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StartseiteKultur heuteZu schwer für heute?26.02.2006

Zu schwer für heute?

"Zement" von Heiner Müller am Schauspiel Leipzig

Zehn Jahre nach dem Tod Heiner Müllers, des wichtigsten Dramatikers der DDR nach dem Zweiten Weltkrieg, ist ein Blick auf sein Werk lohnend. Denn in seine Stücken, auch den so genannten aus der Produktion hat er immer die menschliche Existenz im Räderwerk der Geschichte quasi aus antikem Blickwinkel, also tragisch betrachtet. In Leipzig hat Regisseurin Konstanze Lauterbach das selten gespielt Stück "Zement" auf die Bühne gebracht.

Von Hartmut Krug

Heiner Müller im Juni 1995 (AP)
Heiner Müller im Juni 1995 (AP)
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Nachdem in der ersten Hälfte der neunziger Jahre im Rückblick auf den Untergang der DDR mehrere Inszenierungen in Magdeburg, Berlin, Bochum und Nanterre versuchten, mit Heiner Müllers Stück "Zement" noch einmal eine gescheiterte sozialistische Utopie nach ihrem gesellschaftlichen Potential und ihren menschlichen Verlusten zu fragen, ist dieses Stück mittlerweile völlig von den Bühnen verschwunden. Wenn die Regisseurin Konstanze Lauterbach jetzt in Leipzig Müllers Stück wieder ausgräbt, dann geht es ihr nicht so sehr um die Frage nach den Irrtümern und Möglichkeiten der sowjetischen Revolution, - sondern um die nach den Schwierigkeiten der Veränderung menschlichen Verhaltens.

Das Publikum sitzt auf der Hinterbühne und hat vor sich einen engen, zitatreichen Kunst- und Theaterraum, der sich zum Zuschauerraum hin öffnet. Begrenzt von Packpapierwänden, auf denen das Wort "Kosmos" steht, so zugleich das Provisorische wie den ausgreifenden Anspruch eines gesellschaftlichen Versuchs betonend, ist die Bühne hoffnungsgrün ausgelegt. Ein Arbeiter sitzt regungslos im Sessel neben einem leer vor sich hintanzenden Betonmischer (das Zementwerk steht still), Frauen zerhacken auf Holzklötzen ihre Pumps (Emanzipation!) und andere haschen zu soghafter Musik mit großen roten Plastiksäcken eine Luft der Hoffnung, während Männer gegen eine der Kosmos-Wände Steine werfen und ganz prosaisch nach Brot und Arbeit im zerstörten Zementwerk rufen.

Gezeigt wird ein trauriges Märchen aus einer Zeit, als 1921 in Russland nach Krieg und Revolution statt blühender Landschaften nur wirtschaftliche und mentale Zerstörung geblieben sind. Eine befreite, neue Gesellschaft soll aufgebaut und ein neuer, selbstbestimmter Mensch geschaffen werden. Fast alle Rollen sind sehr jung besetzt, es spielen auch Schauspielstudenten mit. Wenn der Rotarmist Gleb in diese Welt des Durcheinanders und Aufbruchs zurückkehrt, findet er seine Frau Dascha verändert und von ihm emanzipiert vor.

Wie es dieser Inszenierung zu zeigen gelingt, auch gegen Müllers sauren Sexualkitsch, wie sich ein Ehepaar zwischen Herd und Bett zusammen- und auseinanderkämpft, schwankend zwischen emotionaler und körperlicher Anziehung wie gesellschaftlicher Überzeugung und Selbstverwirklichungsideen, wie sich hier Menschen nicht nur gegenseitig, sondern auch jeder für sich verlieren, das ist eine große Leistung sowohl der Regisseurin wie der Darsteller. Stefan Schießleder ist kein Macho-Spießer, sondern ein schmaler, jungenhafter, sich redlich und intelligent ums Verständnis einer neuen Zeit und einer neuen Frau bemühender Gleb, und Stephanie Schönfeld vermag wunderbar die Zerrissenheit Daschas wiederzugeben, die aufbricht, ohne genau zu wissen, wie sie ihr Leben haben will und wohin es sie führen wird.

Nicht von Milieu, sondern von Revolution handle sein Stück, hat Heiner Müller nach der Uraufführung von "Zement" 1973 am Berliner Ensemble betont, und die Zementproduktion als eine Metapher für eine notwendige Verhärtung der Menschen im revolutionären Prozess angesehen. Konstanze Lauterbachs Inszenierung dagegen betont deutlich, oft im harten Kampf mit Müllers kraftmeierischen bis wichtigtuerischen Beeindruckungstexten, dass die Verhärtungen zu starken individuellen Verlusten führen. Versinnlicht wird mit der Auffächerung eines breiten Figurenpanoramas, mit dem die unterschiedlichsten Verhaltensweisen vorgeführt werden, wie der Mensch bei einer zur Erstarrung führenden gesellschaftlichen Umwälzung deformiert wird und auf der Strecke bleibt.

Da schwört Dascha selbstverleugnend der Lust zu Gleb ab und verschließt sich wegen ihres gestorbenen Kindes jeder individuellen Zukunft, da lässt ein anderer mit seiner Mutter, seinem Bruder und seiner intellektuellen Herkunft alles hinter sich, zugunsten einer schlimmen, dem Terror Wort gebenden Radikalität, und landet doch nur in einer neuen Vereinsamung. All das wird in oft einer gegen Müllers Text gewonnenen ganz eigenen, zugleich psychologisch begründeten wie ausgestellt künstlichen, bildhaft spielerischen Theatersprache vermittelt. Müllers einmontierte antike Modellszenen, von Prometheus, Medea, oder Herakles, werden wunderbar in die Handlung einbezogen. Und die Massenszenen gibt es nicht. Wenn z.B. ein Funktionär die aufbegehrenden Bauern mit Zugeständnissen beruhigt, spricht er in den leeren Zuschauerraum hinein.

Am Schluss, wenn mit den bunten Monstern der Neuen Ökonomischen Politik Figuren wie aus unserem TV-Promi-Alltag, zwischen Barbie-Puppe und Heidi Klum, die nahe Bühne wie den fernen Zuschauerraum bevölkern, gibt es für die vereinzelten und desillusionierten Revolutionäre keine wirkliche Hoffnung mehr. Die große Glühlampenschar, aus der sie zuvor immer wieder ihre Hoffnungssterne mit einem Fingerschnipsen zum Leuchten bringen konnten, gibt es nicht mehr, nur noch eine kleine rote Blume, die Gleb einer aus der Partei Ausgeschlossenen bringt. Und Heiner Müllers letzte Szene, in der die ehemaligen Kämpfer gegen die Revolution von den Revolutionären wieder aufgenommen werden, fehlt zu Recht. Denn die Revolutionäre sind müde, und das Licht erlöscht einfach.

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