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StartseiteTag für TagEvangelikale Kritik an Donald Trump24.01.2020

Zu viele Sünden?Evangelikale Kritik an Donald Trump

Das traditionsreiche evangelikale Magazin "Christianity Today" bescheinigt dem amerikanischen Präsidenten, das Amt zu beschädigen und dem Land zu schaden. Damit zeigt der größte und bislang weitgehend geschlossene Block von Trump-Anhängern erste Risse. Doch die Folgen sind unklar.

Von Katja Ridderbusch

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3. Januar 2020: Pastor Paula White-Cain und US Präsident Donald J. Trump beten gemeinsam mit Trump-Anhängern bei einem Treffen der "Evangelicals for Trump Coalition" in Miami, Florida  (imago images / MPI04 / Media Punch)
Die amerikanischen Evangelikalen sind eine wichtige Wählergruppe für Donald Trump (imago images / MPI04 / Media Punch)
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"We humbly ask you to bless our nation and to bless our president, Donald Trump …"

Mit der Bitte, das Land und seinen Präsidenten zu segnen, begann Anfang Januar eine Massenkundgebung evangelikaler Christen in Miami im Bundesstaat Florida. Eine Szene der Eintracht – Donald Trump, die Augen geschlossen, stand umringt von Predigern, die beschwörend die Hände über ihm ausstreckten.

"… a fighter and a champion for freedom, and Lord, that’s exactly what we have."

Im Saal und auf der Bühne war nichts zu spüren von der Meuterei, die noch wenige Tage zuvor die bislang treueste Anhängerschar des Präsidenten erschüttert hatte.

Meuterei unter Trumps treuester Anhängerschar

Was war geschehen? Das angesehene evangelikale Magazin "Christianity Today" hatte kurz vor Weihnachten in einem Leitartikel die Absetzung von Donald Trump gefordert. Und zwar mit dieser Begründung:

"Präsident Trump hat seine Autorität für persönliche Zwecke missbraucht und seinen Amtseid verletzt. (…) Das beschädigt die Institution des Präsidentenamtes, den Ruf unseres Landes und die Zukunft seiner Menschen. Nichts von dem, was der Präsident vermeintlich erreicht hat, kann die Gefahr aufwiegen, der wir durch einen politischen Führer mit grob unmoralischem Charakter ausgesetzt sind."

Klare Worte, und ein ungewöhnlicher Schritt, findet Andra Gillespie, Professorin für Politikwissenschaft an der Emory-Universität in Atlanta.

"Es ist überraschend, dass eine evangelikale Publikation so drastisch gegen Präsident Trump Partei ergreift, vor allem wenn man sich anschaut, wie hoch die Zustimmungsrate für Trump bei weißen Evangelikalen ist. 'Christianity Today' schwimmt mit dem Leitartikel also gegen den Strom."

Die US-amerikanische Politikwissenschaftlerin Andra Gillespie (Emory University )Die US-amerikanische Politikwissenschaftlerin Andra Gillespie (Emory University )

Tatsächlich stimmten mehr als 80 Prozent der weißen Evangelikalen in den USA bei den Wahlen im Jahr 2016 für Donald Trump. Laut einer aktuellen Umfrage des Public Religion Research Institut wollen ebenso viele von ihnen im November den Präsidenten im Amt bestätigen.

Weniger überraschend als der Leitartikel sei die feindselige Reaktion darauf, sagt Gillespie. Knapp 200 evangelikale Kirchenvertreter schrieben einen offenen Brief an den Geschäftsführer des Magazins, drohten mit einer Kampagne zur Kündigung von Abonnements und verteidigten ihre Gefolgschaft für den Präsidenten so:

"Wir sind bibeltreue Christen und patriotische Amerikaner und dankbar dafür, dass der Präsident unseren Rat sucht, dass er eine Politik vertritt, die das ungeborene Leben schützt, religiöse Freiheit fördert, das Strafrechtssystem reformiert und den Staat Israel unterstützt. Wie Jesus Christus sind wir gnädig gegenüber Sündern. Und darauf sind wir stolz."

Auch Franklin Graham reihte sich Ende Dezember in den Chor der Empörten ein. Er ist ein Sohn des 2018 verstorbenen Erweckungspredigers und Tele-Evangelisten Billy Graham, der "Christianity Today" 1956 gegründet hatte.

Sein Vater wäre sehr enttäuscht, sagt Graham dem konservativen TV-Sender Fox News. Trump habe mehr für Christen und insbesondere für Evangelikale in den USA getan als jeder andere Präsident vor ihm. Der Autor des Leitartikels habe seinen Verstand verloren.

Ist die evangelikale Marke beschädigt?

Gemeint ist Mark Galli, der langjährige Chefredakteur von "Christianity Today". Galli, seit Beginn des Jahres im lang geplanten Ruhestand, nimmt es gelassen. In einem Interview mit dem US-Radiosender NPR unterstreicht er am 6. Januar seine Position:

Der amerikanische Publizist Mark Galli vor einer Backsteinwand. Kurz vor seinem Ruhestand hat er in einem Leitartikel in der evangelikalen Zeitschrift "Christianity Today" Stellung gegen den US-Präsidenten Donald J. Trump bezogen (Foto:  Michael Johnson) (Privat)Mark Galli (Privat)"Viele meiner evangelikalen Glaubensbrüder und -schwestern tun Kritik an Trump ab und sagen: 'Er hat viele unserer Interessen durchgesetzt. Er hat halt ein paar Ecken und Kanten, doch damit können wir leben.‘ Aber ein Mann, der seine politischen Gegner jeden Tag als Verrückte bezeichnet, als Betrüger, als Lügner und als Loser - der befeuert eine Kultur der Missachtung. Das kann man nicht einfach von den politischen Interessen trennen. Dieses Verhalten als 'Ecken und Kanten' zu bezeichnen, ist eine fahrlässige Verharmlosung."

Galli geht noch weiter. Sich von Trump zu distanzieren, liege auch im Eigeninteresse der evangelikalen Christen, sagt er.

"Das Wort 'evangelikal' hatte lange Zeit einen positiven Beigeschmack, es stand für theologische Tiefe und eine reichhaltige Geschichte. Aber das ist vorbei. Heute ist 'evangelikal' ein Synonym für ultra-konservative Politik. Und das ist ein Problem. Das ist gefährlich für unser Land, für unsere Kultur, für die Rolle der USA in der Welt. Und es ist eine Katastrophe für den evangelikalen Glauben."

Die Unterstützung der Evangelikalen für Trump bleibt stark

Doch welche konkrete Wirkung hat der Weckruf von "Christianity Today"? Die Abonnentenzahlen des Magazins haben angezogen. Die Website brach unter dem Ansturm der Klicks mehrfach zusammen. An den Loyalitäten der weißen Evangelikalen gegenüber Präsident Trump dürfte der Leitartikel allerdings wenig ändern, wie die Kundgebung in Miami gerade erst zeigte.

"… because God is great in America again. In Jesus’ name we pray."

Erstmal dürfte alles beim Alten bleiben, vermutet Politikwissenschaftlerin Gillespie. Weiße Evangelikale stellten seit Jahrzehnten einen soliden republikanischen Wählerblock und seien aktuell sehr zufrieden mit der Trump-Präsidentschaft. Daran werde sich bei den Wahlen im November wohl auch nichts ändern.

Was hat sich "Christianity Today" dann von dem Leitartikel versprochen? Er habe neben lauter Kritik auch viel leise Zustimmung bekommen, betont Chefredakteur Galli – auch von Evangelikalen, die sich in der Minderheit wähnten und damit ohne Stimme. Andra Gillespie sieht das so:

"Ich glaube, dass Mark Galli mit seinem Abschiedsartikel versucht hat, längerfristig, gewissermaßen für die Geschichtsbücher, festzuhalten, dass es eine Gruppe, wenn auch eine kleine Gruppe unter den Evangelikalen gab, die sich Präsident Trump entgegengestellt haben. Im Übrigen ist die Trump-Präsidentschaft noch nicht vorbei. Wenn es weitere Enthüllungen über Trump gibt, dann hat 'Christianity Today' vielleicht einen Weg für jene Evangelikalen bereitet, die sich gegen den Präsidenten auflehnen wollen."

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