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StartseiteForschung aktuellZocken für die Wissenschaft04.03.2013

Zocken für die Wissenschaft

Forscher wollen mit Online-Spiel das Börsengeschehen besser verstehen

Extrem-Schwankungen von Aktienkursen kommen immer wieder vor - das weiß man. Was man hingegen nicht weiß, ist, wie sie entstehen. Um dem Rätsel dieser plötzlichen Berg- und Talfahrten auf die Schliche zu kommen, simulieren Physiker der Uni Bremen die Börse mit einem Online-Spiel.

Von Frank Grotelüschen

Extremer Kursfall: Ein Börsenmakler in Frankfurt am Main.  (picture alliance / dpa)
Extremer Kursfall: Ein Börsenmakler in Frankfurt am Main. (picture alliance / dpa)
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Der Bildschirm zeigt eine Wippe wie auf dem Kinderspielplatz. Auf ihr stehen drei Gewichte: ein rotes, ein blaues und ein schwarzes. Letzteres balanciert die Wippe aus und hält sie in der Waagerechten. Doch dann tickt eine Uhr, und wenn sie abgelaufen ist, neigt sich die Wippe nach links zur blauen Seite, oder nach rechts zu rot. Dann aber merkt man: Man kann ja mitspielen! Unter der Wippe gibt es zwei Pfeile, blau und rot. Glaubt man, dass beim nächsten Mal die blaue Seite der Wippe nach oben schwenkt, klickt man auf blau. Hält man die rote Seite für leichter, klickt man rot an. "The Seesaw Game" – das Wippenspiel, so heißt das Online-Spiel. Der Clou: Man spielt es nicht alleine, sondern gegen andere Spieler.

"Die Herausforderung bei dem Spiel ist, richtig vorherzusagen, was die anderen Spieler machen werden",

sagt Felix Patzelt, theoretischer Physiker an der Uni Bremen und Programmierer des Spiels.

"Denn die Spielregel ist so, dass man gewinnt, wenn man auf die Seite der Wippe setzt, die hochgeht. Das heißt, man ist in der Minderheit. Man setzt gegen den Trend."

Also: Wenn ich denke, die meisten anderen setzen auf blau, sollte ich auf rot klicken. Denn stimmt mein Tipp, schwenkt die Wippe auf der roten Seite nach oben, und ich habe Punkte gewonnen. Ein richtiges Zockerspiel also, und wen das irgendwie an das Geschehen an der Börse erinnert – der liegt völlig richtig. Denn im Grunde bildet Patzelt mit seinem Wippenspiel den Aktienhandel nach.

"Wenn ich glaube, dass eine Aktie morgen steigen wird, muss ich die ja heute kaufen und morgen zum höheren Preis verkaufen."

Dann nämlich habe ich Gewinn gemacht. Das Dumme ist nur: Wenn ich die Aktie morgen dann tatsächlich verkaufe, erhöhe ich damit automatisch das Angebot an dieser Aktie. Und da bei gleicher Nachfrage das Angebot steigt, sinkt der Preis. So wollen es nun mal die ehernen Gesetze der Marktwirtschaft.

"Das heißt, ich wirke so, dass der Preis morgen niedriger wird. Also mit meiner Aktion, mit der ich Gewinn machen will, wirke ich immer zu meinen eigenen Ungunsten!"

Exakt dasselbe passiert beim Wippenspiel: Setze ich auf blau, wird das blaue Gewicht auf der Wippe ein wenig nach außen versetzt. Dadurch wird die blaue Seite quasi schwerer, meine Chancen auf einen Gewinn schwinden. Austricksen kann ich das System nur, wenn ich voraussehen kann, wie sich die anderen Spieler verhalten – derselbe Mechanismus wie auf dem Börsenparkett. Was die Forscher dabei besonders fasziniert: Sowohl bei Aktienkursen als auch beim Wippenspiel kommt es beim Zocken immer wieder zu unerwarteten Extremausschlägen nach oben oder nach unten, sagt Patzelts Chef Klaus Pawelzik.

"Es zeigt sich, dass durch das Verhalten von Leuten extreme Schwankungen entstehen. Sehr große Ausreißer, sodass plötzlich alle auf derselben Seite stehen und dadurch die Wippe praktisch umkippt."

Und das ist überraschend, denn laut der klassischen Wirtschaftslehre sollte ein System aus Wetten und Gegenwetten eigentlich immer auf einen Gleichgewichtszustand hinauslaufen, eine stabile Situation ohne extreme Schwankungen. Doch das Gegenteil scheint der Fall, und dafür haben die Bremer Forscher nun neue mathematische Modelle entwickelt. Genau die wollen sie nun mit dem Wippenspiel testen und weiterentwickeln.

"Das Ganze ist eine Art massenpsychologisches Experiment. Das kann man nicht ohne große Kosten im Labor machen. Während auf dem Internet-Spiel hat man die Möglichkeit, mit Tausenden von Menschen so ein Spiel zu spielen."

Je mehr Menschen spielen, umso mehr Informationen erhalten die Physiker und umso genauer können sie ihre Theorien überprüfen. "seesaw.neuro.uni-bremen.de" – so lautet die Adresse des Wippenspiels. Und wer mitmacht, trägt vielleicht ein bisschen dazu bei, dass man das chaotische Auf und Ab der Finanzmärkte eines Tages besser verstehen kann als heute.

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