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StartseiteEuropa heuteTschechiens Liebe zum Verbrennungsmotor02.08.2017

Zukunft der MobilitätTschechiens Liebe zum Verbrennungsmotor

Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks hat sich in Tschechien eine florierende Autoindustrie entwickelt. Die Branche trägt maßgeblich zur Wirtschaftsleistung des Landes bei - und setzt bis heute auf Verbrennungsmotoren. Die Regierung will jetzt gegensteuern.

Von Peter Lange

Prager Altstadt  (Foto: Kilian Kirchgeßner)
Mitte der 90er-Jahre kamen auf 1.000 Einwohner 290 Autos, im Jahr 2013 waren es 450. Inzwischen sind es knapp 500. (Foto: Kilian Kirchgeßner)
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Jana ist Stadtführerin in Prag und jeden Tag an der frischen Luft. Wenn es nach ihr geht, dann ist es höchste Zeit, dass die Regierung etwas unternimmt: "Die Luft in Prag ist schrecklich. Wenn der Staat dafür sorgen würde und eine Kampagne starten würde, wäre die obere Mittelschicht sicher bereit, sich darauf einzulassen."

Eine Kampagne für die Elektromobilität meint sie. Pavel, der Fahrer eines nachgebauten Oldtimers für Stadtrundfahrten, sieht das ganz anders: "Das ist doch nur ein Marketing-Trick. Ich werde genau das Autofahren, das verfügbar ist. Und das ist momentan eines mit Verbrennungsmotor."

Petr, ein IT-Experte, könnte einer anderen Form der Mobilität schon etwas abgewinnen: "Da wäre ich mit Sicherheit dabei. Es gefällt mir, wenn die Entwicklung voranschreitet. Aber ich denke, es ist momentan noch nicht soweit, dass die Autos so günstig verkauft werden können wie Benziner oder Diesel."

Autobranche wichtig für die Wirtschaft

Tschechien ist noch nicht soweit. Das Land an der Nahtstelle von Ost und West hat in den letzten 20 Jahren erst einmal auf- und nachgeholt, was eine automobile Gesellschaft ausmacht. Mitte der 1990er-Jahre kamen auf 1.000 Einwohner 290 Autos, im Jahr 2013 waren es 450. Inzwischen sind es knapp 500. Ein Viertel der gesamten Industrieleistung Tschechiens kommt von der Autobranche, die jedes Jahr neue Rekordzahlen liefert.

Tschechien ist also ein Auto-Land. Und weil es so gut läuft, haben sich Regierung und Autoindustrie nicht gerade beeilt, beim Thema Zukunftsstrategien für die Mobilität von morgen. Auch wenn sich das bei Eduard Muřický, dem stellvertretenden Handels- und Industrieminister, anders anhört: "In einem Land in dem die Automobilindustrie so dominant ist, muss man, wenn man diese Position halten will, vor allem in den Bereichen Bildung, Forschung und Entwicklung Schritt halten mit der Welt. Das ist unsere erste Priorität."

Wenig E-Autos auf den Straßen

Eine Einsicht, die etwas spät kommt. Škoda, der führende Automobilbauer, hat erst in diesem Frühjahr den Prototypen eines Elektroautos vorgestellt. In den letzten fünf Jahren wurden ganze 1.067 E-Autos zugelassen. Landesweit gibt es etwa 100 Ladestationen, vor allem natürlich in den großen Städten. Zählt man Gas- und Hybridfahrzeuge hinzu, dann haben Autos mit alternativen Antriebsarten einen Anteil von etwas mehr als zwei Prozent an den Neuzulassungen.

Das hat natürlich Gründe, weiß auch Pavel Mertlik, der Rektor der Škoda -Auto-Hochschule: "In der Tschechischen Republik gibt es keine flächendeckende Unterstützung in Form von Subventionen, wie sie in manchen europäischen Ländern sehr stark sind. Zum zweiten ist die Infrastruktur bei uns nur sehr schwach."

Im September will die Regierung umgerechnet rund dreizehn Millionen Euro freigeben, um die Infrastruktur auszubauen. So sollen bis 2020 rund 1.200 Ladestationen entstehen. Bleibt der immer noch verhältnismäßig hohe Kauf-Preis. Firmen bekommen seit vergangenem Jahr Zuschüsse, wenn sie Fahrzeuge mit alternativen Antrieben anschaffen. Privatleute gehen bisher noch leer aus. Aber auch das soll sich ändern, ob noch vor den Wahlen im Oktober, ist aber fraglich.

"Was den Einsatz von E-Autos durch die Bürger angeht, haben wir einen konkreten Plan. Dabei geht es um direkte Subventionen und indirekte Anreize wie Steuerermäßigungen. Daneben gibt es nicht-finanzielle Instrumente wie zum Beispiel Vergünstigungen beim Parken in den Stadtzentren."

Das Schienennetz setzt Maßstäbe - ist aber marode

Damit spricht der stellvertretende Minister indirekt ein Thema an, das auch zur Mobilität gehört, aber ziemlich unterbelichtet ist - die Vernetzung der Verkehrsträger.

Prag zum Beispiel hat ein sehr gut ausgebautes und leistungsfähiges Nahverkehrsnetz. Aber Park and Ride-Parkplätze gibt es kaum, und auch, was Carsharing und das Radwege-Netz angeht, liegt die Stadt hinter vergleichbaren Metropolen zurück.

Das eigentliche Pfund der Tschechen in Sachen Mobilität der Zukunft ist das Bahnnetz, mit knapp 10.000 Streckenkilometer so engmaschig wie in keinem anderen vergleichbaren Land. Es müsste saniert und modernisiert werden. Aber auch das kostet viel Geld und ist im Auto-Land Tschechien noch nicht richtig populär.

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