Dienstag, 20.10.2020
 
Seit 19:15 Uhr Das Feature
StartseiteWirtschaft und GesellschaftSiemens setzt dauerhaft auf Homeoffice16.07.2020

Zukunft der ArbeitSiemens setzt dauerhaft auf Homeoffice

In der Coronakrise arbeiten zahlreiche Arbeitnehmer im Homeoffice. Siemens will daraus jetzt Konsequenzen ziehen und zahlreichen Mitarbeitern die Möglichkeit zum mobilen Arbeiten bieten. Die Gewerkschaft befürchtet, dass Heimarbeiter – anders als im Büro - keinen Feierabend mehr kennen.

Von Michael Watzke

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Siemens-Flaggen im Wind, davor laufen Menschen (Peter Kneffel, dpa picture-alliancec)
Viele Details bei der geplanten dauerhaften Option auf Heimarbeit sind noch nicht geklärt (Peter Kneffel, dpa picture-alliancec)
Mehr zum Thema

Psychologie in Corona-Zeiten "Das Wichtigste ist ein Gefühl der Kontrolle"

Lebenszufriedenheit in Coronazeiten Forscher: Einsam, aber resilient

Corona und die Frauenförderung Befällt das Virus auch das Geschlechterverhältnis?

"New Normal Working Model" – mit diesem Anglizismus umschreibt Siemens die neue Freiheit für rund 140.000 Konzern-Angestellte. Siemens-Sprecher Florian Martens nennt als Ziel, "dass wir hier dem Wunsch nach Flexibilisierung im Sinne der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nachkommen. Und dass wir auch der neuen Zeitrechnung nach Corona entsprechen. Und dass wir hier als Siemens den Weg nach vorne aufzeigen".

Laut einer Studie des Münchner Ifo-Instituts wollen 54 Prozent aller deutschen Unternehmen Homeoffice und mobiles Arbeiten stärker ausbauen – Siemens legt nun ein Konzept vor, das der Vorstand unter Federführung von Roland Busch, dem designierten Nachfolger von Siemens-Chef Kaeser, beschlossen hat. Es sieht vor, dass Siemensianer künftig dann von zuhause und von unterwegs arbeiten können, wenn es sinnvoll und  ihr Vorgesetzter einverstanden ist.

Einhaltung von Arbeitszeitgesetzen ungeklärt

Dann bestehe die Möglichkeit, so Martens, "dass die Mitarbeiter sich aussuchen - gerade wenn sie mehrere Wohnsitze haben oder Familienbedürfnisse unter einen Hut bringen müssen - für sich in Abstimmung mit ihrem Vorgesetzten zu entscheiden, wo sie mobil arbeiten wollen, um produktiv zu sein und die vereinbarten Ergebnisse zu erreichen. Und deshalb definieren wir diesen Begriff bewusst breiter: als mobiles Arbeiten. Ein Teil davon ist Homeoffice."

München: Joe Kaeser, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG, nimmt an einer Pressekonferenz vor Beginn der Hauptversammlung in der Olympiahalle teil. (dpa/Sven Hoppe) (dpa/Sven Hoppe)Siemens Energiesparte - Zu sehr auf Öl, Gas und Kohle ausgerichtet Die Aktionäre haben die Abspaltung der Energiesparte des Konzerns abgesegnet. Wie Siemens Energy von heute auf morgen ein grünes Unternehmen werden soll, ist schwer zu sehen, kommentiert Klemens Kindermann. 

Bei konzern-internen Umfragen, so der Siemens-Sprecher, hätten fast alle Mitarbeiter für mehr Homeoffice und mobiles Arbeiten plädiert. Die IG Metall ist erstmal nicht dagegen, sagt Hagen Reimer, der Siemens-Beauftragte der Gewerkschaft: "Wir sind grundsätzlich aufgeschlossen. Wir sehen allerdings erheblichen Gestaltungsbedarf, um sicherzustellen, dass die Beschäftigten nicht durch die Hintertür Nachteile erleiden müssen bei der Einführung."

Denn viele Details sind noch nicht geklärt. Etwa, wie die Arbeitszeiten künftig gestaltet werden und welche Arbeitsmittel den Siemens-Beschäftigten zur Verfügung stehen. "Das geht los bei der technischen Ausstattung des Arbeitsplatzes. Damit man da nicht am Küchentisch sitzt und auf einen kleinen Laptop-Bildschirm starrt. Bis hin zu der Frage, inwiefern die Beschäftigten noch hinsichtlich der Einhaltung von Arbeitszeitgesetzen und Arbeitsschutzregelungen erfassbar sind."

Befürchtungen bei der Gewerkschaft

Es gibt bei manchen IG-Metallern durchaus die Befürchtung, das "New Normal Working Model" könne dazu führen, dass mobile Mitarbeiter – anders als im Büro - keinen Feierabend mehr kennen. Sogar von möglicher Selbstausbeutung ist die Rede. Hagen Reimer sagt, der Gesamtbetriebsrat sei zuversichtlich, bis etwa Oktober eine gemeinsame Vereinbarung zu finden, die für Arbeitnehmer und Arbeitgeber tragbar sei. Siemens-Sprecher Martens betont, beide Seiten müssten sich vertrauen. Die aktuellen Pandemie-Zeiten hätten gezeigt, dass eine neue Arbeitskultur die Produktivität sogar steigern könne. Homeoffice und mobiles Arbeiten seien ein Teil davon.

"Gleichzeitig gibt es aber auch viele Dinge, die dafür sprechen, im Büro zu arbeiten. Die Kolleginnen und Kolleginnen zu sehen, nicht im häuslichen Umfeld zu arbeiten. Sondern doch im Büro. Und das flexibler zu gestalten mit dem Ziel, zwei bis drei Tage pro Woche seine Arbeit mobil zu verrichten - das ist der Kern dieser Bekanntgabe."

Siemens will damit im Wettbewerb um Talente attraktiver werden und die Motivation der Mitarbeiter steigern.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk