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StartseiteForschung aktuellZu schwer, zu teuer, zu spät20.06.2008

Zu schwer, zu teuer, zu spät

Merkursonde BepiColombo bereitet ESA-Ingenieuren Kopfzerbrechen

<strong>Raumfahrt. - Im Jahr 2013 will die Europäische Raumfahrtagentur ESA die Raumsonde BepiColombo zum Planeten Merkur schicken. Doch ob es wirklich dazu kommt, ist derzeit wieder unsicher. Der Grund: die Sonde ist schlicht zu schwer.</strong>

Uli Blumenthal im Gespräch mit Dirk Lorenzen

Bevor die Sonde "BepiColombo" überhaupt abheben kann, muss sie deutlich an Gewicht verlieren. (ESA)
Bevor die Sonde "BepiColombo" überhaupt abheben kann, muss sie deutlich an Gewicht verlieren. (ESA)

Uli Blumenthal: Was ist bei BepiColombo los?

Dirk Lorenzen: Die Raumsonde erweist sich als zu schwer. Man hat jetzt bei der ESA mal alle Komponenten zusammengerechnet und erstaunt festgestellt, dass die Raumsonde knapp 400 Kilogramm schwerer ist, als man bisher gedacht hat: Man war immer von 2,3 Tonnen Startgewicht ausgegangen. Das hat zur Folge, dass die bis jetzt vorgesehene russische Soyuz-Fregat-Rakete nicht mehr ausreicht. Man müsste BepiColombo auf eine Ariane-5-Rakete umbuchen. Das wird allerdings sehr viel teurer – inklusive der nötigen Umbauten kommen gut 120 Millionen Euro Mehrkosten zustande, so heißt es intern bei der Esa. Immerhin liegen die Projektkosten bisher schon bei etwa 650 Millionen Euro. Die 120 Millionen kämen noch einmal oben drauf.

Blumenthal: Wie reagiert Europas Raumfahrtagentur?

Lorenzen: Aus den internen Kreisen ist zu hören, dass der Wissenschaftliche Programmausschuss der ESA sehr klar reagiert hat: Man hat auf der letzten Sitzung vor wenigen Tagen mit neun zu sieben Stimmen bei einer Enthaltung für die Einstellung des Projekts gestimmt. Das ist ein in der Geschichte der ESA einmaliger Vorgang: Nach acht Jahren im Projekt entscheidet das höchste wissenschaftliche Gremium der Esa, eine Mission einzustellen. Das schlug intern ein wie eine Bombe. Allerdings hat der ESA-Rat, das höchste ESA-Gremium, dem die politischen Vertreter aller Mitgliedsstaaten angehören, am Mittwoch beschlossen, die Mission fortzuführen und mehr Geld zuzuschießen. Das hat die ESA-Pressestelle heute morgen auf Nachfrage mitgeteilt. Dort versucht man, den Vorgang als völlig üblich darzustellen.

Blumenthal: Wie bewerten Sie die Lage für die ESA?

Lorenzen: Das ist fast schon ein Desaster. BepiColombo ist nicht irgendeine kleine Raumsonde unter "ferner flogen", sondern es ist eine "Cornerstone"-Mission, also einer der großen Eckpfeiler des Wissenschaftsprogramms der Esa. Das sind große, kostspielige Missionen, von denen es nur etwa ein bis zwei pro Jahrzehnt gibt. Cornerstone-Missionen sollen enorme wissenschaftliche Erkenntnisse bringen – daran bestehen bei BepiColombo aber schon seit längerem einige Zweifel. Nun auch noch zu schwer und damit viel zu teuer. Da ist die Absage des Wissenschaftlichen Programmausschusses durchaus nachvollziehbar.

Blumenthal: Warum bestehen Zweifel am wissenschaftlichen Nutzen von BepiColombo?

Lorenzen: BepiColombo kommt schlicht zu spät. Man will 2013 starten, 2019 soll die Sonde dann in eine Umlaufbahn um den Merkur einschwenken. Aber bis dahin wird die NASA-Sonde Messenger längst den Merkur in allen Details erforscht haben. Die ist bereits unterwegs und kommt 2011 an. Zwar soll Europas BepiColombo deutlich besser ausgestattet sein und 80mal mehr Daten zur Erde funken als der Messenger der Nasa. Dennoch wird man im Wesentlichen nur das nachmessen, was die Nasa vorher gemacht hat. Hinzu kommt, dass bei der Auswahl von BepiColombo im Jahr 2000 noch eine Landung auf dem Merkur geplant war. Mit dem Lander wäre die Mission in der Tat viel bedeutender als Messenger. Aber von diesem Lander hat man sich schon binnen weniger Jahre nach der Entscheidung verabschiedet, weil der als zu teuer und zu schwierig galt. Damit ist auch die Einzigartigkeit von BepiColombo nicht mehr gegeben. Die Mission ist also viel teurer und wissenschaftlich viel uninteressanter als beim Beschluss vor acht Jahren gedacht: Heute hätte BepiColombo keine Chance mehr, als Cornerstone-Mission ausgewählt zu werden.

Blumenthal: Warum stellt die ESA die Mission nicht ein?

Lorenzen: Die ESA ist in der Zwickmühle: Entweder schießt man viel Geld nach – und hofft, dass nicht noch andere kostspielige Probleme auftauchen. So hat man es nun erst einmal gemacht. Oder man sagt die Mission ab und gibt damit bereits getätigte Investitionen in Millionenhöhe auf. Das ist schwierig, denn man hat die Verträge mit der Industrie bereits geschlossen, übrigens erst im Januar dieses Jahres. Da hat man wohl noch nichts von den Problemen gewusst. Die Raumsonde soll bei EADS Astrium in Friedrichshafen gebaut werden. Erschwerend kommt hinzu, dass an BepiColombo auch Japan beteiligt ist. Internationale Absprachen bricht niemand gern.

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