseren Innenminister und einige auch Persönlichkeiten, von denen wir auch Statements vernehmen. Das ist auch richtig so. Nur, wir haben das Gefühl, durch diese öffentliche Debatte, dass manche auch Politiker, die auch bestimmte Situationen, soziale Situationen aufgreifen, über die dann auch in den Medien berichtet wird, ja auch zu Recht berichtet wird, Missstände anprangern und so weiter. Aber die Art und Weise teilweise, wie man damit umgeht, schürt bei den Leuten, bei dem Normalsterblichen, der nicht mit der Materie zu tun hat, schürt bei ihm Angst, Unsicherheit. Und das macht dann seine Beziehung zu seinen muslimischen Nachbarn, zu seinem muslimischen Kollegen … Das stört diese Beziehung. Und deswegen kann er teilweise auch anfällig dafür sein, dass auch irgendwelche rechte Ideologen diese Missstände auch ausnutzen und sagen, schau mal, deswegen mögen wir die Muslime nicht oder hassen wir die Muslime. Und das kann auch Leute zu nicht nur verbalen, sondern auch zu tätlichen Übergriffe..

Schauen sie mal, wie viele kopftuchtragende Frauen angegriffen worden sind, einfach aus dem Nichts auf der Straße, oder wie die Debatte mit dem Islam, die auch leider Gottes jeglichen Respekt – nicht überall, aber in vielen Kreisen – vermissen lässt. Ich sage nicht, dass man nicht kritisieren kann, doch, kritisieren, und ich bin auch dabei, aber bitte in einer Art und Weise, wo der Respekt noch weiterhin da ist, nicht nur gegenüber dem Islam, sondern gegenüber Religion im Allgemeinen.

"Ich mache mir Sorgen, in der Tat"

Zagatta: Haben Sie tatsächlich Angst oder haben Sie Angst, dass so ein Morden, dass so ein Anschlag auch in Deutschland passieren könnte?

Al-Mousllie: Wissen Sie, ich glaube nicht, dass die Gesellschaft in Neuseeland darauf auch vorbereitet war. Wie Sie gesagt haben, das ist eine offene Gesellschaft, und der Täter hat anscheinend bewusst seine Tat und seinen Terroranschlag gestreamt im Internet, um eben Nachahmer zu finden, um Leute zu animieren, und das ist genau das gleiche Prinzip jeglicher berüchtigter terroristischer Gruppierungen wie Al-Kaida und IS. Und ich mache mir Sorgen, in der Tat, weil wir auch persönlich in vielen Orten Moscheenübergriffe erlebt haben, und diese Übergriffe, heute vielleicht mit einem Schweinekopf oder mit irgendetwas gemalt auf der Wand oder auch Brandsätzen, könnten morgen vielleicht was anderes mit tragen.

Zagatta: Sagt Sadiqu Al-Mousllie, er gehört dem Vorstand des Zentralrats der Muslime in Deutschland an und ist Vorsitzender in Niedersachsen. Herr Al-Mousllie, ich bedanke mich für das Gespräch!

Al-Mousllie: Vielen Dank, Herr Zagatta!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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