Kommentare und Themen der Woche 28.12.2019

Zukunft der MedienÖffentlich-Rechtliche brauchen QualitätsoffensiveVon Stefan Raue

Beitrag hören Die Logos von Das Erste und ZDF sind auf dem Touchscreen eines Smartphones zu sehen. (imago images / Philipp Szyza)Wer kein nachvollziehbares Qualitätsversprechen abgeben kann, wer irgendwie im Medienmarkt mitschwimmt, wird keine Chance haben, kommentiert Stefan Raue (imago images / Philipp Szyza)

Die Medienlandschaft wandelt sich radikal - und in der neuen Unübersichtlichkeit könne nur überleben, wer auffällig ist und Aufmerksamkeit erringt, kommentiert Deutschlandradio-Intendant Stefan Raue. Für die öffentlich-rechtlichen Sender könne das allerdings nur durch eine Qualitätsoffensive geschehen.

Mitten in Los Angeles, umringt von Hochhäusern, ein großer Platz wie aus dem Bilderbuch der Demokratie. Hier, der mächtige Bau des Rathauses, gegenüber das eindrucksvolle Gericht und direkt in Reichweite das auffällige Verlagsgebäude der Los Angeles Times. 1937 eröffnet, langgestreckt, Art Deco, ein selbstbewusstes Statement, die Medien als Kontrolleure der politischen Macht, auf Augenhöhe.

Doch während das gewaltige Rathaus und das Gericht voller Leben sind, wirkt das Gebäude der Los Angeles Times leer und leblos. 2018, nach 137 Jahren Zeitung mitten in Downtown Los Angeles, zog der Verlag 27 Kilometer weg, in eine der Vorstädte im Südwesten der Metropole. 800 Mitarbeiter verließen das Gebäude, inzwischen bringt es immerhin ein paar Millionen Dollar jährlich als Filmkulisse für das nahe Hollywood.

Abschied von der "guten alten Medienwelt"

Ähnliches wie in Los Angeles geschieht das an vielen Orten, die Presse und die Medien überhaupt verschwinden aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit. Öffentlichkeit, die findet inzwischen weniger auf den Marktplätzen und Straßen statt. Öffentlichkeit, das ist zunehmend das weltumspannende Internet und das ist die Kommunikation in den sozialen Netzwerken. Und dorthin fließen Jahr für Jahr die Werbegelder, die Finanzierungsmöglichkeiten der Kommerziellen Medien. Das betrifft politische Leitmedien genauso wie populäre Angebote.

Social Media Apps auf einem Smartphone (imago/Simon Belcher) (imago/Simon Belcher)Medienstaatsvertrag 2.0 - Schwammige Regeln für die digitale Welt
Der neue Medienstaatsvertrag bezieht sich zum ersten Mal konkret auf digitale Angebote wie YouTube, Facebook, Spotify oder auf smarte Fernseher. Dass diese stärker in den Blick genommen werden, sei richtig, kommentiert Christoph Sterz. Allerdings kämen die Regeln sehr spät und müssten konkreter sein.

Wir nehmen Schritt für Schritt Abschied von der guten alten Medienwelt. In Fernsehen, Radio, Zeitung und Zeitschrift. Es ist ein offenes Geheimnis, dass in den Schubladen der Verlage schon die Pläne für den vollständigen Wechsel in die Netzwelt liegen, weil die gedruckten Auflagen unaufhaltsam sinken und die Werbeinnahmen schrumpfen.

Für Fernsehen und Radio, öffentlich-rechtlich wie privat, wird 2020 ebenso entscheidend. Die Abrufplattformen wie Netflix und Spotify wachsen dynamisch, eigentlich kann es sich kaum ein Programmanbieter leisten, dort nicht vertreten zu sein. Eine nichtkommerzielle Alternative, ob auf nationaler Ebene oder im europäischen Rahmen, ist ernsthaft noch nicht in Sicht.

Der Intendant des Deutschlandradios, Stefan Raue, aufgenommen am 08.06.2017 nach seiner Wahl in Köln (Nordrhein-Westfalen). Foto: Marius Becker/dpa | Verwendung weltweit (Marius Becker/dpa)Seit 2017 ist Stefan Raue Deutschlandradio-Intendant (Marius Becker/dpa)

Überlebenskampf in der Angebotsflut 

Doch dieser Wandel hat nicht nur eine technologische Seite. Wer in dieser neuen Unübersichtlichkeit der Angebotsflut überleben will, muss auffällig sein, Aufmerksamkeit erringen. Die neue Medienwelt fordert auf brutale Weise neue Formate und neue Ideen. Für die öffentlich-rechtlichen Sender kann das nur als Qualitätsoffensive geschehen. Aufwändige Recherchen, seriöse Nachrichten, anregende Kultur, gute Unterhaltung, spannende und bewegende Filme.

Wer nicht auffällt, wer kein nachvollziehbares Qualitätsversprechen abgeben kann, wer irgendwie im Medienmarkt mitschwimmt, der wird keine Chance haben. Profil, Unverwechselbarkeit, starke Marken, überraschende Ideen, das wird stärker gefragt sein denn je.

Illustration mit den Logos von Facebook, Whatsapp und Instagram (ZUMA Wire / Debarchan Chatterjee) (ZUMA Wire / Debarchan Chatterjee)Medienstaatsvertrag für Facebook und Youtube
Die medienpolitischen Regeln in Deutschland stammen aus einer Zeit vor Facebook, Instagram und Youtube – und sollen nun angepasst werden. Wichtigster Punkt: Nach dem neuen Medienstaatsvertrag sollen soziale Medien transparent machen, nach welchen Kriterien sie Inhalte ausspielen.

Für die alten Platzhirsche, ob privat oder öffentlich-rechtlich, bedeutet diese Herausforderung Chance und Risiko zugleich. Die treuen Stammseher, -hörer und -leser wollen weiter wie gewohnt bedient werden, die jungen und flexiblen Generationen fordern Neues und das auf anderen Wegen.

Der Medienstaatsvertrag als großer Wurf

Stimmen die 16 Bundesländer der KEF-Empfehlung, also der leichten Erhöhung des Rundfunkbeitrags auf 18,36 Euro zu, dann bedeutet das für die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten die finanzielle Stabilität unter hohem Spardruck. Doch diese scheinbare Stabilität und Kalkulierbarkeit ist auch nur auf den ersten Blick eine echte Perspektive. Die Öffentlich-Rechtlichen werden von manch liebgewordenem Angebot Abschied nehmen müssen, um Neues und Zukunftsträchtiges zu entwickeln, aber auch dafür gibt es keine Erfolgsgarantie.

Der neue Medienstaatsvertrag der Länder, der unscheinbar wirkt, ist ein großer Wurf, er nimmt die neue digitale Welt ernst und verpflichtet die globalen Medienkonzerne zu Transparenz und freiem Zugang für alle, die Voraussetzung für einen wirklich demokratischen Diskurs.

Das kann den Qualitätsmedien einen seriösen Rahmen geben in der neuen Medienwelt, doch die Chancen, die daraus erwachsen, müssen sie schon selbst ergreifen.

Diese große Veränderungsdynamik wird in den nächsten Monaten im alten Zeitungsviertel Berlins zu besichtigen sein. Springer wird sein neues Medienquartier eröffnen, ein futuristisches Raumschiff vis-à-vis zum alten Springer-Hochhaus. Dort werden Zeitungen, Fernsehen, Online und möglicherweise auch Audios gemeinsam geplant und produziert werden. So weit wie Springer ist kein anderer Verlag, ein mutiger und riskanter Schritt in die digitale Zukunft, weit mehr als die 9.300 km entfernt vom alten Standort der ruhmreichen "Los Angeles Times".

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