Montag, 10.12.2018
 
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Zukunft mit Kindern

Eine interdisziplinäre Studie sucht nach Ursachen für den demografischen Wandel

Frauen in Deutschland, Österreich und der Schweiz bringen im Schnitt nur 1,4 Kinder zur Welt - weniger, als sie sich wünschen. Ein Team der Berliner Akademie der Wissenschaften und der Leopoldina ist den Ursachen der Kinderlosigkeit auf den Grund gegangen - und schlägt ein Bündel von Gegenmaßnahmen vor.

Von Isabel Fannrich-Lautenschläger

Über die Kinderwunsch und Kinderlosigkeit existieren noch viele Mythen. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
Über die Kinderwunsch und Kinderlosigkeit existieren noch viele Mythen. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
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"Es gibt einen Mythos, dass die geringe Geburtenrate etwas mit der Arbeitstätigkeit, Berufstätigkeit von Frauen zu tun habe. Ist ein klassischer Mythos, der bei uns propagiert wird. Hier zeigt sich – die Arbeitsgruppe hat über die Grenzen weggeschaut – und in Schweden, zum Beispiel, auch in den USA, gibt es eine hohe Erwerbstätigkeit von Frauen. Und es gibt eben nicht dieses Problem der geringen Kinderlosigkeit. Also dieser Mythos ist ein gemachter Mythos."

Dies ist nur eine von vielen Legenden über Kinderlosigkeit, die Günter Stock benennt, der Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Eine andere wäre, dass die Samenqualität des Mannes sich in den vergangenen Jahrzehnten verschlechtert hat – was so nicht gemessen werden konnte. Und eine weitere, dass die Kinderlosigkeit in Deutschland, Österreich und der Schweiz so hoch ist wie nie zuvor – wofür es historische Gegenbeispiele gibt.

Tatsache ist, dass in den drei Ländern eine ähnlich niedrige Geburtenrate zu beobachten ist und die Frauen im Schnitt nur 1,4 Kinder zur Welt bringen – weniger, als sie sich wünschen. Die Berliner Akademie und die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina wollten in der Studie den Ursachen auf den Grund gehen. Die beteiligten Soziologen, Historiker und Mediziner, die Demografen, Ökonomen und Psychologen haben bewusst einem öffentlichen Diskurs den Rücken zugedreht, der sich auf die Auswirkungen von Kinderlosigkeit konzentriert - wie etwa die ausbleibenden Rentenbeiträge.

Günter Stock: "Wir wollen also nicht ein demografisches Problem lösen, sondern wir wollen herausfinden, wieso Paare mit Kinderwunsch diesen oftmals nicht realisieren, realisieren können. Es geht uns also primär um das kindliche und elterliche Wohlbefinden in einer Zukunft mit Kindern, und wie wir dieses vernünftigerweise zusammenführen können."

Im Mittelpunkt steht die Lebensqualität von Eltern und Kindern, nicht deren Zahl. Die Wissenschaftler haben viele Gründe dafür identifiziert, warum junge Männer und Frauen keine Kinder bekommen wollen oder ihren Wunsch verschieben – und am Ende nicht mehr realisieren können.

Als Hauptproblem benennt der Soziologe Hans Bertram die heutige Asymmetrie im Lebensverlauf. Früher sei dieser in drei Abschnitte geteilt gewesen: die Ausbildung in Kindheit und Jugend, das Arbeiten und Kinder großziehen im Erwachsenenalter sowie das Rentenalter. Examen mit 24, vier Jahre arbeiten, Kinder bekommen – und gut dabei verdienen sei nicht unüblich gewesen:

"In den 70er-Jahren konnte ein junger Facharbeiter davon ausgehen, dass er das höchste Einkommen zwischen dem 25. und 35. Lebensjahr erzielte. Das war auch die Zeit, in der er Familie gründete."

Heute ist das anders: Eine lange Ausbildungszeit und die frühere Rente verkürzen das mittlere Lebensdrittel. In der Rushhour des Lebens müssen Frauen und Männer die großen Aufgaben komprimieren: Fanden noch Anfang der 90er-Jahre die meisten Akademikerinnen und Akademiker nach ihrer Ausbildung eine feste Stelle, arbeiten sie heute im Schnitt drei Jahre lang zeitlich befristet – bevor sie sich auf einer festen Stelle behaupten müssen. Eine unsichere Situation, in der die Entscheidung für Kinder entsprechend spät fällt. Dadurch steigt in Deutschland, Österreich und der Schweiz das Alter von Frauen bei der Geburt des ersten Kindes seit Jahrzehnten kontinuierlich an. Hans Bertram, Professor an der Humboldt-Universität Berlin:

"Ein junger Akademiker weiß heute, das höchste Einkommen erzielt er irgendwo zwischen dem 55. und 60. Lebensjahr. Aber er hat als 30-Jähriger bei einer halben Stelle vielleicht tausend oder zwölfhundert Euro netto. Mit dem Versprechen, später verdienst du ganz viel. Wenn Sie ein solches Anreizsystem aufbauen, dann darf man sich nicht wundern, dass viele junge Menschen zunächst versuchen, sich ökonomisch zu sichern, bevor sie anfangen, über Kinder und Ähnliches nachdenken."

Den richtigen Partner zu finden und mit ihm Beruf und Kinderwunsch zu koordinieren, ist das eine Thema. Das andere betrifft die Möglichkeit, Kinder zu zeugen. Dass und wie sehr die Fruchtbarkeit mit zunehmendem Alter abnehme, sei erstaunlicherweise nicht weit genug bekannt, sagt Wolfgang Holzgreve, ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Bonn.

"Um das zu verdeutlichen, ist die Wahrscheinlichkeit einer Frau zwischen 20 und 24, eine gewollte Schwangerschaft zu erreichen innerhalb eines Jahres über 60 Prozent. Das sinkt dann bis 30 auf 60 Prozent, also nicht sehr stark, danach aber doch deutlich stärker. Und wenn mal das 45. Lebensjahr erreicht ist, ist die Wahrscheinlichkeit nur noch 16 Prozent."

Umgekehrt ausgedrückt: Eine Frau im Alter zwischen 20 und 24 hat eine nur vierprozentige Wahrscheinlichkeit, unfruchtbar zu sein. Diese steigt aber auf 70 Prozent, wenn sie 45 Jahre alt ist.

Das Wissen über den weiblichen Zyklus und den richtigen Zeitpunkt sei zwar vorhanden. Dass bei Männern ab 40 die Zeugungsfähigkeit nachlässt und auch künstliche Befruchtung mit zunehmendem Alter schwieriger wird, sei ebenfalls nicht neu. Allerdings werde dieses Wissen in der Schule nicht vermittelt, sagt Wolfgang Holzgreve:

"Auch wenn in diesen drei Vergleichsländern die Sexualerziehung in Schulen Teil des Curriculums geworden ist erfreulicherweise, werden dort aber unserer Meinung nach zwar die Fakten zu Pubertät und Sexualität vermittelt. Aber die eben angesprochenen etwas komplexeren Zusammenhänge von Fruchtbarkeit und Schwangerschaft wohl nicht genug. Und hier empfiehlt die Arbeitsgruppe eine Änderung, um eben Frauen rechtzeitig auf informierte Entscheidungen vorzubereiten."

Wie kann das kindliche und elterliche Wohlbefinden, das materielle Sicherheit und Gesundheit, Bildung und Arbeit sowie soziale Teilhabe einschließt, erhöht werden?

Die Wissenschaftler schlagen ein Bündel von Maßnahmen vor, die den Alltag familienfreundlicher gestalten helfen und den Lebenslauf entzerren sollen. Darunter so bekannte wie eine gute Kinderbetreuung in Hort und Ganztagsschule, aber auch unbekanntere wie ein "Familienzeitkredit" über den gesamten Lebenslauf. Der Soziologe Hans Bertram:

"Dass man die beruflichen Lebensläufe so neu konstruiert, dass man wegen der Fürsorge für Kinder nicht benachteiligt wird. Das einkommensabhängige Elterngeld war ein Schritt dahin. Aber das gilt natürlich auch für berufliche Karrieren. Dass man nicht Präsenzzeiten braucht und Ähnliches, was es ja alles in der Berufswelt gibt. Und dass man zum Zweiten einfach sicher stellt, dass junge Erwachsene in der Zeit, in der sie sich für Kinder entscheiden, auch über das notwendige Einkommen verfügen. Deswegen die Forderung nach Kindergrundsicherung, um unabhängig von dem möglicherweise sehr niedrigen eigenen Einkommen, was man erzielt, auch zu entscheiden: Ich kann auch eine ökonomische Sicherheit meinem Kind gewährleisten."

Die Entscheidung für oder gegen ein Kind hängt von vielen Faktoren ab, betonen die Akademieexperten. Familienpolitik könne hier nur die Rahmenbedingungen schaffen: eine Trias aus Zeit, Geld und Infrastruktur, aus der Familien wählen können. Eines aber könne und solle sie nicht: die Geburtenrate gezielt steuern.

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