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StartseiteKommentare und Themen der WocheFrau Bundeskanzlerin, bitte übernehmen Sie!07.09.2020

Zukunftskommission LandwirtschaftFrau Bundeskanzlerin, bitte übernehmen Sie!

Dass Bundeskanzlerin Angela Merkel persönlich zum Auftakt der Zukunftskommission Landwirtschaft eingeladen habe, sei wichtig und richtig gewesen, kommentiert Jule Reimer. Denn es gehe um nichts weniger als die Agrarwende. Und es wäre nicht die erste Wende, die Merkel mutig einleitet.

Von Jule Reimer

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Kühe stehen in einem Melkstand in einem Stall.  (picture alliance / dpa / Monika Skolimowska)
Kühe im Melkstand (picture alliance / dpa / Monika Skolimowska)
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32 Mitglieder für eine Kommission – das ist ganz schön groß. Und dann noch so gegensätzliche. Umwelt- und Tierschützer, Chemie- und Saatgutindustrie, Lebensmittelwirtschaft, Wissenschaftler, Verbraucherschützer und Bauernvertreter verschiedener Strömungen an einem Tisch! Ja, komplex. Doch bei manchen Teilnehmern wäre es schon als Erfolg zu werten, wenn sie lösungsorientiert versuchen würden, miteinander zu reden. Denn die einen, die kleinen und die Biobauern, die Umwelt- und Tierschützer - pflegten bislang jeden Januar am Rande der Berliner "Grünen Woche" gegen – wie sie es nennen - "Agrarindustrie", "Massentierhaltung" und "Folterfleisch" zu skandieren, unter dem Motto "Wir haben es satt".

Deutscher Bauernverband und Agrarchemieindustrie wiederum hielten den Protesten auf der Gegen-Demo triumphierend entgegen: "Wir machen Euch satt – und zwar zu Billigstpreisen". Nur kniffen sie dabei die Augen tüchtig zu. So entging ihnen, wie Feldlerchen, Wildkräuter und Krabbeltiere aller Art immer seltener wurden, dafür Schädlinge wie der Maiszünsler trotz Hochleistungssaatgut und Gift sich weiter ausbreiteten. Vergan­genen Herbst kam dann noch die dritte Fraktion dazu, Traktoren von "Land schafft Verbindung", ein eigentümlich durchmischter Trupp von kleinen Bauern und großen Agrarunternehmern, und ein paar wedelten demonstrativ in Richtung AfD.

  (imago / Eibner Europa) (imago / Eibner Europa)Zukunftskommisson Landwirtschaft - "Bauern bekommen keine faire Entlohnung" Als Landwirtin fühle sie sich gestärkt, wenn die Gesellschaft eine artgerechte Tierhaltung und mehr Klimaschutz fordere, sagte Elisabeth Fresen von der AG Bäuerliche Landwirtschaft im Dlf. 

Heute hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel persönlich geladen. Das war wichtig und richtig, denn ob Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner das Format für eine Kursänderung mitbringt, muss sie noch beweisen – ihre bisherige Amtsführung belegt das jedenfalls nicht. Es geht um nichts weniger als um eine Agrarwende. Die Deutschen könnten sich dabei Unterstützung aus Brüssel holen – wenn sie nur wollten. Aus dem neuen milliardenschweren Budget der EU wird voraussichtlich jeder dritte Euro in die Landwirtschaft fließen. Die EU-Kommission hat bereits eine Reihe von Konzepten vorlegt, auch um den Klimaschutz in der Landwirtschaft massiv zu fördern. Auch die sogenannten Farm-to-Fork-Strategie – mit der die Lebensmittelkette vom Hof bis auf den Teller umgekrempelt werden soll – ist ein guter Ansatz, um weniger Pestizide und Dünger auszubringen, den Antibiotikaeinsatz und die Zahl der Tiere in den Ställen zu verringern. Und wenn auch die kleineren Höfen Überlebenschancen haben sollen, dann muss sich auf jeden Fall das Gießkannenprinzip bei den Direktsubventionen ändern, das vor allem die großen Agrarunternehmen fördert. 

Darum wird in den nächsten Wochen gerungen, im EU-Parlament, aber auch zwischen den Agrarministern und den Regierungschefs der EU. Es ist zu hoffen, dass die Bundesregierung in Berlin nicht so tut, als fördere sie Veränderungsbereitschaft, aber in Brüssel für die alten Zöpfe votiert. Deshalb: Frau Bundeskanzlerin, es wäre nicht die erste Wende, die Sie mutig einleiten. Sie haben die Richtlinienkompetenz. Bitte übernehmen Sie!

Jule Reimer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Jule Reimer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Jule Reimer, Redakteurin in der Abteilung Wirtschaft und Gesellschaft des Deutschlandfunk, spezialisiert u. a. auf internationale Handels-, Rohstoff-, Agrar-, Energie- und Umweltpolitik. Studium der Volkswirtschaft und Portugiesisch an der Universität zu Köln, journalistische Ausbildung in der "Kölner Schule" und bei der Deutschen Welle. Kurzzeitkorrespondentenvertretung der ARD für das südliche Afrika. Neben der Leidenschaft für Globalisierungsthemen ein tiefe Zuneigung zur lusophonen Welt. Deshalb immer mal wieder Kommentare zu und Reportagen aus Brasilien, Angola, Mosambik.

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