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StartseiteSonntagsspaziergangLeben am Ende der Welt27.12.2015

Zuhause am Kap HoornLeben am Ende der Welt

The last frontier, die letzte Grenze der Zivilisation: Kap Hoorn am südlichsten Zipfel Südamerikas hat Entdecker und Abenteurer seit jeher fasziniert. Heute beherbergt die Isla de Hornos eine meteorologische Station, eine kleine Kapelle und ein Postamt - und sie ist bewohnt: Für zwölf Monate lebt ein Angehöriger der chilenischen Marine mit seiner Familie am Ende der Welt.

Von Michael Marek

Leuchtturm und die felsige Küste von Kap Horn, der Südspitze Südamerikas. Das Felsenkap wurde 1616 von dem Holländer Schouten erstmals umsegelt und nach seiner Vaterstadt Hoorn benannt. Aufgenommen 2000 (picture-alliance / dpa / Hans Dieter Kley)
Die Isla de Hornos gehört zu Chile und gilt landläufig als südlichster Zipfel Südamerikas. Das Felsenkap wurde 1616 von dem niederländischen Seefahrer Willem Corneliszoon Schouten erstmals umsegelt und nach seiner Vaterstadt Hoorn benannt. (picture-alliance / dpa / Hans Dieter Kley)

55 Grad, 56 Minuten südlicher Breite und 67 Grad, 19 Minuten westlicher Länge: Hier, am südlichsten Zipfel des südamerikanischen Kontinents, wo Atlantik und Pazifik aufeinanderstoßen, ankert die Stella Australis. Die Passagiere an Bord des Kreuzfahrtschiffes sind aufgeregt: Wird sich ihr Lebenstraum erfüllen?

Es ist ein stürmischer, kalter Nachmittag. Schneetreiben und blauer Himmel haben den ganzen Tag über im Streit miteinander gelegen. Gerade hat Kapitän Navarro die frohe Botschaft verkündet: Poseidons Wellenmaschine fehlt es an Energie. Die Wetterverhältnisse machen es möglich anzulanden - auf dem Eiland, dessen Name Legende ist, ein Mythos für Besucher aus der ganzen Welt:

"Ja, natürlich, das ist schon eine einmalige Erfahrung, nach Kap Hoorn zu fahren. Hier am südlichsten Punkt der Welt quasi, bevor die Antarktis beginnt, gewesen zu sein."

Verpackt in Thermohosen und knallroten, dick gefütterten Sicherheitsjacken mit dem Logo des Kreuzfahrtschiffes geht es für die kleine Touristengruppen los: Start der Expedition, wie die Ausflüge in den robusten Schlauchbooten des chilenischen Kreuzfahrtschiffes heißen. Wie Hühner auf der Stange drängen sich zehn Vermummte auf den Gummiwülsten, der Mann am Steuer dreht den Außenborder auf. Ein dünner Schleier aus eisigem Meerwasser überzieht die Passagiere.

10.000 Seeleute ertranken vor Kap Hoorn

Ein bunter Haufen Weltenbummler – Südamerikaner, Australier und Europäer – ist fest entschlossen, die chilenische Insel zu betreten. Auf der Suche nach der touristischen "Terra incognita". Am Strand werden sie von Magellan-Pinguinen bereits erwartet.

"Wir stehen hier vor dem Kap Hoorn Denkmal, das die Silhouette eines Wanderalbatros zeigt und der in Richtung der Drake Passage zur Antarktis schaut."

Der chilenische Expeditionsleiter Francisco Cárdenas:

"Vor Kap Hoorn sind mehr als 800 Schiffe gesunken und 10.000 Männer ertrunken, der größte Schiffsfriedhof der Welt. Die Seeleute glauben, dass die Seelen der toten Matrosen in den Albatrossen weiter leben. Das ist doch eine schöne Legende!"

Cárdenas ist Naturforscher und Vogelkundler. Der großgewachsene Endvierziger mit dem sonoren Bariton in der Stimme und kroatischen Vorfahren steht auf einer Anhöhe von Kap Hoorn. Hier, etwa 950 Kilometer vom antarktischen Festland entfernt, versammelt sich um ihn herum eine kleine Gruppe Touristen.

Bürgermeister der südlichsten bewohnten Insel der Welt

Die Isla de Hornos gehört zu Chile und gilt landläufig als südlichster Zipfel Südamerikas. Ganz korrekt ist das zwar nicht, denn die Diego-Ramirez-Inseln liegen 100 Kilometer weiter südlich, aber was sind die schon im Vergleich zu Kap Hoorn? Und außerdem ist das Eiland bewohnt:

"Kap Hoorn ist eine kleine Insel, es gibt das Denkmal, einen Leuchtturm, eine kleine Kapelle und ein Postamt. Hier wohnt ein Angehöriger der chilenischen Marine mit seiner Familie für ein ganzes Jahr. Das ist kein einfaches Leben, vor allem im Winter."

"Hallo! Ich bin der Bürgermeister von Kap Hoorn, der südlichsten bewohnten Insel der Welt - dem Ende der Welt."

Wir stehen im kleinen Postamt von Capo de Hornos, Juan Andrés Valenzuela Yañez begrüßt uns. Der Offizier der chilenischen Marine ist vom Beruf Telekommunikationstechniker. Den groß gewachsenen Enddreißiger mit schütterem Haar, feinen Gesichtszügen und Hang zur Ironie würde man eher in einer Universität erwarten als am Rande der Zivilisation:

"Ich lebe hier zusammen mit meiner Familie: meiner Frau Paula, meinem Sohn Matias und unserem Pudel Melchor. Wir dienen hier für zwölf Monate unserem Heimatland Chile. Wir kümmern uns um die meteorologische Station und leiten die Wetterdaten an die Schiffe weiter. Außerdem halten wir fest, welche Schiffe diese Gegend befahren. Manchmal empfangen wir auch Besucher von Kreuzfahrtschiffen und erklären ihnen alles. Zum Bespiel das Gedicht von Sara Vial auf dem Denkmal für die ertrunkenen Seeleute. Wir geben ihnen unser Wissen und unsere Liebe, die unsere Besucher auf Kap Hoorn brauchen!"

Für die Ertrunkenen hat die chilenische Schriftstellerin Sara Vial ein Gedicht verfasst, das auf einer Tafel vor dem Kap Hoorn Monument steht. Zweisprachig in Englisch und in Spanisch.

Ich bin der Albatros, der auf dich wartet
am Ende der Welt.
Ich bin die vergessene Seele der toten Seeleute,
die von allen Meeren der Erde kamen
und vor Kap Hoorn kreuzten.
Doch sie starben nicht
in den tobenden Wellen.
Heute reisen sie auf meinen
Schwingen in die Ewigkeit,
mit dem letzten Aufbrausen
der antarktischen Winde.

Soy el Albatros que te espera
en el final del mundo.
Soy el alma olvidada de los marineros muertos
que cruzaron el Cabo de Hornos
desde todos los mares de la tierra.
Pero ellos no murieron
en las furiosas olas,
hoy vuelan en mis alas,
hacia la eternidad,
en la última grieta
de los vientos artánticos.

Chilenische Präsenz zeigen

Juan Andrés Valenzuela Yañez ist sichtlich stolz. Er und seine junge Familie haben sich für ein Jahr verpflichtet, hier auszuharren. Die Aufgabe des Offiziers besteht vor allem darin, chilenische Präsenz an diesem symbolträchtigen Ort zu demonstrieren. Alle vorüberfahrende Schiffe müssen gesichtet und, falls nötig, dem Militär gemeldet werden. Zwischen Chile und Nachbar Argentinien schwelt ein alter Streit über den Grenzverlauf im südlichen Patagonien und auf Feuerland, das etwa 200 Kilometer entfernt liegt.

"Für mich ist es eine Ehre zusammen mit meiner Familie hier zu sein und die Besucher in Empfang zu nehmen."

Im kleinen Verkaufsraum des Postamtes stehen Ehefrau Paula und Sohn Matias und verkaufen Ansichtskarten. Denn fast alle Besucher wollen hier vom unbehausesten Ort der Erde ein postalisches Lebenszeichen in die Heimat schicken – versehen mit dem begehrten Sonderstempel. Nebenbei verdient sich Familie Yañez mit dem Verkauf von Kap Hoorn-Devotionalien wie Kaffeetassen, T-Shirts oder bedruckten Wandtellern ein paar Pesos hinzu.

Aber zwischen April und Oktober, wenn es Winter auf der Südhalbkugel und auf Kap Hoorn noch stürmischer, noch verregneter ist, verirrt sich so gut wie kein Kreuzfahrtschiff mehr hierher. Am Anfang war seine Familie gar nicht gerade begeistert von der Vorstellung, zu dritt weit entfernt von der Zivilisation zu leben. Aber jetzt lieben alle diesen Ort, die Natur, die Vögel, den Wind, sagt Juan Yañez:

"Es haben alle zusammen darüber gesprochen, und es war eine Entscheidung der ganzen Familie – auch meiner Kinder: meines jüngsten Sohnes Matias und meines ältesten, der hier in Patagonien an der Universität in Punta Arenas studiert. Wir sind eine Familie, die sehr zusammenhält. Wir haben alle gemeinsam entschieden, hierher zu gehen."

Hunderte Kilometer bis zum nächsten Arzt

Das Leben auf Kap Hoorn verlangt viel ab, sagt Juan, der nächste Arzt zum Beispiel ist hunderte Kilometer entfernt. Und in einem Notfall kann der Hubschrauber aufgrund der Wetterverhältnisse auch nicht immer hierher kommen. Eine Voraussetzung für diesen Job ist es, dass man am Blinddarm operiert wurde, erzählt Juan. Auch die Zähne müssen bei der gesamten Familie in gutem Zustand sein. Man kann ja nie wissen. Außerdem mussten er und seine Frau eine Erste-Hilfe-Prüfung ablegen, um bei einem Unfall, einer lebensbedrohlichen Erkrankung oder Vergiftung sich gegenseitig helfen zu können. Was seine Aufgabe hier ist, will ich von Juan wissen:

"Ich beobachte die Wetterverhältnisse hier – und ich führe Aufzeichnungen über jedes Schiff, das vorbeikommt. Alle drei Stunden muss ich über den Meereszustand, das Klima und den Wind informieren."

Das Wohnzimmer der Familie Yañez erinnert an ein Marinemuseum: Überall hängen Fotos von Schiffen und grimmigen Männern mit zerzausten Bärten. Es gibt Urkunden, Seekarten, Kompasse und nautischen Krimskrams. Möbel habe man natürlich nicht mitnehmen können, sagt Juan, im Haus war alles vorhanden: Waschmaschine, Fernseher, Fahrräder, eine Playstation. Dafür hat jeder aus der Familie einige Andenken und Erinnerungsstücke mitgenommen – vor allem Fotos und Kuscheltiere.

Fernsehen schauen sie selten, der Empfang ist so la la, bei gutem Wetter sind alle drei draußen auf der Insel. Manchmal langweilt sich sein Sohn, dann vermisst er seine Freunde. Deshalb bringt jede Familie einen Hund mit. Vermissen seine Frau und er nicht ein Restaurant oder den Gang zum Friseur?

"Nein, die Liebe zur und in der Familie macht das weg – man muss sehr zusammenhalten, das ganze Jahr über, um Konflikte und Streitigkeiten, die gewöhnlicherweise passieren, zu verhindern. Aber die Liebe löst alles. Also, es gibt kein Problem!"

Versorgung per Schiff

Wenn das Versorgungsschiff der chilenischen Marine die bereits vor Monaten bestellten Lebensmittel anliefert, dann freuen sich alle auf Tomaten, Salat und Obst. Auf Dinge, die nicht alltäglich sind, wenn man auf Chiles Außenposten lebt. Die Bestellung gibt die Familie per Internet durch. Familie Yañez ist vermutlich die einsamste der Welt:

"Vor allem die Liebe der Ehefrau und der Söhne ist sehr wichtig, um hier ein Jahr allein zu sein - abgeschnitten von der Zivilisation!"

Sohn Matias ist zwölf Jahre, ein Jahr ohne Schule, das klingt doch wie im Kinderparadies?

"Nein, mein Papa ist mein Lehrer!"

Sein Vater unterrichtet ihn, sagt Matias, das ist wie Schule, aber doch ganz anders. Und ist er ein guter Lehrer?

"Mein Papa ist ein sehr, sehr guter Lehrer!"

Plötzlich wird Expeditionsleiter Francisco Cárdenas hektisch. Der Kapitän habe befohlen, die Isla de Hornos schnellstens zu verlassen. Der Wind ist aufgedreht, der Wellengang stärker geworden. Eine letzte Frage aber will noch beantwortet werden:

"Ja, ich hab eine lustige Geschichte. Eines Tages, wir waren ganz alleine. Meine Frau und ich waren also sehr liebevoll zueinander, und ich stieg aus der Dusche ohne Handtuch, nackt! Und als ich hier am Verkaufsraum vorbei kam, Sie glauben es nicht, da standen plötzlich Touristen vor mir. Niemand hatte uns darüber informiert, dass ein Schiff mit Besuchern kommt. Mein Gott, als die Touristen da standen, hatte ich nicht mal ein Handtuch - verstehen Sie?!"

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