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StartseiteWirtschaft am MittagZulasten innovativer Forschung02.04.2013

Zulasten innovativer Forschung

Pharmaindustrie bemängelt Urteil gegen Novartis

Mit neuen Medikamenten lässt sich meist nur über einen bestimmten Zeitraum Geld verdienen – dann ist der Weg für Nachahmer frei. In Indien hat ein Gericht der Firma "Novartis" nun den Patentschutz für ein Produkt versagt. Bei den Pharmaunternehmen sorgt das Urteil für Missfallen.

Von Michael Braun

Das Pharmaunternehmen Novartis hat in Indien eine wichtige Patentklage verloren. (picture alliance / dpa / Keystone Ruetschi)
Das Pharmaunternehmen Novartis hat in Indien eine wichtige Patentklage verloren. (picture alliance / dpa / Keystone Ruetschi)

Die forschenden Arzneimittelunternehmen kennen das: Der Bedarf ist groß, die Kassen knapp, da werden die Hersteller patentgeschützter Medikamente als Erstes unter Druck gesetzt, einen Kostenbeitrag zu leisten. Auch in Deutschland passiert das: Die Pharmabranche muss einen Zwangsrabatt auf die Arzneimittelpreise leisten. Der machte in den vergangenen zwei Jahren jeweils 2,5 Milliarden Euro aus. Birgit Fischer, die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes der forschenden Pharmaunternehmen in Deutschland, nannte diesen Rabatt vor allem angesichts der Überschüsse in der Krankenversicherung eine Farce. Sie beklagt, Sparmaßnahmen seien in den letzten Jahren einseitig verhängt worden:

"Dass dies in den letzten Jahren nur zulasten pharmazeutischer Unternehmen und damit innovativer Arzneimittel gegangen ist, halte ich für problematisch auf Sicht, weil man damit also Möglichkeiten der guten Behandlung im Gesundheitswesen eher minimiert als steigert."

Frau Fischer vertritt einen Verband von 45 Unternehmen, die in Deutschland noch nach neuen Wirkstoffen suchen. Die großen Namen sind Bayer, Boehringer Ingelheim, Merck in Darmstadt, dazu die amerikanische Pfizer, die französische Sanofi Aventis oder auch der Schweizer Roche-Konzern, die in Deutschland pharmazeutische Forschung betreiben; Sanofi-Aventis etwa in Frankfurt am Main, weil die Franzosen die ehemalige Hoechst AG übernommen hatten. Fünf Milliarden Euro investieren die 45 forschungsintensiven Unternehmen jährlich in die Suche nach neuen Wirkstoffen. Nur wenige kommen letztlich auf den Markt, weiß der Pharmaanalyst Thomas Schiessle:

"Typischerweise sagt man, dass ungefähr zehn Prozent derjenigen Medikamentenkandidaten durchkommen und zu einem zugelassenen Medikament werden, die am Anfang der klinischen Testung in die Pipeline hineingesteckt wurden. Vor der klinischen Testung kommen noch einmal gewaltige Mengen von Untersuchungsmaterial in das Spiel, sodass man sagen kann, dass nur ein ganz, ganz kleiner Bruchteil derjenigen Kandidaten, die ganz am Anfang der Entwicklung standen, überhaupt einmal das Licht einer Apotheke sehen werden."

In den forschungsorientierten Unternehmen sind etwa 80.000 Menschen angestellt. Weitere 40.000 Branchenbeschäftigte arbeiten in den eher mittelständisch geprägten Pharmaunternehmen und bei den Herstellern von Nachahmerpräparaten wie Hexal, Ratiopharm und Stada. Dann gibt es noch die nach Beschäftigung und Umsatz kleine Gruppe der Unternehmen, die naturheilkundliche Präparate herstellen oder die als Biotech-Firmen auf der Suche nach ganz neuen Verfahren sind. Unternehmen wie Fresenius sind in den Markt für Generika eingestiegen, weil sie den für lukrativer hielten als den der forschungsintensiven patentgeschützten Wirkstoffe. Fresenius-Vorstand Ulf Schneider hatte zwei Megatrends ausgemacht, die ihn in das Geschäft mit Nachahmerpräparaten zogen:

"Da ist einerseits diese fortwährende Verbesserung der Gesundheitsversorgung in den Schwellenländern und andererseits das Auslaufen wichtiger Patente im Bereich der patentgeschützten Pharmazeutika. Allein in den USA werden Produkte mit einem Umsatz von über 20 Milliarden Dollar über die nächsten zehn Jahre ihren Patentschutz verlieren."

Zwei Trends sind in der forschungsintensiven Arzneimittelforschung auszumachen: Einmal der zu sogenannten Lifestyle-Präparaten, die etwa mit dem Potenzmittel Viagra bekannt geworden sind, die also nicht unbedingt medizinisch notwendige, aber die Lebenslust erhaltende Wirkung haben. Und dann die Suche nach Medikamenten gegen Krankheiten, an denen in Europa oft nicht mehr als 2.000 Menschen leiden, teure Forschung also, die nur durch zahlende Solidarität Vieler bewältigt werden kann.

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