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StartseiteForschung aktuellZug der Fledermäuse20.01.2009

Zug der Fledermäuse

Internationale Forscher werten Fledermauswanderungen aus

<strong>Biologie. - Nicht nur Vögel, auch einige europäische Fledermausarten verbringen die Wintermonate in wärmeren Gegenden. Dafür wandern sie über hunderte Kilometer quer über den Kontinent vom Sommer ins Winterquartier. Wie man den Nachtfliegern auf die Schliche kommt, erörtern derzeit internationale Wissenschaftler.</strong>

Von Philipp Graf

Per Satellit wollen Biologen den Zug wandernder Fledermäuse erfassen. (Nature/Martin Wikelski)
Per Satellit wollen Biologen den Zug wandernder Fledermäuse erfassen. (Nature/Martin Wikelski)

Ganze zehn Gramm bringt die Rauhautfledermaus auf die Waage. Aber unter den wenigen wandernden Fledermausarten hält sie den Rekord: Bis zu 2000 Kilometer legt der Winzling zurück, wenn er sich in Spätsommernächten in die wärmeren Regionen Europas aufmacht, um sich dort ein Quartier für den Winterschlaf zu suchen. Offenbar orientieren sich die Tiere auf ihrer Wanderung am Erdmagnetfeld, ähnlich wie Vögel. Doch über die riskanten Reisen wissen Forscher nur wenig. Christian Voigt vom Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin:

"Zugfledermäuse haben speziell das Problem, dass sie angewiesen sind auf intakte Sommerquartiere und Winterquartiere sowie die Schrittsteine dazwischen. Uns interessiert besonders, wo fliegen diese Fledermäuse eigentlich entlang und wie schützen wir die Fledermäuse."

Einige Endstationen der Fledermaus-Reisen kennen die Forscher bereits: Süddeutschland, das Elsass oder sogar Südfrankreich. Schließlich haben sie die Fledermäuse jahrelang mit kleinen Metallklammern an den Flügeln beringt, und konnten so nachvollziehen, von woher die Tiere im Nordosten Europas abstammen. Unbekannt sind die Routen und Rastplätze. Außerdem wollen die Forscher wissen, welche Gefahren auf dem Weg lauern:

"Hinzu kommt, dass gerade Zugfledermäuse von Windkraftanlagen erfasst werden und wir hier enorme Verluste haben über die Jahre hinweg, und das wirkt sich natürlich sehr drastisch aus auf die Fledermauspopulation."

Um die Wanderungen der Fledermäuse bis ins kleinste Detail zu verstehen, verfügen die Zoologen über eine Reihe an Aufspür-Techniken. Schonender und schneller als die Metallklammer am Flügel soll die chemische Herkunftsanalyse anhand von Haarproben sein. Die Forscher messen dabei stabile Wasserstoff-Isotope, wie sie im Grundwasser vorkommen. Jeder Region in Europa kann man ein charakteristisches Gemisch aus Wasserstoff-Isotopen zuordnen. Wenn Fledermäuse Wasser trinken, lagert sich der Isotopen-Mix im Fell ab, und hinterlässt so verräterische Spuren. Christian Voigt:

"Man kann sich das so vorstellen, dass die Fledermäuse einen Fingerabdruck besitzen in ihrem Fell. Und sie tragen diesen Fingerabdruck vom Sommerquartier ins Winterquartier, so dass sich die polnischen und die russischen Fledermäuse in der Isotopen-Signatur unterscheiden von deutschen oder französischen Fledermäusen."

Ein Büschel Fell genügt den Berliner Forschern, um die Tiere ihrer Herkunft zu überführen. Martin Wikelski, Direktor am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell, möchte das Wanderverhalten der Fledermäuse noch detaillierter studieren. Dazu will er die Bewegungen einzelner Tiere pausenlos im Auge behalten. Mit Hilfe von winzigen Peilsendern. Bislang konnten die Forscher solche Sender nur den großen Fledermausarten auf das Rückenfell kleben.

"Wir können inzwischen auch die kleinsten Fledermäuse verfolgen, weil die Telemetrie-Sender nun bis 150 Milligramm klein sind, also wirklich winzigst, ein Zehntel von einem Gramm."

Allerdings müssen die flinken Fledermäuse dann mit speziellen Empfängern in Autos oder Flugzeugen geortet werden. Dieses Verfahren will der Migrationsforscher Wikelski nun vereinfachen:

"Was wir auch jetzt machen, ist, dass wir ein System etablieren, um diese winzigen Sender vom Satelliten aus zu beobachten, das heißt, wenn das etabliert ist in ein paar Jahren, können wir wirklich zum ersten Mal individuelle Fledermäuse auf dem Zug beobachten."

Ingenieure der TU München entwickeln gerade dieses Satellitensystem. In drei Jahren soll es ins All gehen. Die Sendersignale der Tiere werden dann an eine feste Kontrollstation am Boden gefunkt. Wikelski erhofft sich damit Antworten auf die zentralen Fragen über weltweite Wanderungen von Insekten, Vögeln und natürlich Fledermäusen. So könnte man künftig die Lebensweise von Flughunden in Zentralafrika nachvollziehen, die vermutlich Ebola übertragen. Oder aber endlich verstehen, wie die winzige Rauhautfledermaus ihre lange Reise quer durch Europa meistert.

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