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StartseiteKommentare und Themen der WocheSchutz der Privatsphäre ist wichtig18.03.2020

Zugriff auf deutsche HandydatenSchutz der Privatsphäre ist wichtig

Das Robert-Koch-Institut greift im Kampf gegen das Corona-Virus millionenfach auf Handydaten zurück. Dem Informationsbedürfnis der Allgemeinheit dürfen Privatsphäre und Würde des Einzelnen aber nicht geopfert werden, kommentiert Johannes Kuhn.

Von Johannes Kuhn

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Ein Symbolbild. Zu sehen ist ein Auge und daneben ein Programmcode. (picture alliance / Klaus Ohlenschläger)
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Per SMS informiert werden, wenn mein Sitznachbar im Zug positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Auf einer Online-Karte sehen können, ob ich ich vergangene Woche die gleiche Bar wie ein Erkrankter aufgesucht habe. Im Bus sitzen und wissen: Hier kommt nur rein, wer per App einen positiven Gesundheitsbescheid nachweisen kann.

All das klingt wie aus einer Dystopie. Eigentlich. Während des pandemischen Ausnahmezustands dagegen erscheint es furchtbar praktisch. Und das ist das Problem: Diese Beispiele aus Asien, vor allem China, wirken jetzt noch weit weg. Doch niemand weiß, wie lange das Coronavirus unsere Zivilisation noch beansprucht. Und damit auch die Abwehrkräfte, mit denen wir unser aller Privatsphäre schützen.

Verschiebt die Daten-Weitergabe der Telekom an das Robert-Koch-Institut hier schon die Maßstäbe? Zunächst nicht: Aggregierte und anonymisierte Daten sollen vor allem Bewegungsströme abbilden. Also nachprüfbar machen, ob das Gebot der sozialen Distanz auch befolgt wird. Mindestens 30 Datensätze werden dabei zusammengefasst, der Bundesdatenschutzbeauftragte hält das für ausreichend oder: unkritisch?

Dass nun ein Aktivist bereits die öffentliche Freigabe des Datenpakets beantragt hat, ist dennoch richtig: Durch eine Veröffentlichung ließe sich nachvollziehen, ob die Daten tatsächlich die versprochene Anonymität für den Einzelnen gewährleisten. Zudem ist es auch für uns als Gesellschaft hilfreich zu wissen, wie wir insgesamt auf die sozialen Einschränkungen reagieren.

Einzelne Menschen nicht identifizierbar machen

Messbarkeit kann hilfreich sein, und die Digitalisierung wird das Bedürfnis nach ihr noch wachsen lassen. Doch im Falle der Coronakrise gilt: Dem Informationsbedürfnis der Allgemeinheit dürfen Privatsphäre und Würde des Einzelnen nicht geopfert werden. In Südkorea machten Daten über Alter, Geschlecht und Aufenthaltsorte von Erkrankten einzelne Menschen identifizierbar. Einige von ihnen sahen sich Mobbing, Spott oder üblen Gerüchten ausgesetzt. Denn, auch das lehren uns Krisen: Je stärker die sozialen Vorschriften, desto hemmungsloser die Stigmatisierung.

Unsere Sozialnormen, aber auch der europäische Datenschutz stehen solchen Exzessen bislang entgegen. Von einer Überwachungsgesellschaft chinesischen Stils sind wir weit entfernt. 

Ob es dabei bleibt, hängt auch vom Verlauf der Pandemie ab: Wird die Kurve nicht flach genug oder stehen wir im Herbst wieder vor den gleichen Problemen, werden die Beispiele aus Asien hervorgeholt werden. Denn tatsächlich dürften die digitalen Überwachungsmaßnahmen in China, Südkorea, Taiwan oder Hongkong einen Anteil an der Eindämmung der Infektionen gehabt haben. Doch hier in Europa wäre der zivilisatorische Preis für den Einsatz solcher Mittel zu hoch. Selbst in der Krise. Hoffentlich.

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