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StartseiteBüchermarkt"Ich schreibe nicht aus Freude"09.04.2020

Zum 100. Geburtstag von Marlen Haushofer"Ich schreibe nicht aus Freude"

Zu Lebzeiten war Marlen Haushofer so gut wie vergessen. So hat sie auch den großen Erfolg ihres Romans "Die Wand" nicht mehr erleben können. Dieses wie andere Werke der Österreicherin handeln von sozialer Isolation und den Dämonen der Seele.

Von Brigitte Neumann

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3 Buchcover zu Marlen Haushofer (Buchcover Ullstein Verlag)
Drei Hauptwerke von Marlen Haushofer. Ihre Sympathie galt den Heldinnen des lautlosen Untergangs. (Buchcover Ullstein Verlag)

Camus Roman "Die Pest" ist der Klassiker der Stunde, Marlen Haushofers fünf Romane, ihre Novellen, Märchen, Kinderbücher, Hörspiele und Erzählungen sind es im Grunde auch: Allesamt beschreiben sie wie beiläufig, mit einfachen, manchmal fast kindlichen Worten Szenen des Unheimlichen, die Dämonen der Seele, das im Stil fein ziselierte erstickende Netz der Zweisamkeit. Die Frage ist jedoch: Wer weiß von diesem Werk? Wer kennt Marlen Haushofer noch?

Zeitlebens haben sich nur ihre Kinderbücher gut verkauft. Sogar ihr 1963 erschienenes Hauptwerk "Die Wand" kam erst posthum zur Geltung, als in den 80iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Frauenbewegung darin ein literarisches Beispiel für radikal feministische Autarkie entdeckt zu haben glaubte; ein Missverständnis. Die 1970 verstorbene Marlen Haushofer hatte zwar Simone de Beauvoirs Klassiker "Das andere Geschlecht" sorgfältig gelesen, wie Haushofers Biographin, die Literaturwissenschaftlerin Daniela Strigl, berichtet, und es sah auch so aus, als wäre die Haushofer von Männern rundweg enttäuscht gewesen, aber von Frauen war sie es ebenfalls.

"Was mich wirklich ängstigt, ist das Gefühl, allein zu sein in einer feindlichen Menschenwelt."

Die vergessene Autorin

Das schreibt Marlen Haushofer in ihrem zweiten veröffentlichen Roman "Die Tapetentür" von 1957. Der erste mit dem Titel "Eine Handvoll Leben" ist vergriffen und wird auch zum 100. Geburtstag der Österreicherin am 11. April nicht wieder aufgelegt. Der Ullstein Verlag, der die Rechte an fast allen Werken der Haushofer hält, plant nichts in diesem Jubiläumsjahr. Schon vor zwei Jahren sagte der Verlag eine kommentierte Gesamtausgabe ab, die das Adalbert-Stifter-Institut mitfinanziert hätte. Den Rest besorgt jetzt die Epidemie. Einzig eine Trilogie vergriffener Märchen unter dem Titel "Der gute Bruder Ulrich" legt der kleine Limbus-Verlag zu Ehren der Autorin wieder auf. Ihr selbst wäre der ausbleibende Wirbel um ihre Person vielleicht sogar recht gewesen, so wie ihr Nachlassverwalter und Freund Jan Tauschinski sie beschreibt:

"Zuerst war doch irgendetwas, eine Distanz, die nicht künstlich eingebaut war, sondern die sie einfach mit sich herumtrug wie eine zweite Schale. Sie war sehr still im Auftreten. Hat nie irgendetwas gesagt, was besonders auffällig oder besonders reklameartig gewirkt hätte. Sie hat sich also nie in Szene gesetzt. Sie hat sich gar keine Gedanken darüber gemacht, dass sie eine bedeutende Frau ist. Vielleicht hat sie es gar nicht gewusst."

Distanz zur Wirklichkeit

Marlene Haushofer, 1920 als Tochter eines belesenen Försters in Oberösterreich geboren, war bei Machtübernahme der Faschisten 13. Mit 18 wurde sie zum Reichsarbeitsdienst eingezogen. Ab 1940 studierte sie an der auf Linie getrimmten Universität Wien Germanistik. Sie war keine Widerständlerin, aber sie empfand die männliche Hybris, das Übermenschengetue und den Propaganda-Lärm als verstörend. Insgesamt hielt sie ihren literarischen und Gedanken-Kosmos klein und versuchte, ihn gegen die große Katastrophe abzuschirmen. In ihrem Hörspiel "Mitternachtsspiel" lässt sie zwei junge Mütter darüber räsonieren:  

"Du hängst Seidenpapier an die Wände und denkst: Robert, das Kind, ein bisschen Milch und Fleisch und Kohle … Wie kommt das? Warum erreicht uns die Wirklichkeit nicht?"
"Weil es nicht unsere Wirklichkeit ist. Meine Familie, mein Haus und mein bisschen Leben. Mehr geht in einen Menschen ja gar nicht hinein."

Marlen Haushofer selbst hat zu dem biographischen Gehalt ihrer Werke 1968 in einem Radio-Interview für den ORF gesagt: "Ich hab sehr viel Autobiographisches geschrieben. Und bin der Ansicht, dass im weiteren Sinn alles, was ein Schriftsteller schreibt, autobiographisch ist."

Die Einsamkeit des Kindes

Das trifft besonders auf den Roman "Himmel, der nirgendwo endet" aus dem Jahr 1966 zu, den Marlen Haushofer selbst als die Autobiographie ihrer Kindheit bezeichnete. Dieses Buch sticht im Gesamtwerk heraus, denn es schäumt förmlich über vor Lebendigkeit und sinnlichen Eindrücken. Die Kindheit ist der Himmel auf Erden für Meta, das alter ego der Autorin. Aber auch erste Schwierigkeiten deuten sich an. Immer wieder betont das Mädchen, sie wolle werden wie der Großvater oder der Vater. Keinesfalls wolle sie werden wie die Mutter, die sie als streng empfand, ein Dragoner, der manchmal aus der Küche schoss und die Tochter anschrie und schlug.

Aber auch den geliebten Vater umgaben stets "mehrere Meter undurchdringliche Luft". So fehlten dem Mädchen Nähe und Geborgenheit, um gedeihen zu können,

Alle Männer in Haushofers fünf Romanen, Novellen und Erzählungen, umgibt diese Aura der Unzugänglichkeit. Entweder sind sie robuste Tatmenschen und nehmen sich, was ihnen gefällt – wie Richard in der mit knapper Präzision gearbeiteten Novelle "Wir töten Stella" oder Gregor, die Hauptfigur im Roman "Die Tapetentür", dem nicht ganz so konzentriert wirkenden Protokoll einer schlimmen Schwangerschaft. Die andere Variante: Den Männern haftet etwas Zwanghaftes an, so wie Hubert aus Marlen Haushofers letztem Roman "Die Mansarde". Der Anwalt stellt in seiner Freizeit gern verlorene Kriegsgefechte der Vergangenheit nach, um sie – verspätet wenigstens theoretisch - zu gewinnen.

"Es ist beklemmend, zu sehen, wie nahe es ihm geht, dass er unsere verlorenen Schlachten nicht korrigieren kann. Nicht aus Patriotismus, dahinter bin ich längst gekommen, nur aus einem brennenden Verlangen nach Perfektion. Ihn kränken die verlorenen Schlachten sämtlicher Nationen."

Das Ende der Menschheit

Von anderem Kaliber und – das hat die Autorin auch selbst erkannt – geradezu herausragend, ist Haushofers berühmtester Roman "Die Wand" aus dem Jahre 1963. Nach einer nicht näher beschriebenen Umweltkatastrophe findet sich eine namenlose Wochenendausflüglerin allein in den Bergen, eingeschlossen von einer kühlen, gläsernen und unsichtbaren Wand. Weil sie den Verlauf der Wand mit Haselruten markiert, kann sie bald das ganze Ausmaß der Abtrennung erkennen. Ihre Bestrebung richtet sich nicht darauf, die Wand zu durchbrechen, zu untergraben oder zu übersteigen, denn sie sieht: Jenseits der Wand sind Menschen und Tiere tot. Nur die Pflanzen leben noch. Schade, dass es auch die Tiere getroffen hat, schreibt die namenlose Erzählerin in ihr Tagebuch. Menschen vermisst sie nicht, denn mit ihnen hat sie keine guten Erfahrungen gemacht, ohne dass sie dies näher erläutern würde. In Tagebucheintragungen protokolliert sie ihr neues Leben hinter der Wand.

"Ich schreibe nicht aus Freude am Schreiben. Es hat sich eben so für mich ergeben, dass ich schreiben muss, wenn ich nicht den Verstand verlieren will. Es ist ja keiner da, der für mich denken und sorgen könnte. Ich bin ganz allein und ich muss versuchen, die langen dunklen Wintermonate zu überstehen."

Aber dann sieht es gar nicht so aus, als wäre die Tagebuchschreiberin je in Gefahr gewesen, den Verstand zu verlieren. Es macht sie glücklich, auf der Waldlichtung Himbeeren zu ernten, Preiselbeeren einzukochen. Sie mäht, melkt, sieht den Schmetterlingen zu und hilft ihrer Kuh, ein Stierkalb auf die Welt zu bringen. Unbeschwert erkundet sie mit Jagdhund Lux Wälder, Wiesen und Auen. "Die Wand" liest sich über weite Strecken wie eine Schilderung Evas über ihre schönsten Jahre im Paradies. Aber eines Tages, als sie mit Lux von einem Spaziergang zurückkommt, ist Adam da. Mit einer Axt hat er den kleinen Stier geschlachtet. Und als Lux sich ihm knurrend nähert, erschlägt er auch ihn. Eva holt die Jagdbüchse aus dem Haus und erschießt den Mann ohne Warnung, ohne Ansprache. Damit ist nichts Geringeres als das Ende der Menschheit besiegelt.

"Die Wand" ist eines von Marlen Haushofers vitalsten Büchern, neben der Kindheitsbiographie "Himmel, der nirgendwo endet". Die Entwicklung innerhalb ihres Werks ist gut erkennbar: Von der Figur der Meta, die ihre kindliche Zauberwelt wütend aber erfolglos gegen eine harte Mutter verteidigt über die energische 40-jährige Eroberin aus "Die Wand" bis zur Endvierzigerin aus "Die Mansarde", einer Heldin des lautlosen Untergangs.

Marlen Haushofer, die mit acht Jahren schon Heine, Kleist und Hauff las, beschrieb das Lesen als einen Vorgang des Weltverschlingens. Einmal in den Sog des Haushofer’schen Erzählens gelangt, möchte man mehr von dieser Autorin und ihrer Beschwörung des Alleinseins lesen. Eine Werkausgabe wäre weiterhin ein wünschenswertes Projekt.

Marlen Haushofer: "Der gute Bruder Ulrich".
Mit einem Nachwort von Markus Bundi
Limbus Verlag. Innsbruck.
64 Seiten, 12 Euro.

Marlen Haushofer: "Die Tapententür".
Zsolnay Verlag, Wien
197 Seiten, 17,90 Euro

Marlen Haushofer: "Himmel, der nirgendwo endet".
Ullstein Verlag, Berlin
222 Seiten, 10  Euro.


Marlen Haushofer: "Die Wand".
List Verlag, Berlin
288 Seiten, 10  Euro.

Marlen Haushofer: "Die Mansarde"
Ullstein Verlag, Berlin
224 Seiten, 12.-  Euro.

Marlen Haushofer: "Wir töten Stella."
Ullstein Verlag, Berlin
112 Seiten, 8,99 Euro.

Marlen Haushofer" "Die Wand"
Hörbuch. Gekürzte Lesung von Elisabeth Schwarz.
140 Minuten
Produktion: hr2. Verlag: Hörbuch Hamburg.
9,95 Euro.

Daniela Strigl: "Wahrscheinlich bin ich verrückt …"
Marlen Haushofer. Die Biographie.
List Verlag, Berlin
416 Seiten, 12,99 Euro.

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