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StartseiteInterview"Krieg gegen das archäologische Erbe"04.09.2015

Zerstörung Palmyras"Krieg gegen das archäologische Erbe"

Die Zerstörung der Grabtürme füge sich in einer Spur der Zerstörung durch die Terrormiliz Islamischer Staat und sei leider zu erwarten gewesen, sagte Archäologe Michael Müller-Karpe im DLF. Der IS führe damit den Westen vor und verfolge eine "perfide Marketing-Strategie" zum Verkauf von Antiken.

Michael Müller-Karpe im Gespräch mit Jochen Spengler

Grabtürme Westnekropole im syrischen Palmyra 25.02.2003 (dpa / Matthias Tödt)
Die Grabtürme im syrischen Palmyra in einer Aufnahme vom 25.02.2003. (dpa / Matthias Tödt)

Jochen Spengler: Nach der Zerstörung mehrerer Tempel hat die Terrormiliz des sogenannten Islamischen Staats in der antiken syrischen Oasenstadt Palmyra nach Behördenangaben drei Grabtürme gesprengt. Vor drei Monaten hatte der IS Palmyra erobert. Zunächst gab es nur Plünderungen, dann wurden die Skulpturen zerstört, die Ruinen vermint, dann begann die Zerstörung der Tempel, jetzt also die Grabtürme. Michael Müller-Karpe ist Archäologe am Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz und jetzt am Telefon. Guten Tag, Herr Müller-Karpe.

Michael Müller-Karpe: Guten Tag.

Spengler: Was geht Ihnen denn persönlich durch den Kopf, wenn Sie solche Nachrichten hören?

Müller-Karpe: Das macht natürlich sprachlos, aber ist leider zu erwarten gewesen. Die heutigen Meldungen fügen sich ein in eine Spur der Zerstörung. Die fing im Februar an, dass man in Mossul mit dem Vorschlaghammer Statuen im Museum zerstört hat. Dann ging es an die drei Hauptstädte des assyrischen Reiches aus dem neunten, achten und siebten Jahrhundert vor Christus, Nimrud zum Beispiel, die medienwirksam zerstört wurde, Hatra, eine bedeutende Karawanenstadt am westlichen Ende der Seidenstraße, und jetzt eben auch Palmyra.

Spengler: Sind Sie da resigniert oder verzweifelt?

Müller-Karpe: Beides! Andererseits: Nur daneben stehen und jammern, bringt nichts. Das was wir da sehen, ist im Grunde nur eine Fassette eines entsetzlichen Krieges im Grunde gegen das archäologische Erbe. Da wird auf der einen Seite der Westen vorgeführt von diesen islamistischen Terroristen. Das archäologische Erbe hat eine hohe Bedeutung in der Weltöffentlichkeit und über die Gefühle dieser Menschen setzt man sich hinweg. Das ist aber nur ein Aspekt. Ich denke, der eigentliche Aspekt ist, dass wir es hier mit einer perfiden Marketing-Strategie zu tun haben. Es gibt gesicherte Erkenntnisse, dass der Islamische Staat, aber auch andere Terroristen und Kriegsparteien sich zum erheblichen Teil aus der Plünderung von archäologischen Stätten und dem Verkauf der geplünderten Antiken finanzieren.

"Abkaufen ist mit Sicherheit keine Lösung, sondern Teil des Problems"

Spengler: Aber dann ist es doch unsinnig, wenn sie das alles zerstören.

Müller-Karpe: Nein. Die Botschaft ist im Grunde: Schaut mal her, wir sind gefährlich, wir zerstören alles, was wir nicht abgekauft bekommen. Inzwischen gibt es auch schon Stimmen interessierter Kreise, die sagen, in so einem Fall muss man auch mal über den eigenen Schatten springen und mit Bad Guys Geschäfte machen, um diese Objekte zu retten, wie es heißt. Nur: Jeder der archäologischen Objekte unbekannter Herkunft kauft, der muss sich natürlich im Klaren sein, dass er ja damit nicht nur Kulturzerstörung, also Raubgrabungen sponsert, sondern eben auch Terroristen. Abkaufen ist mit Sicherheit keine Lösung, sondern Teil des Problems.

"Wir haben einen weltweiten Markt für geplündertes Kulturgut"

Spengler: Wer sind denn diese Stimmen? Wer sind die Käufer?

Müller-Karpe: Wir haben einen weltweiten Markt für geplündertes Kulturgut. Da sprechen wir von mehreren Milliarden Dollar, die laut Schätzungen von FBI und UNESCO, also der Kulturorganisation der Vereinten Nationen, jährlich weltweit umgesetzt werden. Wovon wir jetzt sprechen, das ist ja im Grunde nur ein Teil, im Grunde die Spitze eines gigantischen entsetzlichen Eisberges. Man bedient sich aus dem archäologischen Erbe, um die Kriegskassen zu füllen, und zwar nicht nur im Vorderen Orient. Raubgrabungen sind nicht Erfindungen des Islamischen Staates, sondern weltweit. Das gilt für Kambodscha, da haben die Roten Khmer bereits die archäologischen Stätten geplündert, und die Objekte, die tauchen jetzt in Auktionshäusern in New York und auch hier in Deutschland auf.

Spengler: Herr Müller-Karpe, um noch mal auf Palmyra selbst zurückzukommen. Sie waren dort schon. Wie groß ist dieses Areal eigentlich und was ist davon noch übrig?

Müller-Karpe: Das sind viele Quadratkilometer. Palmyra ist eine bedeutende Oasenstadt. Da laufen Verbindungswege zwischen Orient und Okzident zusammen. Da gibt es Bauwerke mit römisch-griechischem Einfluss, aber auch mesopotamischem Einfluss. Aber das Bemerkenswerte ist, dass da die Tempel und die Gebäude, auch jetzt die Grabtürme, die dort jetzt gesprengt wurden, noch bis unters Dach standen. Es gibt kaum eine Ruinenstätte, die so gut erhalten war, muss man leider sagen, wie Palmyra.

Spengler: Ist noch was übrig jetzt?

Müller-Karpe: Sicher ist noch etwas übrig. Das ist so eine Salami-Taktik. Es gibt Meldungen, dass die Ruine insgesamt bereits mit Sprengfallen, mit Sprengsätzen präpariert wurde, und die werden jetzt eine nach der anderen medienwirksam gezündet.

Spengler: Jetzt heute drei Grabtürme. Es heißt, die waren unglaublich schön. Können Sie die uns beschreiben, was daran so schön war?

Müller-Karpe: Na ja, sie waren sehr gut erhalten. Das sind Türme mit quadratischem Grundriss, vier bis fünf Stockwerke hoch, und da sind bedeutende Familien bestattet worden. Man konnte darin auch einzelne Räume mieten. Innen waren diese Grabtürme schön verziert, außen eher schlicht.

"Verschiedene Fassetten eines entsetzlichen Sachverhaltes"

Spengler: Viele Menschen sagen natürlich, was sind diese Ruinen angesichts der vielen vertriebenen Menschen in Syrien, der Toten und der Verletzten. Was antworten Sie denen?

Müller-Karpe: Dass hier kein Gegensatz besteht. Das ist nicht ein "entweder oder", sondern das sind verschiedene Fassetten eines entsetzlichen Sachverhaltes, eines menschenverachtenden Weltbildes. Wie gesagt, die Dinge gehören im Prinzip zusammen, und nachdem sich eine abgestumpfte Welt, die sich an ertrunkene Flüchtlinge gewöhnt hat, durch abgeschnittene Hälse nicht mehr beeindrucken lässt, ist man jetzt auf Antiken verfallen. Aber im Prinzip gehört das alles zusammen.

Spengler: Wir wollen nicht hoffen, dass Sie recht haben. Im Augenblick sind wir alle schwer erschüttert durch die Bilder, die uns erreichen, und wir sind doch noch emotional nicht ganz verkümmert. Haben Sie eigentlich noch Kontakt zu syrischen Archäologen, Herr Müller-Karpe?

Müller-Karpe: Ich persönlich nicht, weil mein Schwerpunkt ist Irak, aber Kollegen, die dort über viele Jahre tätig waren, über die habe ich Informationen direkt von dort.

"Das sind mafiose Strukturen"

Spengler: Und was wissen Sie von denen? Können die überhaupt noch arbeiten?

Müller-Karpe: Das ist sehr schwierig. Der Antikendienst in Damaskus funktioniert noch einigermaßen, aber er hat natürlich keinen Einfluss mehr auf die Gebiete, die vom Islamischen Staat erobert worden sind. Aber wir haben Informationen von dort, dass von den Terroristen die archäologischen Stätten quadratmeterweise an die Plünderer vermietet, verpachtet werden. Die werden dann ausgebeutet, diese Bereiche, und man nimmt Steuern für die zum Vorschein kommenden archäologischen Objekte und im Gegenzug gewährt man Schutz beim Plündern und auch Schmuggeln, also im Grunde all das, was wir aus Süditalien von der Mafia kennen. Das sind mafiose Strukturen, man soll das auch so nennen, und diese Strukturen greifen zurück auf bestehende, weltweit funktionierende mafiose Strukturen und das geht dann von dort über Beirut oder die Türkei in das zollfreie Lager nach Genf und dann letztlich in die Auktionshäuser und die vornehmen Antikengeschäfte hier im Westen.

Spengler: Danke für die Informationen. Michael Müller-Karpe, Archäologe am Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz.

Müller-Karpe: Gerne.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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