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StartseiteKultur heuteDas Werk sichtbar halten29.06.2019

Zum 10. Todestag der Choreographin Pina BauschDas Werk sichtbar halten

Das Pina Bausch Zentrum soll 2025 in das Wuppertaler Schauspielhaus ziehen. Vor zehn Jahren starb die weltberühmte Choreographin. Um das Erbe ihres Tanztheaters wird gegenwärtig gerungen, seine Zukunft ist offen.

Von Elisabeth Nehring

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Pina Bausch führt eine Tanzfigur aus. Die weltberühmte Choreografin und Chefin des Wuppertaler Tanztheaters starb am 30. Juni 2009, im Alter von 68 Jahren. (picture alliance / dpa / epa)
Die weltberühmte Choreografin Pina Bausch führt eine Tanzfigur aus (picture alliance / dpa / epa)
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Pina Bausch war 36 Jahre lang das schöpferische Zentrum des Tanztheaters Wuppertal. Ein riesiges, künstlerisch ungeheuer wertvolles Erbe hat sie ihrem Ensemble, dem Publikum und der Stadt hinterlassen. Wuppertal weiß das zu schätzen – und hat große Pläne. Spätestens 2025 soll in das momentan brachliegende, aber dann wiedererweckte und durch einen Neubau erweiterte Schauspielhaus das Pina Bausch Zentrum einziehen – inklusive Tanztheater, Pina Bausch Foundation, eines Produktionszentrums und eines Bürgerforums. So ganz genau kann sich noch niemand vorstellen, wie das alles zusammenwirken und aussehen soll, doch schon jetzt ist klar: Pina Bausch war nicht nur eine der größten Choreografinnen der Gegenwart, sondern ist für Wuppertal auch zu einer unverzichtbaren Marke geworden. Was aber braucht es, damit sie für die Stadt auch Muse bleibt?

Die Frage nach der Weitergabe ist offen

Die, die ihr Erbe täglich aufrecht erhalten, sind die Tänzerinnen und Tänzer des Tanztheaters. Ihnen gebührt die allergrößte Hochachtung, denn sie haben all’ die Jahre nach dem Tod Pina Bauschs dafür gesorgt, dass ihr Werk sichtbar und lebendig blieb. Viele von den Jüngeren im Ensemble kennen die Choreografin gar nicht mehr persönlich; die immer sehr individuell ausgestalteten Rollen lernen sie von denen, die sie einst entwickelt haben. Dass dabei die Stücke nicht bleiben, wie sie einmal waren, dass sie sich verändern, ist klar – aber Transformation und Weiterentwicklung gehörten schon immer zur Arbeit des Tanztheaters. Doch kann diese Form der Weitergabe auch funktionieren, wenn irgendwann niemand mehr da ist, der noch mit ‚Pina’, wie sie hier gerne zärtlich sagen, zusammengearbeitet hat?

Wie die nächste Generation zur Weitergabe befähigt werden kann – diesen und anderen Fragen will die Pina Bausch Foundation unter der Leitung von Salomon Bausch in der kommenden Spielzeit in öffentlichen Veranstaltungen nachgehen – das ist richtig so. Daneben werden dankenswerter Weise auch die Anfänge des Archivs online gestellt – nach aufwändigen und akribischen Digitalisierungsprozessen von Videos, Probennotizen und anderen Quellen. Und außerdem wird eine Zusammenarbeit mit der berühmten École de Sable aus dem Senegal realisiert. Pina Bauschs radikales, kraftvolles und zur damaligen Zeit verstörendes 'Frühlingsopfer' – getanzt von einem eigens dafür gecasteten Ensemble mit ausschließlich afrikanischen Tänzerinnen und Tänzern? Eine aufregende Idee, die die Fragen nach Weitergabe noch einmal neu befruchten wird.

Im Geiste der Gründerin

Aber wie sieht es aus mit den in die Zukunft gewandten Aktivitäten des Tanztheaters? Hier legt sich nun ein Schatten über das ganze Thema. Nicht nur, weil die Ereignisse des letzten Jahres, sprich: die fristlose Kündigung der erfolgreichen und bis dato noch nicht lange amtierenden Intendantin Adolphe Binder noch frisch in Erinnerung ist – insbesondere weil ein Gericht ihrer Klage Recht gab und ein zweiter Richterspruch noch in diesem Sommer zu erwarten ist. Sondern auch, weil an dem Personalstreit zugleich die Frage nach der zukünftigen Ausrichtung des Tanztheaters hängt. Binders Linie, neben Repertoirepflege und Wiederaufnahmen auch große, abendfüllende Neuproduktionen von zeitgenössischen Choreografen wie Dimitri Papaioannou und Alain Lucien Oyen kreieren zu lassen, setzt ihre Nachfolgerin Bettina Wagner-Bergelt erst einmal nicht fort. Doch das Ensemble des Tanztheaters sollte mehr sein als eine lebendige Personifikation des Erbes. Die Wiederaufnahme von Pina Bauschs Macbeth-Inszenierung im Mai dieses Jahres hat gezeigt, dass ein über 30 Jahre altes Stück noch einmal ein ganz neues Licht auf ihr Gesamtwerk werfen kann. Das ist interessant. Doch das eigentliche Wesen der Bausch’schen Kunst – das Kreieren, Neuerfinden, Neuschöpfen – im großen Stil – muss dem Ensemble auch wieder ermöglicht werden. Nur dann ist die Gefahr gebannt, dass das Tanztheater Wuppertal irgendwann zum Museum wird.

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