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StartseiteInterview"Ein Handelskrieg schadet ganz besonders den Ärmeren"08.03.2018

Zu US-Strafzöllen"Ein Handelskrieg schadet ganz besonders den Ärmeren"

Im Handelsstreit mit den USA warnte der Wirtschaftsexperte Thomas Straubhaar vor weiterer Eskalation. Europäische Gegenmaßnahmen würden Donald Trump nicht zu Kompromissen bewegen, sondern eher weiter anstacheln, sagte er im Dlf. Doch ein Handelskrieg werde am Ende allen schaden - ganz besonders den Ärmeren.

Thomas Straubhaar im Gespräch mit Sandra Schulz

Thomas Straubhaar (dpa / Daniel Reinhardt)
"Da ist viel Rhetorik, die ist etwas tragisch - da muss man aufpassen, dass man das nicht eskalieren lässt", sagte Thomas Straubhaar, Direktor vom Hamburger Weltwirtschaftsinstitut, im Dlf (dpa / Daniel Reinhardt)
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Sandra Schulz: Nach den Worten von US-Präsident Donald Trump werden die USA im Handel ja quasi von jedem Land der Erde abgezockt. Damit soll Schluss sein. Trumps Wirtschaftsberater Navarro hat angekündigt, dass die Strafzölle auf Stahl und Aluminium heute verhängt werden sollen.

Darüber konnte ich vorhin mit Thomas Straubhaar sprechen, Professor für internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Hamburg. Als erstes habe ich ihn gefragt, was denn die unmittelbaren Folgen sein werden, wenn Trump die Strafzölle verhängt, was ja für 21 Uhr erwartet wird.

Thomas Straubhaar: Meines Erachtens werden diese unmittelbaren Folgen vergleichsweise gering sein, weil ich mir ja nicht vorstellen kann, dass jetzt Donald Trump von der Linie abweichen wird, die er bereits angekündigt hat, dass er im Prinzip sagt, er möchte hier erzwingen durch protektionistische Maßnahmen, dass das amerikanische Handelsdefizit gegenüber Europa korrigiert werden würde. Und ich denke, dass er festhalten wird an entsprechenden, wie er sie nennt, Strafzöllen und die Frage ist dann höchstens, wie er jetzt vielleicht schon auf die angekündigten Gegenmaßnahmen Europas reagieren wird.

"Es ist mehr die Rhetorik, die verunsichert"

Schulz: Es ist nicht so, wenn ich Sie richtig verstehe, dass dann unmittelbar ab 21 Uhr die Handelswelt stillsteht. – Ist die Aufregung jetzt, diese Diskussionen, die wir darum führen, sind die möglicherweise etwas übertrieben?

Straubhaar: Es ist ja mehr die Rhetorik, die verunsichert. Ich bin absolut der Meinung, dass wir von den Effekten her das überbewerten, was hier sich abspielt, weil erstens ist es eine Ankündigung. Zweitens muss das ja auch noch durch den Kongress. Auch wenn der amerikanische Präsident die Freiheit hat, in handelspolitischen Fragen Strafmaßnahmen im Interesse der öffentlichen Sicherheit Amerikas durchzusetzen, heißt das ja noch nicht, dass am Ende dann auch rauskommt, was er angekündigt hat, weil gerade auch innerhalb der Republikanischen Partei natürlich hier Gegenwind auf solche Maßnahmen zu erwarten sein wird.

Das war ja auch der Trick der europäischen Ankündigungen, dass sie vor allem Produkte namentlich genannt haben, die in den Wahlkreisen der republikanischen Mehrheitsführer sind und der Kongressabgeordneten, und die wissen natürlich haargenau, dass vieles, was Trump will, auch ein Schuss ins eigene Bein gerade der ärmeren Wählerinnen und Wähler in den USA ist. Und deshalb: Da ist viel Rhetorik, die ist etwas tragisch, da muss man aufpassen, dass man das nicht eskalieren lässt. In den Effekten, würde ich sagen, hält sich das in Grenzen und schadet zunächst einmal vor allem Amerika.

"Eine Eskalation würde den europäischen Interessen schaden"

Schulz: Aber ist das nicht schon längst eskaliert? Wir haben jetzt die Situation, dass Trump noch vor der Verhängung Steht. Europa hat schon mal gesagt, was Europa dann machen will, und Trump hat schon mal gesagt, wenn ihr das macht, dann kommen aber auch 25 Prozent Strafzölle. Gibt es denn jetzt überhaupt noch einen Weg aus der Eskalationsspirale?

Straubhaar: Das denke ich schon, weil da muss man ja auch schon in Europa unterscheiden, dass auf europäischer Ebene die EU-Kommissarin verhandelt, Herr Juncker als Kommissionspräsident. Die haben relativ, sage ich mal, provokativ reagiert, indem sie versucht haben, dagegenzuhalten. Schon in Deutschland ist man ja viel nüchterner, viel auch bewusster, dass eine Eskalation letztlich auch den europäischen Interessen, den deutschen Interessen ganz besonders schaden würde.

Vielleicht, um das nur in einem Beispiel zu veranschaulichen: Wenn Sie die Liste nehmen der Länder und den Saldo sich angucken, dann steht USA für Deutschland ganz oben mit dem größten Überschuss deutscher Exporte gegenüber amerikanischen Importen, und vergleichsweise China ist ganz, ganz am Ende aller 150 Staaten. Dort haben wir den größten Importüberschuss gegenüber den Exporten Deutschlands nach China. Das zeigt, wie wichtig gerade Amerika, USA für Deutschland ganz besonders, aber für Europa insgesamt ist, und da jetzt einen Streit zu provozieren, ist so ungefähr das Dümmste, was wir als Europäerinnen und Europäer machen können.

"Trump würde auf Gegenmaßnahmen nicht mit Vernunft reagieren"

Schulz: Aber dann erklären Sie mir noch mal die Strategie der Europäischen Union. Wenn ich Sie richtig verstehe, haben Sie es ja gerade für richtig erklärt, dass es diese scharfen Ankündigungen gab. Aber haben Sie denn den Eindruck, dass es auch im Entferntesten nur dazu geführt hätte, dass ein Donald Trump jetzt ein wenig eingeschüchtert reagiert hätte?

Straubhaar: Nein, genau wie Sie richtig jetzt das auch in Ihrer Frage angedeutet haben, wissen wir ja, ohne dass ich jetzt Donald Trump persönlich kenne oder dass ich irgendwie analysieren kann, was sein Problem ist, dass er ganz sicher auf solche Gegenmaßnahmen nicht mit Vernunft in dem Sinne reagiert, dass er das aufnimmt und versucht, einen Kompromiss zu finden, sondern wir können ja davon ausgehen, dass ihn das eher sogar noch anstachelt, schon die nächste Runde dieser Eskalationsspirale anzuschieben. Deshalb, noch einmal, halte ich das für sehr, sehr unklug, hier jetzt mit Gegenmaßnahmen reagieren zu wollen.

Ich verstehe, dass man das politisch als einen emotionalen Akt so macht, um den Wählerinnen und Wählern Handlungsfähigkeit und Schutz nationaler Interessen demonstrieren zu können. Aber wir wissen aus der ökonomischen Theorie und auch der Empirie der Vergangenheit recht gut, dass eigentlich ein Handelskrieg, eine Eskalation letztlich am Ende allen schadet und ganz besonders den Ärmeren schadet, weil die können am wenigsten ausweichen auf die Folgen von Protektion.

Schulz: Thomas Straubhaar, Professor für internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Hamburg und heute Mittag hier bei uns im Deutschlandfunk. Danke dafür!

Straubhaar: Gerne geschehen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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