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StartseiteForschung aktuellKüsten-Seeschwalben reisen mehr als 80.000 Kilometer pro Jahr30.12.2019

Zugvögel Küsten-Seeschwalben reisen mehr als 80.000 Kilometer pro Jahr

Wale, Monarchfalter oder Lachse: Viele Tierarten machen regelmäßig weite Wanderungen. Den Rekord halten aber Küstenseeschwalben: Sie pendeln jedes Jahr zehntausende Kilometer zwischen den Erdpolen. Moderne Mini-GPS-Sender sollen jetzt noch exaktere Daten über die weltumspannende Wanderung liefern.

Von Volker Mrasek

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Vogelfotograf fotografiert Küstenseeschwalben, Grossbritannien, England, Northumberland (imago / H. Bouwmeester)
Küstenseeschwalben brüten in der Arktis und überwintern am Südpol (imago / H. Bouwmeester)
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Grönland, Island, Alaska – das sind bevorzugte Brutregionen der Küstenseeschwalbe. Dort – in hohen nördlichen Breiten – lebt sie in riesigen Kolonien, oft mit Zehntausenden Brutpaaren. Doch zurzeit keine Spur von den Vögeln! Im Winter tummeln sich alle am anderen Ende der Welt. Und das ist absolut wörtlich zu nehmen, wie Joanne Morten verdeutlicht, Zoologin an der Universität von Exeter in England:

"Küstenseeschwalben sind erstaunliche Vögel! Sie wiegen nur um die 110 Gramm. Und doch wandern sie jedes Jahr von ihren Brutstätten im hohen Norden bis in die Antarktis, um dort zu überwintern – und danach wieder den ganzen Weg zurück! Das heißt, sie legen über 80.000 Kilometer im Jahr zurück, und das ist einfach verrückt!"

Dreimal zum Mond und zurück

Es gibt weitere Weltenbummler im Tierreich: Wale zum Beispiel oder andere Vogelarten. Doch bei keiner von ihnen ist der Wandertrieb dermaßen ausgeprägt wie bei den possierlichen Küstenseeschwalben:

"Die ältesten gefundenen Exemplare waren 30 Jahre alt. In ihrem ganzen Leben fliegen sie praktisch dreimal zum Mond und zurück!"

Küstenseeschwalben sind zwar nicht größer als Stare, aber sie haben eine Flügelspannweite von bis zu 70 Zentimetern und sind ausgezeichnete Flieger. Einer der Vögel brachte es auf unglaubliche 90.000 Jahreskilometer, gemessen von niederländischen Forschern. Sie hatten die Seeschwalbe mit einem federleichten, sogenannten Geolokator ausgestattet, der die Reiseroute grob nachzeichnet, wenn man die Daten später ausliest.

50 Vögel mit GPS-Sendern ausgestattet

Inzwischen sind aber auch viel genauere GPS-Satellitensender so leicht geworden, dass man sie Küstenseeschwalben aufbürden kann. Joanne Morten und andere Forscherinnen haben damit begonnen, in einer Kolonie auf Island:

"Die Geo-Lokatoren liefern nur alle zwölf Stunden einen Aufenthaltsort des Vogels, und der kann bis zu 190 Kilometer ungenau sein. Bei den GPS-Sensoren dagegen sind es nur wenige Meter! Durch sie bekommen wir also die bisher akkuratesten Messungen. Wir haben insgesamt 50 Vögel mit GPS-Sendern ausgestattet – 30 in diesem Sommer und 20 im vorhergehenden Jahr."

Die Biologinnen müssen die Seeschwalben nicht nur einfangen, um sie mit den Sensoren zu bepacken, sondern später auch wiederfinden, um an die gesammelten Reisedaten zu kommen. Und das unter mehr als zehntausend Vögeln in der ganzen Kolonie! Zweimal sei das bereits gelungen, sagt Joanne Morten. Die Daten könnten am Ende für neue Überraschungen gut sein, glaubt die Zoologin:

"Wir können schon jetzt erkennen, dass die Strecken, die die Vögel zurücklegen, wahrscheinlich noch größer sind als bisher beobachtet. Denn auch dann, wenn sie jagen und nicht wandern, reißen Küstenseeschwalben viele tausend Kilometer runter. Sobald wir weitere Sensoren ausgewertet haben, wird der alte Rekord bestimmt fallen."

"Das Tier, das am meisten Sonne sieht"

Wahrscheinlich pendeln die Vögel zwischen Arktis und Antarktis, weil die kalten polaren Ozeane besonders nahrungsreich sind. Dort gibt es Fische und Krill en masse für die Marathonflieger. Wenn man hört, was Luca Börger über sie sagt, Professor für Ökologie an der Universität Swansea in Wales, dann könnte man auch noch etwas anderes vermuten. Vielleicht sind Küstenseeschwalben auch einfach ausgesprochene Sonnenanbeter!

"Es ist das Tier, das am meisten Sonne sieht von allen Tieren in der Welt. Denn die leben in der Arktis im Sommer, wenn die Sonne immer scheint. Und bevor der Winter kommt, gehen die zu der Antarktis, wo dann die Sonne immer scheint im Sommer im Süden. Die sehen fast nie die Nacht und fast immer die Sonne."

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