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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDas Fehlen der großen Entwürfe18.06.2015

ZukunftskonzepteDas Fehlen der großen Entwürfe

Zukunftskonzepte sind historischen Veränderungen unterworfen. Im 19. Jahrhundert vertrauten Industriegesellschaften dem technischen Fortschritt und glaubten an eine Entwicklung zum Besseren, an eine gute Zukunft.

Von Bettina Mittelstraß

Belgien: Atomium in Brüssel (picture-alliance / dpa / Daniel Kalker)
Wo sind die Visionen von heute und was wurde aus den Zukunftsträumen von einst? (picture-alliance / dpa / Daniel Kalker)
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"Der Begriff der "Zukunft", der ist ja gewissermaßen ein Bestandteil des alltäglichen Vokabulars. In den modernen Bedeutungen gibt es ihn eigentlich erst seit sagen wir 1750, 1800. Also ein Zukunftskonzept, wie wir es heute haben, ist selber ein historisches Produkt und alles andere als selbstverständlich", sagt der Kulturwissenschaftler Falko Schmieder vom Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin. Um 1800 veränderten sich in Europa insgesamt die Zeitvorstellungen - so jedenfalls die bekannte These des 2006 gestorbenen deutschen Begriffshistorikers Reinhart Koselleck.

"Die Ursprungserfahrung ist die, dass durch neue technologische Entwicklungen, dass durch die Welterkundung, die Erderkundung die Menschen immer weniger mit dem auskommen, was sie bisher gelebt und erwartet haben."

Zukunft ist offen

Immer schneller wird in der Moderne immer mehr Neues erfunden und erfahren - vor allem im Zuge der industriellen Revolution. Das verändert die über Jahrhunderte hinweg grundsätzliche Annahme, dass sich Zukunft aus den Erfahrungen der Vergangenheit ableitet und zyklisch verläuft. Die Vorstellung "wie es immer war, wird es auch sein" hört in der Moderne auf zu gelten. Stattdessen wird die Zukunft offen.

"Und im 19. Jahrhundert ist die zunächst einmal ganz positiv gedacht worden, weil sie gedacht haben: Die Entwicklung, wie sie sich jetzt abzeichnet, die bringt uns immer weiter zu einer glücklicheren Zukunft, zur Verbesserung der Dinge und das ist eben sozusagen dieses Fortschrittskonzept, was für das 19. Jahrhundert so wichtig war. Der Fortschrittsbegriff ist sozusagen der, der von der Gegenwart in die Zukunft führt, das ist eigentlich dieses dynamische Prinzip, das die Gesellschaft ständig transformiert zu einer inneren, ja besseren, glücklicheren, freieren Gesellschaft führen wird."

Aber der Fortschritt als positiver und leitender Begriff hat weitgehend ausgedient. Zukunft ist nicht mehr gleich Fortschritt und Entwicklung. Zukunft erscheint nach den Erfahrungen der Weltkriege, auch des Kalten Krieges und im Atomzeitalter als bedrohlich oder wird im Zusammenhang mit den Debatten um Transhumanismus oder Klimaerwärmung als katastrophal wahrgenommen. Ins Zentrum der Rede über die Zukunft rücken andere Begriffe.

"Da ist der Krisenbegriff tatsächlich ein, man könnte sagen ein Trabant oder ein Parallelkonzept zum Begriff des Fortschritts, weil in dem Maße, wie sich diese Fortschrittserfahrung negativisiert, der Krisenbegriff dominanter wird. Und der ist im Gegensatz zum Fortschrittsbegriff nun heute ein Zentralbegriff, der unseren Alltag quasi schon strukturiert. Also Krise war früher für einzelne historische Ereignisse eigentlich repräsentativ, während es heute quasi jeden Tag in jedem Zeitungsbericht zu finden ist."

Falko Schmieder. Am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin beschäftigt man sich schon lange mit verschiedenen "Zukünften" - mit Prophetien, mit Futurologie, mit Prognosen. Zuletzt auf einem Workshop zu "Begriffsgeschichte und Zukunftswissen". Wenn die Zukunft mit Krise in Verbindung gebracht wird oder zumindest als unsicher erfahren wird, dann muss man sich ihrer beinahe zwangsläufig irgendwie "versichern".

Setzen auf Absicherung

"In der Tat scheint es mir so zu sein, dass das heutige Setzen auf Absicherung, auf Nachhaltigkeit, auf Prävention für unsere aktuelle Art, Zukunft zu entwerfen, ziemlich charakteristisch ist.

Professor Stefan Willer ist stellvertretender Direktor am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung und leitet die Forschungsgruppe "Sicherheit und Zukunft".

"Wir interessieren uns für den fiktiven und fiktionalen Anteil von Sicherheit und speziell für das, was Sicherheit mit Zukunft zu tun hat. Also wie möchte man Zukünfte absichern? Wie funktioniert zum Beispiel so etwas wie eine Versicherung, als Idee? Was ist eine Zusage, ein Versprechen auf Sicherheit? Sicherheit ist ja tatsächlich in der Regel nicht etwas, was da ist und bleibt, sondern ein prekärer Zustand, der mit bestimmten Risiken behaftet ist. Und daran schließen sich alle möglichen Arten von Kalkulationen, aber auch Fiktionen über die Zukunft."

Es geht um eine existenzielle, eine in körperlicher und sozialer Hinsicht verstandene Sicherheit. Es geht in der Gegenwart aber auch um eine erkenntnistheoretische Sicherheit - darum, etwas sicher zu wissen. In diesem Fall darum, sich sicher zu sein über das, was kommt.

"Das Versprechen auf Sicherheit in diesem existenziellen Sinn geht natürlich einher mit der Zusage, dass man sich auch sicher ist über die zukünftigen Entwicklungen, dass es zumindest eine Abschätzbarkeit gibt, wie Zukünfte sich entwickeln. Denn sonst wäre es ja sehr schwierig, irgendetwas oder irgendwen zu versichern. Wenn sich die gesamte nicht nur Weltlage, sondern die sozialen Regeln von heute auf morgen ändern könnten, dann gäbe es eben überhaupt gar keine Kontinuität von heute auf morgen und das gesamte Präventions- und Vorsorgewesen würde in sich zusammen brechen."

Man braucht natürlich Zukunftsgeschichten

Zukunft wird deshalb heute nicht mehr visionär oder als Utopie entworfen, das wäre schlicht zu unsicher. Sie wird hingegen akribisch bis ins Detail berechnet - seinen Ausdruck findet das in der Technikfolgenabschätzung, die in den 1980er Jahren beginnt, oder heute in den sogenannten Sachstandsberichten des Intergovernmental Panel on Climate Change, des Weltklimarates.

"Diese IPCC-Berichte - das sind ja eben solche differenzierten, hochgradig differenzierten Berechnungen, an denen tausende von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern beteiligt sind, die in einem sehr komplexen Verfahren redigiert und zusammengestellt werden. Naja, aber dann haben sie halt irgendwie ein unglaublich großes Zahlenwerk und eine Ansammlung von Diagrammen und Graphen, die aber irgendwie auch an die Öffentlichkeit gebracht werden müssen. Und dafür ist es notwendig, dass aus diesen differenzierten Szenarien dann doch auch wieder einigermaßen klare Prognosen gemacht werden, die natürlich nicht ganz eindeutig lauten: in 100 Jahren Weltuntergang. Aber die eben tatsächlich sagen: Also, wenn dieser oder jener Parameter sich so entwickelt, dann könnte es so werden. Wenn das, dann das. So. (...) Ich glaube es ist tatsächlich einfach gar nicht möglich in der eigenen Geistesbeschäftigung, sich Zukunft in Gestalt einer Szenario-Analyse vorzustellen. Man braucht natürlich Zukunftsgeschichten."

Unter den Zukunftsgeschichten ist aber vor allem der "worst case", der Weltuntergang, geradezu verheerend attraktiv. Heute weiß jeder genau, wie die Zukunft im schlimmsten Fall aussehen könnte - die Riesenwelle, der Mega-Sturm, die Supervulkanexplosion, die totale Überwachung, die hyperperfektionierte und geklonte Menschheit oder ihre Ausrottung durch aus biotechnologischen Laboren entfleuchte Killer-Viren, alles das ist als bewegtes Bild schon in jedermanns Bewusstsein. Interessant dabei ist die angenommene Nähe der Zukunft: Sie ist nicht mehr fern, sondern ganz gegenwärtig, eigentlich stolpern wir ihr sogar hinterher. Die Vorstellung einer so nah gerückten Zukunft beobachten Wissenschaftler ab den 1970er Jahren. Die Wissenschaftshistorikerin Professor Christina Brandt von der Ruhr-Universität Bochum:

"Überall kommt die Zukunft, sie ist schon da. Und wir kommen nur nicht hinterher. Und das bedeutet natürlich dieses Bild: Wir haben neue Technologien, wir haben neue Möglichkeiten, aber die Gesellschaft ist noch gar nicht soweit hinterher zu kommen, und wir müssen sie erst mal ganz schnell einholen. Also das ist so ein anderes Feld der Zeit, was ganz deutlich wird, wenn es um Zukunftskonzepte geht. Die Zukunft ist schon da und wir sind noch gar nicht bereit für sie - und das ist natürlich eine technologische Zukunft, die dann als Dasein gedacht wird."

Weltuntergang, geradezu verheerend attraktiv

Für die Individuen in unseren industrialisierten Gesellschaften bedeutet das permanente und konkrete Zukunftsplanung auf allen Ebenen.

"Anstelle der früheren Utopien und gerade auch der linken Gesellschaftsvorstellungen sind heute eigentlich sehr konkrete Vorstellungen getreten. Jede Stadt, jedes Land, jeder Konzern muss heute seine mittelfristige und langfristige Zukunft planen und Ziele sich setzen und zu den Zielen gehören Berichtspflichten usw., sodass das heute in einem erstaunlichen Maße konkretisiert worden ist."

Der Politikwissenschaftler Professor Martin Jänicke forscht am Institute for Advanced Sustainability Studies in Potsdam, wo sich Wissenschaftler aus aller Welt mit Klimawandel, Nachhaltigkeit und Energiesicherheit - mit anderen Worten mit Zukunft - beschäftigen.

"Ich denke, dass viele Zukunftsfragen heute einfach gesellschaftlich routinemäßig behandelt werden ohne dass man von Zukunft redet. Die Zielorientierung vieler Akteure und vieler Organisationen ist eben bezeichnend dafür."

Martin Jänicke war Mitglied in der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität", die 2013 ihren Abschlussbericht vorgelegt hat. Die zusammengerufenen Experten und Politiker, die über nachhaltiges Wirtschaften und gesellschaftlichen Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft nachdenken sollten, verhandelten nichts anderes als Zukunft.

"In der Enquete Kommission konnte man eigentlich symptomatisch sehen, dass diese Zukunftsfrage eben aufgelöst wird in lauter Detailfragen, in lauter Detailziele, die auch in hohem Maße durchaus konsensfähig sind. Also es ist zum Beispiel heute nicht mehr so, dass nur linke Parteien Genderfragen vertreten oder dass nur linke Parteien Gerechtigkeitspostulate haben - das ist heute weltweit als Inclusive Economy, Green Economy usw. akzeptiert, das vertritt auch die Weltbank und die OECD. Aber es sind eben Teilziele geworden, die auch im Zeichen des Internets durchaus mit einer gewissen Sachorientierung zu tun haben."

Konkrete Sachfragen

Dass man in Sachen Zukunft fast nur noch an konkreten Sachfragen interessiert ist, sei nicht so ganz schlecht, sagt Jänicke, der sich vor allem im Bereich der Umweltpolitik schon in den 1970er Jahren mit Zukunftsfragen beschäftigt hat.

"Die alten Utopien hatten den großen Nachteil, dass sie nie ins Konkrete vorgestoßen sind und dann eben auch nicht so sehr wirksam waren. Das ist der große Vorteil der Entideologisierung, keine Frage, dass wir wirklich sachorientiert sind und einen breiten Sachdiskurs auch von Leuten haben, die zum Teil früher das nicht gemacht haben. Und gleichzeitig, im Gegensatz dazu, haben wir die Entpolitisierung der Wählerschaft und des Wahlsystems und der Demokratie und das Phänomen, dass die linken Parteien unter die Räder kommen bei den meisten Medien. (...) Also die parteiliche Repräsentanz der Diskussion über Grundfragen und Systemfragen ist nicht mehr da."

Es wäre aber durchaus sinnvoll, wenn man auch die große Frage nach dem richtigen Gesellschaftssystem für die Zukunft noch mal stellt, meint Jänicke.

"Die Frage der Übermacht der Ökonomie in der Politik zum Beispiel, das erfordert neue Analysen und neue Theorien und auch Handlungsoptionen müssen neu erarbeitet werden."

Gleichzeitig müsse man für den Blick in die Zukunft aber auch deutlicher machen, was sich positiv verändert habe. Die guten Zukunftsgeschichten lohnen sich auch erzählt zu werden.

"Wenn man nicht weiß, was man gut gemacht hat, dann kann man auch nicht besser werden. In Deutschland zum Beispiel sogar in meinem Gebiet, der Umweltpolitik: Viele Dinge, die im Ausland an Deutschland wirklich sehr interessant gefunden werden und nachgeahmt werden, sind in Deutschland gar nicht bewusst. Man weiß gar nicht, dass die ökologische Steuerreform unglaubliche Effekte hat. Aber anderswo ist das studiert worden. Und bei uns dominiert eben auch in den Medien dieses Bild: Eine gute Story ist eben nur eine Misserfolgsstory. Erst wenn die Sache gescheitert ist, ist man am Ende der Geschichte. Mit so einer Grundorientierung, die wiederum viel mit den Medien zu tun hat, wird man nicht die Zukunft bewältigen."

Lebenserwartungen werden länger

Zukunft bewältigen, das fängt neben allen großen Fragen schon bei ganz persönlichen Lebensentwürfen an. Am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, kurz WZB, werden sie seit Jahren unter die Lupe genommen.

Inzwischen haben die derzeit 20jährigen eine sehr viel längere Zukunft vor sich als noch ihre Eltern, Großeltern und Urgroßeltern - weil Lebenserwartungen länger werden und Menschen in Industrienationen immer länger gesund bleiben. Vor diesem Hintergrund ändern sich offenbar auch individuelle Zukunftskonzepte, die sich in der Planung des Lebensverlaufs niederschlagen. Für die Älteren bedeutete Zukunft, sich getrennten Aufgaben, als Hausfrau und Familienernährer zu widmen und dann in Rente zu gehen. Die nächste Generation träumte von der doppelten Karriere – aber auch diese Zukunftsvision hat sich geändert, sagt die Soziologin Professor Jutta Allmendinger, Präsidentin des WZB.

"Frauen haben bei uns schon immer gesagt: Ich will mal sterben und ein ganzes Leben gehabt haben. Ich will nicht jetzt hier meine Karriere machen und mit 50 dasitzen und sagen: Na, jetzt habe ich keine Freunde, ich hab keine Kinder, ich hab gar nichts und kann mich jetzt auf die nächsten 40 Jahre als einsame Frau aber in großem Luxus mit einer Eigentumswohnung bewegen. Und deshalb machen wir lieber einen Lebensverlauf, den wir uns so vorstellen: Was will ich mit 50 haben?"

"Männer fangen jetzt interessanterweise an, also wir haben jetzt die vierte Befragung im Feld, wo jetzt die Männer sagen: Also wir müssen schon auch aufpassen, dass wir auch was von unseren Kindern haben und dass wir ein besseres Verhältnis haben als wir jetzt, so zu meinen Eltern oder so. Also die fangen jetzt auch ein bisschen an, so im Lebensverlauf zu denken und sich vorzustellen, was möchte ich denn später in meinem Körbchen haben, auf welches ich dann zurückschaue."

Und die junge Generation? Sie möchte heute modernere Zukünfte entwerfen als ein ganzes Leben in einem Beruf, bei einem Arbeitgeber und Rente mit 67. Sie wünschen sich ein Leben mit Inspiration, Familienglück und auch Abwechslung im Beruf – ein flexibles Leben.

"Sie wollen eine Entwicklung im Lebensverlauf haben, eine Entwicklung in der Arbeit. Sie wollen in unterschiedlichen Orten arbeiten und stoßen mit diesen Visionen immer wieder an Grenzen, weil wir halt nur diese eine Ausbildung meistens am Anfang des Lebens haben, weil wir unflexibel sind, dann Modulare aufzusetzen. Also die deutsche Gesellschaft ist diesbezüglich, was Lebensverlaufs-Konzepte eines modernen Lebens betrifft, ziemlich hinten dran."

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