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StartseiteKultur heuteRechtsruck an der Museumsspitze03.01.2020

Zentrum für Moderne Kunst in WarschauRechtsruck an der Museumsspitze

Ausstellungen homosexueller oder politisch links gerichteter Künstlerinnen und Künstler könnten im Warschauer Zentrum für Moderne Kunst der Vergangenheit angehören. Der polnische Kulturminister hat die Direktorin nämlich durch einen neuen Leiter ersetzt, der dem rechten Spektrum zuzuordnen ist.

Von Jan Pallokat

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Schloss Ujazdow liegt in einer weitläufigen Parkanlage. Es beherbergt die Sammlung Zeitgenössischer Kunst. (imago images / BE&W)
Das Zentrum für Moderne Kunst in Schloss Ujazdowski in Warschau (imago images / BE&W)
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In der Warschauer Kunst- und Kulturszene herrscht Unsicherheit, wie es im neuen Jahr weitergeht. Dafür sorgte Kulturminister Piotr Gliński. Er hat die Amtszeit der Leiterin des Zentrums für Moderne Kunst im Warschauer Ujazdowski-Schloss nicht verlängert. Im neuen Jahr soll sie ein Kandidat seiner Wahl ersetzen. Das Haus im Herzen der Stadt ist ein Laboratorium moderner Kunst, so alt wie die Wende selbst und jährlich von Hunderttausenden besucht. Der Minister ist berechtigt, den Posten nach Gutdünken zu besetzen - auch ohne Ausschreibung, auch wenn das anderswo zum guten Ton gehören mag.

Formal gibt es nichts auszusetzen am neuen Mann. Denn Piotr Bernatowicz hat Erfahrungen als Galerieleiter und ist Kunsthistoriker. Allerdings wird er politisch dem eher rechten Spektrum zugeordnet, und dass das durchaus Einfluss auf die Inhalte haben könnte, zeigte die von ihm verantwortete Schau "Widerstandsstrategien" in der Posener Galerie "Arsenal", in der es von – als Kunst verpackten - neu-rechten Botschaften nur so wimmelte: "Du bist gemein, hässlich und faul – bleib Feministin" hieß es da. Homosexuell sein ist schon okay, war an anderer Stelle zu lesen – "aber verschwul unsere Kinder nicht". Als Schau "unangepasster Künstler" feierte die polnische Rechtspresse die Ausstellung; Kunstkritiker Boguslaw Deptula war weniger begeistert:

"Früher war die Galerie in Posen ziemlich modern und immer auf dem Laufenden. Das, was Bernatowicz in seinem Programm angeboten hat, war ein merkwürdiger Mainstream-Patriotismus. Und die Leute haben aufgehört, diese Galerie zu besuchen."

Neuer Leiter: Linke lähmen Kunstbetrieb

Dass der Direktor der städtischen Galerie in der liberal regierten Stadt Posen wenig später gefeuert wurde, macht ihn zum Märtyrer der rechten Szene. Minister Gliński wiederum pflegt seine Personalentscheidungen ungern zu erläutern; auf der Seite des Ministeriums findet sich aber das Konzept des designierten Direktors. Er fordert dort, aus dem Museum im Warschauer Schloss einen Ort der Reflexion über Kunst zu machen, sprich: aus dem Gewohnten auszubrechen. Mehrfach wird angedeutet, dass linke und gar kommunistische Ideologie den Kunstbetrieb lähmten. Stattdessen sollten Künstler, die zu Unrecht an den Rand gedrängt seien, zu Gehör kommen. Genannt werden unter anderem rechte Autoren aus aller Welt, die die herrschende Ideologie verfeme.

"Seine Ansichten sind in gewissem Sinne sehr radikal und ziemlich ungewöhnlich für Künstlerkreise. Er bekommt jetzt seine fünf Minuten, und wir werden es bald mit Künstlern zu tun haben, von denen niemand gehört hat. Mit seinem Leben und seiner bisherigen Tätigkeit als Kurator bekennt er sich zu einer Seite; es ist die im Moment politisch ,richtige'."

Wohl nicht wiederholen dürfte sich unter dem neuen Leiter eine noch laufende Ausstellung des jungen polnischen Künstlers Karol Radziszewski, der – auch seine eigene – Homosexualität verarbeitet, indem er zeigt, dass Polen immer schon nicht nur heterosexuell war. So zeigt er inmitten der Ornamentik der Solidarnosc-Bewegung großflächig die Transsexuelle Ewa Holuszko, die tatsächlich in der Gewerkschaftsbewegung aktiv war, was aber nicht unbedingt zum Polen-Bild des Kulturministers passt. Wird dessen neuer Mann nun eine ganz neue Richtung vorgeben? Die scheidende Leiterin ist skeptisch:

"Ich bin davon überzeugt, dass der Erfolg des Institutionsleiters immer der Erfolg des Teams ist. Programme so großer Häuser verlangen jahrelange Vorplanung. Solche Institutionen sind keine wendigen Boote, sondern Großschiffe, die man vorsichtig navigieren muss."

Bedeutungsverlust des Museums befürchtet

Tatsächlich zeigt die bisherige Erfahrung mit Chef-Umbesetzungen im polnischen Kultursektor, dass Institutionen nicht einfach nach rechts beidrehen: Das Teatr Polski in Breslau verlor nach einem umstrittenen Personalwechsel Stützen des Teams und alsbald sein bis dahin überregionales Renommee. Im Warschauer Nationalmuseum hat Minister Gliński nach überhand nehmenden fachlichen und personellen Querelen den neuen Chef schon wieder gehen lassen.

Der Minister favorisiere immer wieder inkompetente Menschen und ruiniere damit wichtige Häuser, hieß es nun im inzwischen zweiten offenen Brief aus der Warschauer Kulturszene; es stehe zu befürchten, dass das Kunstzentrum Ujazdowski sich bald in diese ruhmlose Liste einreihen müsse. Insofern kann der neue Leiter eigentlich nur noch positiv überraschen. Seine Vorgängerin indes reüssiert nun international. Malgorzata Ludwisiak ist gerade zum Vorstand des prestigeträchtigen Internationalen Komitees für Museen und Ausstellungen moderner Kunst gewählt worden.

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